: Nachschlag:
■ Geschichten aus der anderen Welt
Nur eine Handvoll Leute sind gekommen, zur Lesung von AutorInnen der, noch zu DDR-Zeiten gegründeten, schwul-lesbischen Zeitung „Die andere Welt“. Ort der Veranstaltung ist Pluspunkt e.V., eine schwul-lesbische Begegnungsstätte mit Kiezcharakter. Die Atmosphäre ist freundlich und intim. Ein bißchen warmsitzen und -trinken, dann die Aufforderung, näher an das Sofa heranzurücken. Eike Stedefeld und Anne Köpfer lesen: Geschichten über das „Ende der DDR“, Erfahrungen mit der neuen Gesellschaft und über Irrungen und Wirrungen der homosexuellen Liebe. Verständigungstexte.
Eike Stedefeldt hat den etwas traurigeren Part. Er liest melancholische Geschichten aus dem Alltag eines zurückhaltenden schwulen Mannes. Viel Authentisches sei in seine Geschichten eingeflossen, sagt er, und daß er eigentlich kein Literat ist. Eike Stedefeldt schreibt, weil es eine Nachfrage gibt – auch wenn ihn das wundert. Anne Köpfer, ehemalige Schriftsetzerin, jetzt arbeitslos, liest Humoristisches: über den 1. Fernsehauftritt als Lesbe, den dann natürlich „kein Aas gesehen hat“, oder eine Satire über den Berliner Lesbenpuff „Club Rosa“. Diesen Text trägt sie besonders gern vor. Weil es böses Blut gegeben hat. Animiert durch eine reißerische Story im Nachrichtenmagazin Focus nimmt sie die schnoddrigen Allüren der Bordelldamen auf die Schippe. Da verstanden die „bösen Mösen“, die Puffmütter und ihre Anhängerinnen aber keinen Spaß: „Bist Du überhaupt eine Lesbe?“ hieß es in einem wütenden Leserinnenbrief an „Die andere Welt“, in der die Geschichte veröffentlicht worden war.
Mit ihrem Leseprogramm reisen die beiden durch die Ex- DDR. Umfang und Auswahl ihrer Texte machen die AutorInnen von ihrem Publikum abhängig: „Wir lesen, bis die Leute schlafen.“ Aber die kleine Runde schläft noch nicht. Sie verträgt noch eine. „Traurige oder lustige Geschichte?“ Das heißt Eike oder Anne. Petra Lüschow
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen