: Neue Liebe zu alten Bildern
■ Bremer Kunsthalle gibt Katalog der Alten Meister heraus / „Es muß blitzen“
Wahrscheinlich hielt man Elisabeth Felicite Mole-Raymond 1786 für schön. Weit auseianderstehende Augen, von einem Hut nicht zu bändigendes Haar, kleines Mündchen. Heute hätte sie keine Chance auf Hochglanztitel, zu viel Fleisch im Gesicht und Doppelkinn. Das Portrait der Schauspielerin hängt oval gerahmt in der Kunsthalle Bremen. Gemalt hat es Elisabeth Vigee- Lebrun (1755-1842), eine der beiden Alten Meisterinnen in der Bremer Sammlung. Frau Vigee- Lebrun war Protegee von Marie Antoinette und Hofmalerin. Nähme man das Bild aus dem Rahmen, könnte man feststellen, daß es größer angelegt war und unvollendet ist, was die Rahmung kaschieren soll.
Ein unauffälliges Bild in der Abteilung der Kunsthalle, die viele BesucherInnen eilig durchmessen, weil sie Eintritt gezahlt haben. Es hat, wie alle anderen Bilder der Alten Meister, viel zu
hier das
Ölbild
Nicolas de Largillère, „Familienbildnis"Foto: Kunsthalle
erzählen, von der Malerin, ihrem Gegenstand, der Zeit, der Kunst. Diese Geschichten muß man jetzt nicht mehr vorher wissen, um ein Verhältnis mit den Bildern beginnen zu können, und das verdan
ken wir Corinna Höper.
„Man muß ein bißchen verrückt sein“, sagt Corinna Höper, von der Wolfgang-Ritter-Stiftung bezahlte Kunsthistorikerin; sie hat in einem unglaublichen Kraftakt innerhalb von zwei Jahren einen Katalog der 302 Alten Meister in der Kunsthalle fertiggestellt, der den Laien vor jedem Bild denkbar breit informiert (incl. Abbildung), der die Depotbestände und Verluste aufführt und für Fachleute Details zu Um- und Zuschreibungen und jeweils eine umfassende Bibliografie bereithält. Zunächst, so Frau Höper, muß zwar vom Werk zum Betrachter „ein Blitz übergehen“; doch die Liebesbeziehung, ohne die sich die Kunsthistorikerin ihre Arbeit nicht denken kann, brauche auch das Wissen. Nach über 50 Jahren gibt es diesen Gesamtkatalog wieder, der helfen soll, die Bremer Kunsthalle, für die französischen Impressionisten bekannt, auch als „kleine, aber exquisite Sammlung Alter Meister“ bekannt zu machen. Die 58 DM (368 S., 16 Farbtafeln) für den Katalog entsprechen zweimal Essengehn, dieser Genuß verspricht Dauer und Tiefe. Bus
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