Natasha A. Kelly über Rassismus: „Uns vereint das Deutschsein“

Natasha A. Kelly spricht über die vorherrschende Vorstellung, dass Deutsche weiß sein müssten und die Auseinandersetzung mit Schwarzer Geschichte.

Ein Bild von Natasha A. Kelly

Die Denkweisen des Kolonialismus wirken nach, sagt Natasha A. Kelly Foto: Emmanuel Nimo

taz: Frau Kelly, wie schwarz ist Deutschland?

Natasha A. Kelly: Deutschland ist weiß. Diese Vorstellung geht auf den Kolonialismus zurück, genauer gesagt auf die Mischehengesetze, die in den deutschen Kolonien verabschiedet wurden. Diese haben dann später im Reichstag zur Ratifizierung des Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetzes geführt, welches genau definiert, wer NICHT deutsch ist. Und da heißt es noch, dass „Eingeborene“ nicht deutsch sein könnten. Und damit ging die Vorstellung einher, dass Deutsche weiß sein müssten. Diese Vorstellung hält bis heute vor.

Wieso passiert die Auseinandersetzung mit schwarzer Geschichte in Deutschland so langsam?

Das liegt an Deutschlands weißem Selbstverständnis. Schwarze Körper werden nicht hier verortet und schwarze deutsche Geschichte nicht anerkannt, obwohl sie ebenfalls bis weit vor die Kolonialzeit zurückreicht. Anton Wilhelm Amo war beispielsweise der erste schwarze Professor an einer deutschen Universität. Er hat bereits 50 Jahre vor Kant erkenntnistheoretische Ansätze aufgestellt. Seine Dissertation, die er 1721 schrieb, handelte vom Recht der Schwarzen in Europa. So alt ist das Thema also schon.

Braucht der deutsche schwarze Diskurs also vorrangig eine geschichtliche Aufarbeitung?

Er braucht vor allem eine Institutionalisierung schwarzer deutscher Geschichte und von Black Studies generell. Es geht ja nicht nur um historische Bezüge, sondern auch um gegenwärtige und zukünftige Vorstellungen – genau dort kommt der Afrofuturismus ins Spiel.

Kann das Akademische denn die Lebensrealitäten deutscher Schwarzer abbilden?

In meiner Arbeit funktioniert das sehr gut. Beim Afrofuturismus geht es genau darum, Transferleistungen von der Theorie in die Praxis, sprich Gesellschaft und Politik, zu schaffen. Es braucht zudem eine intersektionale Herangehensweise. Die schwarze deutsche Bewegung hatte ihre Ursprünge beispielsweise in der feministischen schwarzen Bewegung. Intersektionalität ist also der Ausgangspunkt und nicht das Ziel.

Zu guter Letzt, was macht schwarze deutsche Identität aus?

Schwarze deutsche Identität ist Teil der afrikanischen Diaspora. Es gibt viele verschiedene afrikanisch-diasporische Identitäten – ob es jetzt eine US-amerikanische, brasilianische, asiatische oder eben europäische ist. Was schwarze Deutsche vereint, ist auf dieser Grundlage gesehen ja eben das Deutschsein – die deutsche Kultur, die deutsche Geschichte, eben auch schwarze deutsche Geschichte. Jetzt gerade betreten wir eine Zeitepoche, die ich als „Racial Turn“ bezeichnen würde: Schwarze Menschen bestimmen und definieren sich als Subjekte selbst. Wir werden nicht für den Rest unseres Lebens in der Objektposition verharren.

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