Neues Calexico-Album: Kein Country For Young Men

Weiter auf dem von Wim Wenders gewiesenen Weg durch den Wüstensand: "Carried to Dust", das neue Album von Calexico.

Die Musik von Calexico gehört in jedem gutbürgerlich-progressiven Haushalt zwischen Ry Cooder und dem "Buena Vista Social Club" ins CD-Regal. Bild: dpa

Die Reise geht weiter. Davon zeugt bereits das Cover, das eine Frau am Steuer eines altmodischen Ami-Schlittens auf großer Fahrt zeigt. Gleichzeitig kündet das Motiv in gewisser Weise von einer Rückkehr, stammt die Schablonen-Lithografie im Chicano-Airbrush-Stil doch wieder von dem mexikanischen Grafiker Victor Gastelum, der schon das ikonische Artwork der Calexico-Erfolgsalben "Feast of Wire", "The Black Light" und "Hot Rail" geprägt hat.

Die Grenzen des "Wüstenrock", wie das Americana-Genre des elegischen und kargen Alternative Country auch gerne genannt wird, haben Joey Burns und John Convertino mit ihrer Band Calexico schon lange hinter sich gelassen und sich der Folklore des südlichen Nachbarlands geöffnet. Bislang aber bezogen Calexico, die sich ja auch nach einer gleichnamigen Grenzstadt in Kalifornien benannt haben, ihre Inspiration vorwiegend aus der Grenzregion zwischen den USA und Mexiko, einem kulturellen Transitland und Hotspot der globalen Süd-Nord-Migration, und dessen Traditionen und Mythen. Die meisten ihrer Songs handelten bislang vom Schicksal der illegalen Einwanderer, die sich als Tellerwäscher, Hausmädchen oder Gärtner nördlich des Grenzzauns verdingen - also diesseits der "gläsernen Grenze", so der Titel ihres größten Radiohits, der auf einen Roman von Carlos Fuentes anspielte.

Auf "Carried to Dust" haben Calexico nun ihren Radius erweitert, ohne ihrem bewährten Akustik-Sound oder ihren Themen untreu zu werden. Anders als der Vorgänger "Garden Rain", ist das neue Album wieder ganz im heimischen Studio in Tucson, Arizona aufgenommen worden. Wieder sorgt John Covertinos schleppendes Schlagzeug für geheimnisvolle Stimmungen, wieder gleicht Joey Burns Gesang mehr einem Raunen als echtem Singen. Wieder sorgen Pedal-Steel-Gitarre und Vibrafon für Atmosphäre, und wieder werden sie durch schneidige mexikanische Mariachi-Bläser ergänzt. Trotzdem klingt "Carried to Dust" anders, weil es zu neuen Horizonten strebt.

Viele der Songs verdanken sich Begegnungen mit anderen Musikern, vor allem aus Lateinamerika, denen Burns und Covertino in den vergangenen Jahren auf ihren vielen Tourneen und Reisen über den Weg gelaufen sind, und deren Geschichten. Der Opener "Victor Jaras Hands" handelt von dem berühmten chilenischen Songwriter und Theaterregisseur, dem Pinochets Folterknechte nach dem Putsch von 1973 beide Hände brachen, bevor sie ihn ermordeten. "House of Valparaiso", das sich um ein Geisterhaus à la Allende dreht, erinnert an die vielen Chilenen, die in jener Zeit ins Exil flohen. Andere Stücke ranken sich um den Streik der Drehbuchautoren, der Los Angeles im vergangenen Jahr in Atem hielt, oder sie erzählen Moritaten von Armut und Elend im Moskau von heute ("Red Blooms").

Musikalisch mäandert es in die verschiedensten Richtungen aus. Von ihrem langjährigen Trompeter Jacob Valenzuela stammt "Inspiracion", ein lupenreiner, wunderbar kitschiger Bolero, für den die spanische "Mestizo"-Sängerin Amparo Sanchez als Gesangspartnerin einspringt. Streicher sorgen in der Ballade "News About William" für gediegenen Schmalz. Und die kanadische Folk-Sängerin Pieta Brown stand bei der verträumten Country-Ballade "Slowness" zur Seite.

Auch wenn ihre Anhänger das nicht so gerne hören werden: das ist natürlich Wim-Wenders-Musik. Eine "deutsche Adaption amerikanischen Rock n Rolls" hat der New Yorker Avantgarde-Songwriter Arto Lindsay das in einem Interview einmal bissig genannt: Aufrichtigkeit und Selbstmitleid von "Mittelschichts-Typen, die Arbeiterhemden tragen". Im besten Sinne konservativ, passt auch "Carried to Dust" in jedem gutbürgerlich-progressiven Haushalt zwischen Ry Cooder und dem "Buena Vista Social Club" ins CD-Regal; die American Recordings"-Trilogie von Johnny Cash steht gleich daneben.

Tatsächlich hat Wenders gerade erst wieder in seinen neuen Film einen alten Calexico-Song aufgenommen. Und auch sonst eignen sich ihre impressionistischen Song-Miniaturen gut zur Untermalung eines Films, wie es in den vergangenen Jahren schon häufig passiert ist - vorzugsweise eines Road Movies.

Calexico haben sich für "Carried to Dust" den Wüstenstaub von der Jacke geklopft. Aber in ihren Schuhen steckt noch viel Sand.

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