Nasan Tur stellt in Osnabrück aus

Deutschland, ein Horrorfilm

Eine wirkmächtige Ausstellung über unser aller Ängste: Nasan Tur zeigt seine Video-Arbeit im Osnabrücker Felix-Nussbaum-Haus.

EIn bärtiger Mann zwischen Bildern

Schutzlos, verletzlich: Nasan Tur in seiner Installation „Deutschland“ Foto: Hermann Pentermann

HAMBURG taz | Es beginnt gespenstisch, albtraumhaft, wild: Aus einer dunklen Nische hallen jähe Schritte, stürzend, fliehend, jagend, wie getrieben. Jemand hetzt durch die immer gleichen Räume, wankt, stoppt, gleitet aus, stößt an, schlägt fast hin, unausgesetzt. Wir sehen ihn von hinten. Wir sind ihm so nahe, dass wir fast mit ihm verschmelzen. Ein Bett ist zu sehen, sekundenkurz, eine Kommode, eine Tür. Das Bild ist riesig, schwarz-weiß, unscharf, bewegungsverschwommen. Es fesselt, es bannt, es reißt mit, in einem blindem Vorwärts, das kein Ziel kennt, kein Ende findet. Ein Raum der Angst.

Nasan Turs Videoloop „Run“ gelingt eine kraftvolle Symbiose mit der expressiven, skulpturalen Architektur des Nussbaum-Hauses im Museumsquartier Osnabrück: Die ist von kippenden Linien und schrägen Fensterbändern geprägt, von überschweren Türen wie für Bunker, von einem Labyrinth winkeliger Gänge, Treppen und Räume.

Irgendwann ist aus der Tiefe des Dunkels, links von uns, ein quälender Ton zu hören. Wer ihm folgt, in einen beklemmenden, wie zersplitterten Raum mit Wänden aus Beton und Metall, steht vor einer Drehorgel, von einem einzelnen Scheinwerfer aus den diffusen Schatten gestanzt.

Auf den ersten Blick wirkt die Installation „Deutschland“ bieder: Blümchenmalerei, Drechselwerk. Aber die schwarzen Räder sind verstaubt, wie aus einem Horrorfilm. Und was das Lochband spielt, in gellendem Pfeifen, dumpfem Grollen, heiserem Kreischen, verstört zutiefst: Die Nationalhymne, verzerrt, zerhackt, halb verschluckt, bis zur Unkenntlichkeit verlangsamt, überdehnt.

Nasan Tur: bis 15. 11., Osnabrück, Museumsquartier/Felix-Nussbaum-Haus

www.museumsquartier-osnabrueck.de/ausstellung/nasan-tur/

Die Angst der Gesellschaft

Ein paar schrille Töne, Stille, ein verwundeter Melodiefetzen, Stille. Die Kurbel dreht sich wie von unsichtbarer Hand, rasend schnell, rumpelt, knackt, zerwirbelt die Luft. Wann die Orgel stoppt, wann sie danach erneut zu spielen beginnt, weiß man nicht. Zeigt „Run“ die Angst des Einzelnen, zeigt „Deutschland“ die Angst der Gesellschaft: Die Suche nach dem Vertrauten ist eine Suche ohne Finden.

Nasan Tur ist der zweite Künstler der neuen Reihe „Gegenwärtig. Zeitgenössische Künstler*innen begegnen Felix Nussbaum“. Und seine Auseinandersetzung mit Nussbaum, dem 1944 in Auschwitz ermordeten Maler der Neuen Sachlichkeit, dessen Vermächtnis das Haus bewahrt, reißt den Besucher hart aus der Erinnerung an das Leid des Einst ins Hier und Jetzt. Verletzlichkeit teilt sich mit, Schmerz, Schutzlosigkeit, ohnmächtiges Aufbegehren. Ja, das tut weh. Sehr. Aber das ist gut so.

Wie schonungslos Tur sich „nackt macht“, wie der Wandtext von Kuratorin Mechthild Achelwilm so treffend sagt, bevor wir „Deutschland“ erreichen, zeigt auch das riesige Foto „Agony“: Ein Lamm beißt einem Schakal in die Kehle. Oder ist es ein Kuss? Tierpräparate hat Tur zur Skulptur arrangiert, stark ausschnitthaft fotografiert, um 90 Grad gedreht; plötzlich geht es nicht mehr nur um die Umkehr von Machtverhältnissen, sondern um die Macht des Perspektivwechsels.

Eine mutige Schau, die dem Betrachter viel Offenheit abverlangt. „Schließlich geht es um unser aller Schwäche und Fragilität“, sagt Achelwilm, bis in deren Büro das leiernde, monotone Schreien der Orgel gellt, obwohl mehrere Wände dazwischenliegen. „Das ist wie ein Blick in den Spiegel.“ Auch ihr Aufsichtspersonal spüre das deutlich: „Bei uns allen hier im Haus bewegt das viel, gedanklich wie emotional.“

Hintersinn und Ehrlichkeit

Tur setzt auf Unterschwelligkeit, auf symbolistischen Hintersinn – und auf die Selbstbefragung des Betrachters. „Ich bin kein Mensch, der Lösungen hat“, sagt der Berliner Documenta-Teilnehmer. „Ich gebe auch nicht vor, welche zu haben; ich bin ein Mensch mit vielen Fehlern. Aber ich versuche, so ehrlich zu sein wie möglich.“

Turs Ehrlichkeit geht extrem weit. Mitten in der Nussbaum-Sammlung, im ersten Stock, einen schrägen, endlos langen, hohen, schmalen Gang hinauf, läuft das 5-Minuten-Video „In My Pants“. Es zeigt ihn fast lebensgroß. Tur steht reglos, in einem leeren, hellen Raum, und scheinbar geschieht, lange, nichts. Aber das täuscht: Tur nässt sich ein; Urin läuft sein Hosenbein hinab. Ein Bild der Angst, des Selbstzweifels; zutiefst persönlich – und doch ein Bild von uns allen.

„Das ist bei Rom entstanden, in der Villa Massimo“, sagt Tur mit Blick auf sein Selbstporträt. „Da gibt man dir das Gefühl, zur künstlerischen Elite zu gehören. Du bekommst Geld, eine schöne Wohnung, ein Atelier. Aber ich sehe mich nicht als Elite. Also habe ich dort ‚In My Pants‘ aufgenommen.“ Wie das Motiv der Drehorgel ist auch die Villa Massimo eine Parallele zwischen Tur und Nussbaum. Tur war 2014 dort, Nussbaum 80 Jahre vorher.

Dass „In My Pants“ hier oben steht, scheinbar abseits der Ausstellung, ohne jede Wegeführung, ist kein Manko. Es erhöht die Verzahnung zwischen beiden Künstlern, zwischen Einst und Jetzt. Eine herausfordernde kuratorische Entscheidung, aber eine glückliche. „Liquide“, sagt Achelwilm dazu.

Eine Ausstellung, die Gänsehaut erzeugt, in der Besuchern die Tränen kommen. Empathie setzt sie frei. Und im Frühjahr kehrt Tur zurück, für das flankierende Partizipativprojekt „Osnabrücker Exilfenster“. Dazu besucht er hier im Exil Lebende, sammelt ihre Geschichten, blickt aus den Fenstern ihrer Wohnungen, dokumentiert diese Blicke auf die Stadt. Auch das eine Suche.

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