Neues Album von Maria Minerva: Erinnerung an glücklichere Zeiten

Die estnische Künstlerin Maria Minerva begegnet diesem verflixten Jahr mit ihrem Synthiepop-Album „Soft Power“. Zwischen Melancholie und Euphorie.

Blonde Frau mit orangenem Kimono vor untergehender Sonne

Idealer Soundtrack für Gespräche im Außenbereich von Clubs: Minervas neues Album Foto: Peter Tomka

„Hey pretty baby / It’s been a while“ – Maria Minerva hält nicht lange hinterm Berg mit ihrer sechsjährigen Abwesenheit. Vielmehr begrüßt sie HörerInnen ihres neuen Albums „Soft Power“ ganz offensiv; ihr Gesang wird umschmiegt von einer leicht dröhnenden Orgel, den beiden geschlossenen, dafür umso swingenderen HiHat-Becken und feisten Synthesizer-Akzenten.

Als Maria Juur, wie die Estin Maria Minerva bürgerlich heißt, zuletzt auf dem Tableau erschien, war es 2014 und die Welt noch nicht ganz so aus den Fugen wie momentan. Allerdings ist die Geschichte der elektronischen Tanzmusik schon immer von der Divergenz zwischen Freud und Leid geprägt worden, vom Zusammenspiel aus Dur und Moll, von Euphorie und Depression.

Maria Minerva weiß genau um diesen Umstand: 2016 verlor sie ihre US-Künstler-Kollegin Cherushii, die bei einem verheerenden Brand ums Leben kam. Beide verband eine innige Freundschaft, wie sich Minerva im Onlinemagazin Resident Advisor erinnert: Nach vier Alben, die sie zwischen 2011 und 2013 auf dem angesagten Los-Angeles-Label Not Not Fun veröffentlicht hatte, machte sich Minerva daran, eine US-Tour zu absolvieren.

Auf Grund der großen Distanzen zwischen den Auftrittsorten sind solche Reisen aufwendig. Ihre Labelkollegin Cherushii bot sich dennoch an, ihr als Support-Act, Fremdenführerin und hilfsbereite Kollegin zur Seite zu stehen.

Trauer verarbeiten nach schmerzhaftem Verlust

Der Roadtrip endete mit Minervas Umzug nach Los Angeles, zudem kam es zur künstlerischen Kooperation – die endete am 2. Dezember 2016 in Oakland jäh. Bei einer Party, die ihr Label Not Not Fun organisierte, in einem Lagerhaus, das als Künstlerkommune und Technoclub genutzt wurde, brach ein Feuer aus. Das „Ghost Ship“ genannte Gebäude hatte keinerlei Brandschutzvorkehrungen; in dieser Nacht starben 36 Menschen, unter ihnen Chelsea Faith Dolan alias Cherushii.

Wer die Frage stellt, warum man lange nichts von der Musikerin Maria Minerva gehört hat, findet hier die Antwort: In einem fast dreijährigen Prozess der Trauer stellte Maria Minerva 2019 jenes damals geplante Kooperations­album mit Cherushii fertig. Erst nach Beendigung dieser trostspendenden Arbeit – und einem Umzug von L. A. nach New York – wähnte sich die Estin in der Lage, wieder solistisch agieren zu können. Nahezu unangekündigt und ab vom lauten Rauschen des Promotion-Business veröffentlicht sie nun schließlich „Soft Power“.

Der Oktober 2020 ist im verflixten Pandemiejahr womöglich nicht der beste Moment, um neues Dancefloor-Futter zu veröffentlichen. Bis auf wenige Ausnahmen sind alle Clubs geschlossen oder als Museen zweckentfremdet – es gibt kaum Aussicht auf baldige Entspannung. Anstelle von energiegeladenem House-Sound scheint „Soft Power“ für den Wohnzimmergenuss angemessener. Da möchte die Musik andererseits auch nicht so richtig reinpassen.

Zwar beherrscht Minerva wehmütige elektronische Tapesterien wie kaum jemand anders, gerade ihr ungeübter Gesangsvortrag unterstreicht diese Calabasas-Melancholie umso mehr. Insgesamt verbreiten die acht neuen Tracks, die mal synthie-poppig, mal wavy, dann wieder House-affin klingen, indes Euphorie. Es ist ja nicht verboten, mit Musik an bessere Zeiten zu appellieren.

Zeitloser Popdancefloor-Sound

Trotzdem merkt man Maria Minerva die lange Kunstpause an – nicht nur wegen der antizyklischen Veröffentlichungsstrategie. Ihr Popdancefloor-Sound legt eine seltsam entrückte Zeitlosigkeit an den Tag. Ab von (Mikro-)Trends und retro­maner Neunziger-Wiederkäuerei scheint „Soft Power“ in den frühen zehner Jahren hängen geblieben.

So geben die Lo-Fi-Drums bei „Had Me at Hello“ und die Synth-Hookline von „I Could Be Your Best Friend“, die astreine Debbie-Harry-Referenz „Down Low (Motor City You Make Me Wanna)“ und der mitreißende (Fake-)Piano-House-Hit „Apology“ durchaus erquickliche Impulse für zukünftige Tanznächte.

„Soft Power“ ist der ideale Soundtrack für Gespräche im Außenbereich von Clubs, die erst enden, wenn die Sonne auf- und dann untergeht; an leicht „klebrige“ Come-together zwischen Katerfrühstück und Kontersekt; kurz: an glücklichere Zeiten. In einem normalen Jahr wäre „Soft Power“ womöglich durchgefallen, versehen mit dem Stempel „outdated“. Im verrückten 2020 ist es aber eine wirkungsvolle Reminiszenz an ein Leben vor der Pandemie; berührend, naiv und immer stimmungsaufhellend.

Maria Minerva: „Soft Power“ (Not Not Fun/Import)

Die neuerliche Hiobsbotschaft, dass Minerva, ihr Mann, der ebenso talentierte Produzent Nick Malkin, und Teile ihrer Familie positiv auf Covid-19 getestet worden sind, passt leider ins Bild einer Zeit, die so schöne Momente wie diese schlichte elektronische Popmusik einfach nicht stehen lassen will.

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