piwik no script img

Neue Musik aus BerlinMehrstimmig im Freien

Auf ihrem neuen Album „Strange Songs“ ist Ute Wassermann im Zwiegespräch mit Amsel, Ente und Birkhuhn. Das Ergebnis ist ein tirilierender Wohlklang.

Meisterin der freien Improvisation: Ute Wassermann Foto: Cristina Marx / Photomusix

A nfang März, Ende Februar, zunehmend früher im Jahr passiert es, dass ein Spaziergang in ein Freiluftkonzert mündet. Die Singvögel legen sich ins Zeug. Das hat Suchtpotential. Für den Hausgebrauch gibt es jetzt eine Platte, auf der die Berliner Stimm- und Klangkünstlerin, Performerin und Komponistin Ute Wassermann zehn seltsam vertraute, einfach nummerierte Songs für das Zwiegespräch von Mensch und Vogel eingespielt hat.

Wassermanns Instrumente sind dabei Stimme, Gaumenpfeife, Nasenflöte und Vogelpfeifen für, Vorhang auf: Ente, Amsel, Birkhuhn, Guan, Jacu, dabei handelt es sich um ein Kaffeekirschen liebendes Tier, dann den Schwefelmaskentyrann, die Lärche und den Sperling. Die Vogelpfeifen kommen von der brasilianischen Manufaktur Maurilhio Coelho. „Strange Songs“ bei offenem Fenster zu hören, könnte interessant werden.

Das Repertoire ist immens: Da pfeift es und tiriliert, zischt und klopft, es brummt, haucht und faucht. Im zweiten Song geht knarrend eine Tür auf, vermutlich gibt sie den Blick frei auf ein Waldstück. Das vierte Lied hebt rhythmisch an und geht in einen nonverbalen Beschwörungsgesang über, der im fünften Song aufgegriffen wird. Am Schluss des achten Lieds steht ein Klage- und ein Findelaut, Titel 10 bündelt die Platte mit einer starken Mehrstimmigkeit.

Ute Wassermann: „Strange Songs (For Voice And Bird Calls)“, Treader; voXsynth I: Ute Wassermann mit Liz Kosack und Andrea Parkins, 28. 2., 20 Uhr, Morphine Raum, Köpenicker Str. 147

Ute Wassermanns Vokaleinsatz erinnert an mehr als einer Stelle an die Signale eines verwegenen Synthesizers. Dass sie nächste Woche mit Kolleginnen eine Veranstaltungsreihe zum Verhältnis von Stimme und Elektronik eröffnet, kommt nicht von ungefähr. Bis dahin gehen wir der Frage nach, was Amsel, Drossel, Fink und Star für Beatles abgeben würden.

taz lesen kann jede:r

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Texte, die es nicht allen recht machen und Stimmen, die man woanders nicht hört – immer aus Überzeugung und hier auf taz.de ohne Paywall. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter, kritischer Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 40.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Robert Mießner
Robert Mießner, geboren 1973 in Ost-Berlin. Studium der Neueren und Neuesten Geschichte, Philosophie und Bibliothekswissenschaft. Flaniert und notiert, hört zu und schreibt auf. Herausgeber (mit Alexander Pehlemann und Ronald Galenza) von „Magnetizdat DDR. Magnetbanduntergrund Ost 1979–1990“, Buch und LP, Berlin, Leipzig und Barreiro 2023.
Mehr zum Thema

1 Kommentar

 / 
  • Großen Dank an die TAZ und Herrn Mießner, dass hier auch Artikel über sehr außergewöhnliche und schräge Musik erscheinen! Eine Oase im Mainstreamsumpf ;)