Nervenkrimi Hoffenheim gegen Werder: Furchtbar! - Schön!!

In der Vergnügungshochburg Weserstadion treffen die Hoffenheimer vier Mal, aber ihr Trainer ist schlecht gelaunt: Werder kontert mit fünf Toren.

Freud und Leid eng beisammen: das Offensiv-Spektakel im Weserstadion. Bild: dpa

Nein, am überragenden Entertainment allein mochte Ralf Rangnick sich wirklich nicht erfreuen. Das ist nichts, worauf einer wie er am Ende auch noch stolz sein könnte. "Wir sind nicht unterwegs, um die Zuschauer zu unterhalten", meckerte Hoffenheims Trainer. Man sei ja nicht bei den Harlem Globetrotters. Rangnick war "brutal enttäuscht" von der Inszenierung seiner Mannschaft im Weserstadion. Zu Recht: Ihr Offensiv-Spektakel war schließlich brutal spannend gewesen. Allerbeste Fußballunterhaltung.

Ein schnödes Unentschieden, nach dem Rangnick etwa hätte sagen dürfen, "beide Seiten können mit diesem Ergebnis gut leben" - das wäre gerechter gewesen. Solide. Und langweilig. Dabei sah eine gute halbe Stunde lang alles nach einem sonnig-entspannten, ein wenig monotonen, aber gemütlichen Nachmittag für die Bremer aus. Werder führte da 4:1. Das Gegentor durch Ba, bei dem sich Bremens Abwehr fast schon aufreizend nachlässig präsentierte - Claudio Pizarro machte es gleich wieder gut. Mit einem Hackentrick. "Furchtbar schlecht" habe man die ersten 20 Minuten ausgesehen, konstatierte Rangnick.

Werder indes kombinierte elegant, gefiel mit flinken Doppelpässen in die Spitze, mit schnellen Wechseln von hüben nach drüben. Manches erinnerte an jenes famose Spiel gegen die Bayern aus der Vorwoche, auch das 1:0 von dem nun als "Mini-Diego" gefeierten Mesut Özil war fast eine Kopie seines Münchner Traumtors. Dazu ein brillantes Volleytor von Diego aus gut zwölf Metern, kurz darauf ein abgeklärtes von Aaron Hunt. An der Strafraumgrenze ließ er einen Gegenspieler mit einer Drehung ins Leere laufen, zog aus dem Stand ab - unaufhaltsam segelt der Ball ins rechte obere Eck.

Und doch: "Wir hätten das Spiel gewinnen können", wird Ralf Rangnick später sagen, "wenn nicht sogar müssen." Alles fing mit jenem Freistoß in der 36. Minute an, nach einem Foul, mit dem sich Per Mertesacker bereits jene rote Karte verdiente, die er erst viel später sah. Salihovic zirkelte den Ball aus gut 20 Metern fachgemäß unhaltbar ins rechte Eck. Und während die Werderaner nun begannen, sich etwas zu verkünsteln, verließen sie sich hinten zu sehr auf das rettende Moment von Pfosten und Latte. Gut möglich, dass das Mittwoch, gegen Inter Mailand in der Champions League nicht reichen wird. "Wir müssen uns im Defensivverhalten erheblich steigern", sagt Trainer Thomas Schaaf.

Wie wahr. Das Schicksal nahm seinen Lauf, als Per Mertesacker seinen Einsatz mit einer erneuten Notbremse beendete, während Diego einen Elfmeter verursachte, den Schiedsrichter Günther Perl vielleicht nicht hätte geben müssen. 4:3 durch Ibisevic. Hoffenheim setzte fortan auf Sturm und Drang, während Werder nicht einmal mehr Entlastungsangriffe zustande brachte.

"Was Hoffenheim da geleistet hat, war außergewöhnlich", sagt Schaaf später. "So mutig nach vorne zu agieren, das haben hier wenige Mannschaften gezeigt." Die Bremer Fans dankten es mit Beifall und Ovationen, und auch der anderenorts viel geschmähte Dietmar Hopp durfte auf der Nordtribüne einen ungefährdeten Nachmittag verleben. Angesichts mangelnder Chancenverwertung ging die größte Gefahr von seinen Leuten vor allem in Standardsituationen aus. Kein Zufall, dass es eine Ecke war, die Hoffenheim schließlich durch Comppers Tor den letzten Ausgleich bescherte. Aufgegeben haben sie nie, nicht einmal nach Özils Kontertor zum 5:4, zehn Minuten vor Schluss. Lieber wollten sie mit fliegenden Fahnen untergehen. Lieber noch einen Lattentreffer setzen.

Und Rangnick schimpfte. "Es soll mir jetzt keiner sagen, wie toll das war, wie super sie gespielt haben." Dabei, findet Kollege Schaaf, ist das doch genau das, was die Zuschauer sich wünschen. Zumindest wenn sie nicht herzkrank sind.

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