Neues Album von Phosphorescent: Rote Sonne

Eine persönliche Krise als Möglichkeit spiritueller Erleuchtung? Darum geht es im neuen Album des US-Singer-Songwriters Phosphorescent.

Angeborene Südstaaten-Schläfrigkeit, Matthew Houck alias Phosphorescent. Bild: Steve Gullick

Für Typen wie Matthew Houck wurde das Michelberger Hotel in Berlin erfunden. Houck, Zweimonatsbart, Cordkäppi auf dem lockigen Haupthaar, sitzt in einem Zimmer im neoalpenländischen Look und schlürft den hauseigenen Kokosnussdrink „Fountain of Youth“. An einem wuchtigen Holztisch gibt er Interviews zu seinem neuen Album „Muchacho“. Seine Lederjacke über der Stuhllehne, die Freundin in iPhone-Rufweite ein paar Hotelzimmer weiter.

Houck ist genau die Mischung aus tourendem Rockstar, Geschäftsmann und trendbewusstem Berlin-Besucher, die sich die Hoteliers als Zielgruppe auserkoren haben. Trotzdem unterscheidet sich der Musiker von den vielen bärtigen young dudes in der Lobby: Smalltalk und Geschäftigkeit sind Houcks Sache nicht.

Houck, der seit zehn Jahren unter dem Namen Phosphorescent Musik macht, redet langsam und überlegt genau, bevor er antwortet. Die Südstaatenschläfrigkeit, die er ausstrahlt, lässt den 33-Jährigen aus Alabama älter wirken. Wenn er von den Countrysongs seiner Kindheit und der Plattensammlung seines Vaters erzählt (der eine komplette Sammlung des Countryraubeins Willie Nelson besaß), sieht man ihn mit der Gitarre auf dem Rücken eine staubige Straße entlanggehen. Ein Einzelgänger, vernarrt in die Musik von Bob Dylan und Woody Guthrie.

Gut abgehangen

Die sechs bislang erschienenen Alben von Phosphorescent klingen gut abgehangen – Houck hat darauf mit den klassischen Ingredienzien der Americana hantiert, als habe er in ihnen gebadet. Auf seinem neuen Album „Muchacho“ wirft er Country-, Folk- und Blueselemente in den Mix, tut noch etwas Southernrock hinzu und krönt all das mit sparsamer Elektronik. Ein Sound, der so assoziationsreich ist, dass man ihn erst einmal für bare Münze nimmt: Kaktus, Bourbon und zweispurige Landstraßen; Einsamkeit und Armut – alles da. Depressionen, Wahnbilder, Herzeleid – es muss sich um einen sehr, sehr unglücklichen Südstaatenjungen handeln.

Als hätte er die im Kopf vorbeiziehenden Klischeebilder auch aus der Nähe gesehen, grinst Houck, der seit Jahren in New York lebt, verschmitzt: „Man sollte sich das als Europäer nicht so romantisch vorstellen. Niemand saß in meiner Kindheit auf der Veranda und musizierte. Es waren die Achtziger, Pop-Country plärrte aus dem Radio. Er war immer da – aber genauso gern mochte ich HipHop. Und als Grunge endlich in unsere Gegend kam, war das eine Offenbarung. Ich habe gehört, was ich kriegen konnte. Was cool war und was nicht, hat mich nie interessiert.“

Allgegenwärtiger Willie Nelson

Das klingt glaubwürdig, wenn man sich „Muchacho“ und die Vorgängeralben „Here’s to taking it easy“ und „To Willie“ (eine Hommage an, ja genau, Willie Nelson) anhört. Die verwegene Mischung von Country-Zwiegesang und elektronisch erzeugter Polyphonie, von staubtrockenem Blues und urbanem Drogensound trägt die individuelle Signatur eines Künstlers. Eigenwillig und auf verwirrende Weise gleichzeitig bodenständig und hochartifiziell.

Phosphorescent hat – Zauselbart hin, einfühlsamer Gesang her – recht wenig mit Devendra Banhart und der hippen Weird-Folk-Szene zu schaffen. „Muchacho“ ist beim ersten Hören die musikalische Verarbeitung einer Trennung, ein sehr persönliches, fast schon intimes Album. In „Song for Zula“, der Vorabsingle-Auskopplung, singt er mit brüchiger Stimme: „Some say love is a burning thing / That it makes a fiery ring / Oh but I know love as a fading thing / Just as fickle as a feather in a stream“. Dazu Geigen, ein melancholisches Pluckern. „Die Musik erzählt von einer Zeit in meinem Leben, als alles begann, sich aufzulösen“, sagt Houck. „Ich musste schnell eine neue Wohnung finden, ein neues Studio. Mitten im New Yorker Winter.“

Abgeschnitten von der Welt

Mit der persönlichen ging auch eine mentale und kreative Krise einher, von der Songs wie „A New Anhedonia“ zeugen. Drastische Sprachbilder findet Houck für einen Zustand der inneren Freudlosigkeit, der ihn heimsuchte. „Ich war wie abgeschnitten von der Welt, von meinen eigenen Gefühlen, nicht einmal die Musik bedeutete mir noch etwas“, beschreibt er und sagt, er könne sich an die dunkle Zeit nicht mehr im Detail erinnern – als Zeugnisse davon dienen ihm Songs wie „The Quotidian Beasts“, in denen er zur Slidegitarre albtraumhafte Stimmung evoziert: „Her ancient eyes were upon me / They were familiar and black / She laid her claws all up on me / She had found me at last“.

Aus der Depression wählte der Musiker einen vielfach bewährten Weg: Houck buchte einen Flug nach Mexiko und schloss sich mit einem Haufen analogem Equipment in einer Hütte am Strand ein. Als er daraus wieder auftauchte, stand ein Album mit zehn Songs, die zwischen zwei Sonnenaufgängen die Chronik einer überwundenen Krise zeichnen. Krise überwunden, ab ins Studio. Eine schöne Geschichte. „Ich weiß, die Nummer mit der Hütte in Mexiko ist ein schlimmes Musiker-Klischee“, lacht Houck leicht verlegen. Es sei in dem Moment aber das einzig Richtige gewesen. „Es hat funktioniert – ich habe dort so etwas wie einen Ausweg, eine Erlösung gefunden.“

Keine Heulsuse

Erlösung – das hört sich nun doch an wie Kitsch, den Phosphorescent zumindest musikalisch erfolgreich umschifft. Aber Matthew Houck ist keiner dieser weinerlichen Folk-Esoteriker, die das ganz ordinäre persönliche Leid metaphysisch überhöhen, um daraus kreatives Kapital zu schlagen.

Trifft der Vorwurf, der in „Down to go“ formuliert wird, zu: „Oh, you’ll spin your heartache into gold“? Matthew Houck lächelt milde und sagt: „Es gibt einen künstlerischen Puffer, you know? Auch bei einem so persönlichen Album. Die Zuhörer nehmen selbstverständlich an, dass der Erzähler immer und zu jeder Zeit über sich selbst spricht. Aber es geht mir natürlich nicht darum, meine persönlichen Angelegenheiten in die Welt zu blöken. Als Songwriter habe ich hoffentlich einen etwas breiteren Horizont zu bieten.“

Den Horizont bildet auf „Muchacho“ die konzeptuelle Klammer von Sonnenaufgang zu Sonnenaufgang. „Auf den Sonnenuntergang habe ich verzichtet. Es gibt so viele Schattentäler auf diesem Album und ich wollte, dass zumindest Anfang und Ende Licht und Erlösung bringen.“ Erlösung, das bedeutet für Matthew Houck eine innerliche Erfahrung: Atmen und leben zu können, ohne von irgendetwas herabgezogen zu werden. Und wieder an das Heilige und Heilende in der Musik glauben zu können.

Pathos und Bodenständigkeit

Erhabenheit, Heilung – solch große Worte kommen einem beim Hören von „Muchacho“ tatsächlich in den Sinn. Der säuselnde bis raue Gesang zu reichlich Hall-, Slide- und Drone-Effekten, dazu der Blues – der entstehende Sog ist das Resultat eines akribischen Produktionsprozesses. Phosphorescent ließ die Instrumente einzeln von Gastmusikern im Studio einspielen und bearbeitete sie dann, bis die Mischung stimmte: Pathos und Bodenständigkeit, Leichtigkeit und Schwere.

Seine Arbeit mit dem eingespielten Material vergleicht Houck mit der eines Bildhauers, er fügt Schicht um Schicht hinzu, kratzt hier ab, fügt dort hinzu – „I scoop away at it“. Der Klang des Albums hat etwas Dreidimensionales, Skulpturales. Erst beim mehrmaligen Hören erschließt sich das ganze Panorama und man entdeckt unter dem melancholischen Firniss auch kleine Albernheiten wie das Phosphoresent-typische Juchzen. Ein Humor, der in früheren Songs wie „It’s hard to be humble when you’re from Alabama“ oder „Cocaine Lights“ deutlicher zutage trat.

Bei Konzerten, wenn sich Phosphorescent mit Gastmusikern zusammentut, begreift man am besten, worum es Phosphorescent geht. Wenn das im Studio fein austarierte Gleichgewicht überbordet, die Musik körperlich erfahrbar wird und sich eine ansteckende Euphorie im Saal breitmacht, gibt es Momente der kollektiven Entgrenzung. Eine sehr südstaatenhafte Form von Erhabenheit.

Phosphorescent: „Muchacho“ (Dead Oceans/Cargo). Zwei Deutschland-Konzerte im Mai
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