Neues Album von Moodymann: Zwischen Hölle und Halleluja

Der Detroiter Produzent Moodymann überzeugt mit seinem neuen Album „Taken Away“. Er bringt afroamerikanisches Musikerbe in eine Dancefloor-Gegenwart.

Meister der Moderne:Ausschnitt des Moodymann-Covergemäldes von Richard Wilson Foto: KDJ

Es liegt immer etwas im Argen in der Musik von Moodymann. Aber deshalb allein ist sie nicht cool. Sie ist cool, weil sie dem Coolen das Schmerzende und diesem Schmerz den Soul gegenüberstellt. Und weil Moodymann diese Gegensätze nicht einfach in Wohlgefallen auflöst, sondern vorantreibt und in jeder Sekunde dabei glänzt. Vor Kurzem hat Moodymann, bürgerlich Kenny Dixon Jr., ein neues Album veröffentlicht: Es heißt „Taken Away“ und zählt genauso viele Tracks, wie Moodymanns Heimatstadt Detroit von Stadtautobahnen durchschnitten wird: zehn.

Da ist der bluesig-konzise Auftakt „Do Wrong“, bei dem der Vortragende mit schläfriger Stimme einer Verflossenen noch ein paar Takte sagt: Sie sei immer willkommen gewesen, bis sie anfing, nach jemand anderem zu riechen. Da reicht es ihm: „I even wrote you this song / You still wanna do wrong“. Der Protagonist leidet, aber er akzeptiert sein Schicksal und reagiert eben nicht wie ein verwundetes Männchen mit häuslicher Gewalt: „I guess the devil’s at work / You got me back to church“.

Moodymann: „Taken Away“ (KDJ/Import)

https://moodymann.bandcamp.com/album/taken-away-kdj-49

Die kreative Ader von Moodymann leidet nämlich keineswegs: Er setzt sich munter in den Zwiespalt von Hölle und Halleluja, umtänzelt das entspannte Lamentieren mit subtilen Drohungen und bettet die kurz aufwiehernde Gospel-Orgel von „Do Wrong“ auf ein Southernsoul-Seidenlaken. Wie er vom klassischen Break-up-Song aus der Großstadt im Norden hin zur göttlichen Erleuchtung in der Kirche auf dem Land switcht, wo die Orgel herkommt, das macht ihm keiner nach.

Stoff für eine abendfüllende Story

Wir sind erst zwei Minuten in einem Drama und es hat schon Stoff für eine abendfüllende Story, die Moodymann mit Bedacht anreichert. So wie nur er den zeitgenössischen elektronischen Dancefloorsound von House und Techno mit älteren musikalischen Traditionen verschaltet, dass die Vergangenheit gegenwärtig ist und die Gegenwart vibriert. Plötzlich kommt der Blues doch wieder zurück in die Stadt.

Es gibt auch Momente der Erleichterung, um die Seelen der HörerInnen zum Baumeln zu bringen

Für „Taken Away“ hat Moody­mann weitgehend auf Samples verzichtet, es ist in seinem ­Œuvre das bis jetzt am süffigsten arrangierte Album, in dem jedes Gefühl an seinem Platz sitzt, jede Eingebung genau kalibriert wird, von eleganten Beats und exakter Instrumentierung. Und wo illustre Gäste wie Chicago-House-Pionier Jamie Principle exakt für ihren jeweiligen Beitrag gecastet sind. Principle singt „I need another _“, einen britzeligen Track, der die Eurodisco-Geister von Detroit beschwört. Und so spinnt Moodymann den Referenzrahmen von Song zu Song weiter, es bleibt immer spannend, weil man nie genau weiß, wohin ihn die Reise verschlägt.

In dem unheimlichen, leicht technoiden fast neunminütigen Titeltrack „Taken Away“, von der Sängerin Diviniti gesungen, fehlt der Protagonist. Vielleicht wurde er von der Polizei geholt, man hört nur eine Sirene in der Ferne aufheulen. Oder ist es eine Anspielung auf die haarige Situation, in die Kenny Dixon Jr. im Januar 2019 geriet, als er auf seinem eigenen Grundstück in Detroit von der Polizei kontrolliert wurde, weil sie ihn für einen Einbrecher hielt. Er weigerte sich, aus seinem Auto zu steigen.

Die Sache zog Kreise, weil in den Sozialen Medien ein Film der Situation hochgeladen wurde, in dem Kenny Dixon Jr und ein Polizist zu sehen sind. „I don’t wanna be sad“ singt Diviniti in „Taken Away“. Der Frieden in diesem makellosen R&B-Song mit tödlichem Dancefloor-Punch wird also empfindlich gestört. Fast erleichternd führt dann „Let me in“ weg von dem Drama. Nun singt wieder Moodyman, diesmal im Duett mit Sky Covington. Öfter gibt es auf dem Album Momente der Erleichterung, um die Seelen der HörerInnen zum Baumeln zu bringen.

Über sich und seine Musik spricht Moodymann nicht, jedenfalls nicht mit der Presse. Sein Studio befindet sich in einem großen Haus am Grand Boulevard mitten in Detroit, dessen Fenster teils mit lila Vorhängen, teils mit Bildern von großen afroamerikanischen Künstlerinnen verhängt sind: Nina Simone, George Clinton … Auskunftsfreudig wird er hingegen, wenn es um Rollerblades und die von ihm veranstaltete Rollerdisco „Soul ­Skates“ geht. Er sagt sogar, die Musik mache er nur aus Liebe zum Skaten.

„I’m already Hi“ auf dem neuen Album ist seine Ode an den Abend, den er im „North­land Roller Rink“ in Detroit veranstaltet. Dort frönen die tanzenden SkaterInnen dem Halfstep, einem der fünf wichtigen Tanzfiguren, bei dem sich die Beine vertikal kreuzen und durch die Vorwärtsbewegung der Skates ein fantastischer Flow entsteht. Selbst „Do Wrong“ wird zum Finale noch mal in einem Skate-Edit aufgebohrt, bei dem klar wird, dass bei Moodymann die Liebe zum Detail aus vielen unterschiedlichen Quellen gespeist wird. „Taken Away“ ist ein Meisterwerk, nicht mehr und nicht weniger.

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