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Neuer Ludwigshafen- „Tatort“Leichen pflastern die Radwege

Wenn Zweirad-Ultras nicht nur Hass auf SUVs, sondern auch auf die Polizei haben, dann ist was los in Ludwigshafen. Schuldgefühle setzen eins drauf.

Unter Fahrradkurieren in Ludwigshafen: „Tatort – Avanti“ im Dreh Foto: Benoît Linder/SWR

E inen spannenden Krimi-Anfang schreiben ist kinderleicht, viel leichter, als einen langweiligen. Denn man braucht nur drei Zutaten. Erstens eine Person, die dringend irgendwo hinwill, zweitens einen guten Grund, warum, und drittens ein Hindernis, warum’s nicht klappt.

Und so starten wir temporeich in diesen Ludwigshafen-„Tatort“. Ein panischer Fahrradkurier will dringend – zur Polizei. Der gute Grund: Er wird verfolgt. Und das Hindernis, warum’s nicht klappt, gibt’s auch, nämlich Kommissarin Johanna Stern (Lisa Bitter). Die fühlt sich nicht zuständig, es ist obendrein Feierabend, und im Büro gibt’s gerade Sekt.

Ludwigshafen-„Tatort“:

Sashimi Spezial, So., 20.15 Uhr, ARD

Keine fünf Minuten später ist der Radler, den Stern mit ihrer Ungeduld verprellt hat, tot. Überrollt von einem Transporter, gleich vorm Präsidium. Getrieben von Schuldgefühlen stürzt sich Stern in die Ermittlungen. Die führen sie zu dem Fahrradkurierdienst, wo das Opfer gearbeitet hat. Die „Velopunks“ sind aber keine normale Firma, sondern eine eingeschworene Clique von Zweirad-Ultras. Sie haben nicht nur Hass auf SUVs – sondern auch auf die Polizei.

Solange es spannend bleibt, können wir das holzschnittartige Fahrrad-Links­autonomenmilieu ignorieren

Kommissarin Stern beschließt, bei den Velopunks verdeckt zu ermitteln, und heuert als Kurierin an. Das tut sie aus einer Laune heraus, eigenmächtig und ohne den dafür vorgesehenen Dienstweg zu beschreiten, was Kollegin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) erst mal auf die Palme bringt. Aber Stern findet: Das letzte Mal, als sie den Dienstweg eingehalten hat, ist jemand gestorben – also warum nicht stattdessen den Radweg nehmen?

Krimis müssen kein Abbild der Verhältnisse sein

Wenn das jetzt konstruiert klingt: ist es. Aber das macht nichts, denn wie Sie sich erinnern, war der Auftrag ja, einen spannenden Krimi zu schreiben und kein glaubhaftes Abbild der Verhältnisse. Solange es spannend bleibt, können wir die fragwürdigen Umstände von Sterns heimlichem Sondereinsatz ebenso ignorieren wie das holzschnittartige Fahrrad-Linksautonomenmilieu, in dem sie da gelandet ist.

Und spannend bleibt es. Genug Elemente im Film sind ständig in Bewegung. Erstens die Gefahr, dass Stern bei den misstrauischen „Velopunks“ auffliegt; zweitens der Polizeidirektor, der Odenthal im Nacken sitzt und der von der Aktion auf keinen Fall was mitkriegen darf; drittens die mysteriöse Kurier-App, die seltsamerweise sogar Polizeiinsiderwissen hat; und viertens ein schmieriger Sushikönig (Robert Stadlober), der im Hintergrund die Fäden zieht.

Zeitweilig macht das richtig Spaß, auch bildlich, mit rasanten Fahrradfahrten durch Ludwigshafen. Die hätten zwar gerne noch rasanter gedreht sein können – aber gut, wir sind hier ja beim „Tatort“ und nicht bei „Cobra 11“.

Wo das Ganze dann aber doch knirschend zum Stehen kommt, ist bei dem Melodram, was sie dazwischengestopft haben wie nasse Lappen in die Speichen.

Die Velopunks hatten mal Ideale, und die mussten sie verraten, und jetzt haben sie „große Schuld auf sich geladen“. Ach ja, und ein verunfalltes Kind haben sie auch, das braucht dringend Geld für eine Privat-OP.

Das ist wie klebriges Altöl im Getriebe von einem Film, der fast als Actionfilm durchgegangen wäre – ein Genre, das aber leider nicht viel Ambivalenz verträgt.

Trotzdem macht es Spaß zu sehen, was passiert, wenn man die eingespielten „Tatort“-Teams aus ihrer Komfortzone holt. Vielleicht nächstes Mal dann Odenthal und ein Mord im TGV?

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Peter Weissenburger
Autor
Schreibt über Kultur, Gesellschaft, Medien.
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