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Nachschlag

■ „Aufruf zur Wachsamkeit“, diskutiert von Finkielkraut, Deguy und Baier

„Das ,Komitee der Wachsamkeit‘ hat verschlafen“, raunte mir mein Nachbar zu. Es sollte eine prophetische Äußerung sein. Doch schließlich betraten an diesem Freitag abend die Mannen um Zeit-Redakteurin Iris Radisch – Michel Deguy, Alain Finkielkraut und Lothar Baier – das Podium in der überfüllten „literaturWERKstatt“, um den französischen „Aufruf zur Wachsamkeit“ vom Juli 1993 zu diskutieren.

Deguy und Baier gehören neben Bourdieu, Eco und Virilio zu den 40 Unterzeichnern des „appel à la vigilance“ gegenüber der extremen Rechten. Diese, so die Argumentation, gebe bloß vor, sich geändert zu haben, und versuche, durch Publikationen von angesehenen Intellektuellen in ihren Zeitschriften und Verlagen diskursfähig zu werden.

Diese „Strategie einer Legitimierung der extremen Rechten“ sei doch sehr allgemein beschrieben, fand Iris Radisch. Baier erläuterte lieber, daß sich die nouvelle droite nicht geändert habe, und Deguy ergänzte, der Appell fordere ein „Wachen über“ die Unterscheidung von rechts und links.

Ein „Überwachen“, konterte Alain Finkielkraut. Er habe den Appell nicht unterzeichnen wollen, weil sein unausgesprochener Anlaß, der Publizist Alain de Benoist, marginal sei; die vom Ende der Ideologien verwirrte Linke habe nach einem Ziel gesucht. Daß die neue Rechte um die Intellektuellen buhle, belege doch die Vorherrschaft der Linken.

In einem aber herrschte Übereinstimmung: keine Zuträgerdienste für die Rechten. Benoist bat Finkielkraut mehrfach um einen Artikel – vergeblich, denn eine nouvelle droite, die die Judenvernichtung und den Nationalsozialismus annulliere, sei abscheulich. Anders als die Unterzeichner des Appells jedoch hielt Finkielkraut das Ende der Ideologien, der Links-Rechts-Unterscheidung und des traditionellen Antirassismus für legitime Themen. „Finkielkroat“ – so sein Pariser Spitzname – plädierte mit dem Hinweis auf das ausradierte Vukovar und das Massaker an seinen Bewohnern für das Recht auf nationale Selbstbestimmung. Ausführungen zum Ethnopluralismus blockte Iris Radisch mit stimmlichem Fortissimo ab. „Versteht Ihr das?“

Doch Finkielkrauts Bravour war nicht zu überbieten. Neben seiner Eloquenz wirkten Deguy und Baier, als seien sie noch immer erschöpft von der Unterschrift unter den Appell. Iris Radischs Versuch, über die deutschen Zustände zu sprechen, fand keinen Widerhall. Wie das „Komitee der Wachsamkeit“ arbeitet und ob sich das politische Klima Frankreichs bereits verändert hat, wurde gar nicht erst gefragt. Warum traf man sich eigentlich, immerhin zehn Monate danach? Jörg Plath

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