Neues Buch von Clemens J. Setz: Es gibt noch Welten zu entdecken

Clemens J. Setz will alles wissen. Sein neues Buch hat den Informationswert einer Dissertation und den Unterhaltungswert von Erzählungen.

Der Schriftsteller Clemens Setz mit Bart und Mütze

Große Leidenschaft für abseitige Wissensgebiete: Clemens J. Setz Foto: Susanne Schleyer/AKG

Kaum ein personenbezogenes Label hat in den letzten Jahren einen so beeindruckenden Bedeutungswandel vollzogen wie die Bezeichnung „Nerd“. Diente sie früher vor allem dazu, jene zu beleidigen, die im sozialen Kosmos des US-amerikanischen Bildungssystems mit ihrer Intelligenz statt mit sportlichen Fähigkeiten auffielen, ist sie heute ein angesehener Ehrentitel für Individualisten, die vielleicht etwas verschroben sind, aber mit ihrem Spezialwissen die Welt voranbringen.

Der österreichische Schriftsteller Clemens J. Setz wurde schon oft als Nerd bezeichnet, meist in Anspielung auf seine kauzige Erscheinung oder sein Mathematikstudium. Setz ist aber vor allem deshalb ein Nerd im besten Sinne, weil er es vermag, mit großer Leidenschaft abseitige Wissensgebiete zu erkunden, die den meisten Menschen als alberne Zeitverschwendung erscheinen.

Und, was noch viel wichtiger ist: Er vermag es auch, all dieses Wissen aufzubereiten, in Kunst zu verwandeln und all jene mit seiner Begeisterung anzustecken, die keine Freude daran haben, sich stundenlang durchs Internet zu klicken oder antiquarische Bücher über die ­krudesten Phänomene aufzuspüren.

So entstehen Essays über das Phänomen von ASMR-Videos, über Anne-Frank-Crossover-Fanfiction oder den Grottenolm, Gedichte über Bibi Blocksberg und Schrödingers Katze oder Romane über fiktive Krankheiten, Synästhesie und Stalking. Immer wieder aufs Neue beweist Setz ein untrügliches Gespür für Entlegenes wie Abgründiges und macht dabei keinen Unterschied zwischen Hoch- und Populärkultur oder abseitigen subkulturellen Nischen. Der schreibende Nerd ist der Poeta doctus des 21. Jahrhunderts.

Clemens J. Setz: „Die Bienen und das Unsichtbare“. Suhrkamp, Berlin 2020, 416 Seiten, 24 Euro

In seinem neuen Buch „Die Bienen und das Unsichtbare“ wird die Setz’sche Lehrstunde auf ungewohnt direkte Weise erteilt. Kein fiktionaler Rahmen umgibt das kuriose Wissenssammelsurium, keine Erzählerfigur steht zwischen dem Autor und seinem Publikum. Es spricht der Poeta nerd selbst und wie in einer guten Vorlesung ist das, was er sagt, eine Mischung aus Zitaten, Anekdoten und Fallbeispielen, ausgewogen und unterhaltsam aufbereitet.

Tänzeln ist unsere Natur

Worum es ihm in seinem neuen Buch geht, illustriert Setz anhand der Kafka-Erzählung „Eine Kreuzung“. Kafkas Protagonist ist durch Erbschaft in den Besitz eines hybriden Haustiers gelangt. Halb Katze, halb Lamm, entwickelt das seltsame Wesen auch menschliche Züge und versucht mit seinem Besitzer zu kommunizieren.

„Manchmal springt es auf den Sessel neben mir, stemmt sich mit den Vorderbeinen an meine Schulter und hält seine Schnauze an mein Ohr. Es ist, als sagte es mir etwas, und tatsächlich beugt es sich dann vor und blickt mir ins Gesicht, um den Eindruck zu beobachten, den die Mitteilung auf mich gemacht hat. Und um gefällig zu sein, tue ich, als hätte ich etwas verstanden, und nicke. – Dann springt es hinunter auf den Boden und tänzelt umher.“

„Es ist dieses Tänzeln“, so Clemens Setz, „von dem mein Buch handelt. Es ist unsere eigentliche Natur.“

Setz erzählt von der inneren Hölle, die ein Mensch durchleben muss, wenn ihm dieses Tänzeln versagt bleibt, von Fällen der Sprachvereinsamung, von Menschen, denen aufgrund ihrer Bewegungs- und Sprachunfähigkeit ihr Bewusstsein abgesprochen wird.

Er erzählt die filmreife Lebensgeschichte von Charles K. Bliss, der den Traum von einer alle Völker vereinenden Sprache hegte, die jede Möglichkeit der Propaganda und der Zweideutigkeit von vornherein ausschließt – und dessen Blissymbolics später zu einem Instrument werden, das es Menschen mit schwerer Behinderung ermöglicht, sich zu verständigen.

Er erzählt von den beiden großen Plansprachen, Volapük und Esperanto, ihrer enthusiastischen Anfangszeit Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts und dem langsamen Verschwinden in den folgenden Jahrzehnten.

Jede Sprache ist unzulänglich

Zwischendurch zitiert der Autor immer wieder Gedichte, die in Sprachen geschrieben sind, die vermutlich nahezu keine*r seiner Leser*innen auch nur im Ansatz beherrscht, stellt unbekannte Poet*innen vor, die ihre Verse für eine verschwindend kleine Lese­r*in­nen­schaft verfassten, und versucht sich an Übersetzungen und Nachdichtungen. Es ist auch ein Buch über das Übersetzen – und die Unzulänglichkeit einer jeden Sprache, sei es eine natürliche oder eine Kunstsprache.

Trotz der enormen Informationsfülle, mit der man in diesem Buch konfrontiert wird, ist es keinesfalls so, dass Setz die Leser*innen nur mit vermeintlich unnützem Wissen bombardieren oder eine lieblose Zusammenfassung aus Tausenden Wikipedia-Artikeln präsentieren würde.

Er spricht die Leserin (wohlgemerkt im generischen Femininum) direkt an, bettet den Wust an Informationen in Geschichten ein, die er in bester Setz’scher Manier mit besonderer Vorliebe für Kuriositäten erzählt, er kommentiert seine Recherchen mit Empathie und Selbstironie und gibt dabei auch viel von sich selbst preis.

Enorme Fülle an Informationen

Überhaupt ist es eines der persönlichsten Bücher von Setz. Großzügig wird aus seinem Tagebuch zitiert, in das wir bereits im schmalen Band „Bot. Gespräch ohne Autor“ Einblick erhalten durften. So erfahren wir, wie Setz – geplagt von Verfolgungswahn und den Auswirkungen einer Autoimmunerkrankung – einen Sommer lang den Versuch unternommen hat, Volapük zu lernen. Eine Erfahrung, die ihn nachträglich der Frage auf den Grund gehen lässt, warum man gerade in Lebenskrisen Halt in der Struktur einer Plansprache zu finden versucht.

Es ist ein eigentümliches Genre, das Setz hier entwirft und das mit dem biederen Ausdruck „erzählendes Sachbuch“ nur unzureichend beschrieben wäre. Es gibt wohl noch kein Wort für diesen Cocktail aus nacherzähltem Bücherwissen, journalistischer Recherche und (auto)biografischen Anekdoten, den uns der Autor da verabreicht, und wir können es der sich bereits formierenden literaturwissenschaftlichen Setz-Forschung überlassen, ein geeignetes zu finden.

Herausgekommen ist ein Genremix mit dem Informationswert einer Dissertation und dem Unterhaltungswert eines kurzweiligen Erzählungsbands. Wobei das mit der Kurzweile sicher nicht alle Leser*innen für alle Teile des Buchs unterschreiben würden. Es gibt Stellen, da fragt man sich, ob es nicht einen Exkurs oder ein Beispielgedicht weniger auch getan hätte.

Man braucht selbst kein Nerd zu sein

Doch man muss sich gar nicht in allen Kapiteln von Setz’ grenzenloser Begeisterung anstecken lassen und man muss auch selbst kein Nerd sein, um dieses Buch zu genießen. Vielmehr kann man getrost einige der vielen Fußnoten oder der seitenlangen Zitate überspringen, wenn einem danach ist, und man wird dennoch etwas von der Lektüre mitnehmen. Und sei es nur die Erkenntnis, dass es da draußen noch Welten zu entdecken gibt, von denen man bisher noch gar nichts geahnt hat.

Am Ende von „Die Bienen und das Unsichtbare“ heißt es: „Ich hasse es so, wenn ich Leute über die gegenwärtige Literatur jammern höre. Ich verstehe natürlich, dass nicht jeder gerne in Archiven oder in obskuren Wörterbüchern oder auf bestimmten Webseiten auf Tunnelfahrt gehen kann, aber vieles ist doch ganz nahe, sozusagen um die Ecke. Man muss gar nicht immer dieselben Bücher lesen.“ Ein Glück gibt es Nerds wie Clemens J. Setz, die für uns auf Tunnelfahrt gehen, um von ihren Reisen zu berichten.

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