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Neue Nähe

Dank Bürgergenossenschaft wieder direkt im Dorf einkaufen: Tante Enso etwa hat 70.000 Anteils­eigener und betreibt 89 kleine Lebensmittelläden. Die sind auch außerhalb der Öffnungszeiten zugänglich. Mit der Kundenkarte kommt man in den Laden und zahlt an der Scannerkasse

Von Joachim Göres

Ein Dorf ohne ein Lebensmittelgeschäft – ein Albtraum gerade für ältere und nicht mehr so mobile Menschen. Im knapp 1.000 Einwohner zählenden Höfer im Landkreis Celle gab es in den 60er Jahren drei Einkaufsläden, dazu Bäcker, Schlachter, Post, Sparkasse, Arzt. Heute findet man hier nur noch einen Blumenladen sowie einen Kiosk, wenn das Freibad geöffnet hat. Doch jetzt ändert sich was: Am 9. Juli eröffnet Tante Enso in Höfer die 89. Filiale bundesweit.

Hinter dem Namen steckt ein besonderes Konzept. Voraussetzung für die Eröffnung ist, dass es im Umkreis von 5 Kilometern keinen anderen Lebensmittelmarkt gibt. Zudem müssen sich vor Ort mindestens 300 Anteilseigner finden, die einen Genossenschaftsanteil in Höhe von jeweils 100 Euro kaufen. Dann wird die Bremer Enso eCommerce GmbH aktiv und versucht, einen passenden Laden vor Ort zu finden, in der Regel ab 200 Quadratmeter aufwärts.

Genau das war in Höfer lange das Problem. „Schon vor vier Jahren waren innerhalb kurzer Zeit genügend Bürger bereit, einen Genossenschaftsanteil zu kaufen. Aber es fehlten ausreichende Räumlichkeiten. Für den neuen Laden war ein Anbau nötig, das hat alles verzögert. Umso mehr freuen wir uns jetzt auf die Eröffnung“, sagt Ortsbürgermeister Kai Trumann. Mehr als 400 Genossenschaftsanteile haben die Höferaner erworben.

Das wirtschaftliche Risiko trägt nicht die Genossenschaft, sondern eine Tochtergesellschaft von Enso eCommerce. 2019 startete der erste Tante-Enso-Laden in Blender bei Verden. Bis heute gibt es keine Schließungen, sondern monatlich werden vor allem in Norddeutschland neue Minisupermärkte eröffnet – dank des finanziellen Engagements von rund 70.000 Genossenschaftsmitgliedern. Die bekommen bei jedem Einkauf mindestens 2 Prozent Rabatt. Auch Nichtmitglieder können bei Tante Enso einkaufen – und zwar auch außerhalb der regulären Öffnungszeiten mit Verkaufspersonal, denn mit einer Kundenkarte kann man den geschlossenen Laden öffnen und an der Scannerkasse selbstständig bezahlen. „Das Einkaufen rund um die Uhr ist ein sehr attraktives Angebot, das sicher auch bei uns in Höfer gut angenommen wird“, ist Trumann überzeugt. Bei den Verkaufspreisen liegt Tante Enso laut einer Unternehmenssprecherin auf einem Niveau mit Rewe und Edeka.

In Wustrau, einem Dorf in der brandenburgischen Gemeinde Fehrbellin, ging alles viel schneller: Nachdem der Edeka-Markt in Wustrau Ende 2023 geschlossen wurde, haben mehr als 300 Bürger aus Wustrau und Umgebung eine Genossenschaft gegründet und mit vereinten Kräften erreicht, dass im August 2024 an alter Stelle der Mini­super­markt Tante Enso eröffnet wurde. Nach einem Umbau zum barrierefreien Markt werden dort auf 160 Quadratmetern 2.400 Produkte des täglichen Lebens angeboten – montags und freitags 8 bis 18 Uhr, dienstags und donnerstags bis 12 Uhr sowie samstags bis 15 Uhr mit Bedienung, ansonsten für Besitzer der Kundenkarte ohne Personal.

Im Umkreis von 5 Kilometern kein anderer Lebensmittelmarkt? Dagegen gibt es neue Konzepte

In Freyenstein, einem Ortsteil von Wittstock, ist Anfang dieses Jahres ein Tante-Enso-Laden eröffnet worden – nach mehr als zehn Jahren Leerstand gibt es in dem 800 Einwohner zählenden Ort endlich wieder ein Lebensmittelgeschäft. „Es kann natürlich sein, dass trotz eines Dorfladens Einwohner mit ihrem Auto zu den billigeren Discountern knapp 10 Kilometer nach Meyenburg fahren“, sagt Ortsvorsteherin Christa Ziegenbein und fügt hinzu: „Ein Dorfladen ist allein als Treffpunkt sehr wichtig, er könnte auch neue Einwohner ins Dorf ziehen.“ Auch in Freyenstein haben genügend Menschen innerhalb kurzer Zeit Genossenschaftsanteile gekauft. Dennoch war die Eröffnung eines Marktes lange nicht absehbar, weil es einen Sanierungsstau bei der 1981 errichteten Kaufhalle gab.

Wie sind die Erfolgschancen der kleinen Dorfläden? Dieser Frage ging der Geograf Winfried Eberhardt vom Braunschweiger Thünen-Institut für Ländliche Räume in der Studie „Dynamik der Nahversorgung“ nach. Das Ergebnis: Sie funktionieren vor allem in Ortschaften ab 1.500 Einwohnern bei einer Fläche von mindestens 150 Quadratmetern. Engagierte Betreiber wie auch Ehrenamtliche seien wichtig. „Haushalte, die Anteile gezeichnet haben, nutzen den Laden verstärkt“, sagt Eberhardt. Imbiss- und Cateringangebote erhöhen die Attraktivität als Dorftreffpunkt und können den Ertrag durch weniger Ausschuss verbessern. Von Bedeutung seien zudem viele regionale Produkte. Hierauf setzt auch Tante Enso – man ist sehr an Waren von regionalen Herstellern interessiert, die in normalen Supermärkten keine Chance haben. Die bietet das Bremer Unternehmen auch über seinen Online-Shop an.

Hermann Lastring ist stellvertretender Vorsitzender des Dorfladennetzwerkes, eines Zusammenschlusses von rund 50 Dorfläden aus ganz Deutschland. Anders als bei Tante Enso haben diese Initiativen ohne einen festen Partner ihren Dorfladen gegründet. Wie bei Tante Enso gibt es fest angestelltes Personal, zusätzlich arbeiten aber auch noch Ehrenamtliche mit. „Wir haben keine kommerziellen Interessen, sondern sind mit einer schwarzen Null zufrieden“, sagt Lastring, der ehrenamtlich die Genossenschaft Unser Laden im westfälischen Welbergen leitet. Er freut sich über jeden neuen Dorfladen, unabhängig vom Konzept, und betont: „So ein Laden ist gut für das Wir-Gefühl im Ort. Damit er richtig läuft, müssen die Bürger aber dort auch ihren normalen Einkauf machen und nicht nur vorbeischauen, wenn sie etwas im weit entfernten Discounter vergessen haben.“

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