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Nachschlag

■ Die costaricanische Tanz-Truppe Diquis Tiquis im Ratibor

Wenn eine costaricanische Gruppe namens Diquis Tiquis als „führende Tanz-Theater-Gruppe in Lateinamerika“ angekündigt wird und dann auch noch im Ratibor Theater spielt, schwant einem nichts Gutes. Daß sich die berühmteste Gruppe eines halben Kontinents ausgerechnet in das Hinterhoftheater in der Cuvrystraße verirrt, ist schwer vorstellbar. Nichts gegen Hinterhoftheater, wenn man dort etwas Gutes sieht, ist es wunderbar, aber leider kommt das immer seltener vor. Welchen Ruf die Diquis Tiquis in Lateinamerika tatsächlich genießen, wissen wir nicht. Doch soviel können wir sagen: Den Besuch des Ratibor Theaters machen sie mit ihrem Stück „Shy Shining Walls“ zu einem Erlebnis.

Zwei Stühle und ein Mann und eine Frau. Sie wippen sich in den verschiedendsten Formationen durchs Leben, und was auch kommen mag: Sie sind immer unterwegs, bleiben dabei aber festgeschnallt auf ihren Stühlen sitzen. Aus dem Hintergrund streckt die Frau dem Mann hilfreich die Arme als Stuhllehnen nach vorn, und er nimmt diese selbstgefällig in Anspruch. Ein schlichtes, plakatives Bild, und doch gelingt den beiden Tänzern hier und während des ganzen Abends etwas, das einem von der lateinamerikanischen Literatur bekannt ist: ein magischer Realismus, der sich gerade im Detail entfaltet. Gezeigt wird ein von einfachen Elementen bestimmtes Tanztheater, das zugleich voller Chiffren ist und in seinen besten Momenten eine geradezu surrealistische Bildhaftigkeit entfaltet. Die angewandten Mittel kennt man genau so auch vom deutschen Tanz, doch gelingen hier gänzlich andere Geschichten. Geschichten, die, würde sich eine deutsche Gruppe daran versuchen, nur peinlich und abgeschmackt wirken würden: Ein Mann, der glaubt, der Herr zu sein, und doch von der Kraft der weiblichen Aufopferung zersetzt wird, bis er zum Schluß nur noch als Puppe in den Armen der Frau hängt. Ein grauenhafter Zombie, dem die Seele bei lebendigem Leibe aufgefressen wurde. Die Parodie auf den Machismo mutiert zum Lehrstück und endet schließlich mystisch.

Wenn die beiden TänzerInnen, Sandra Trejos und Alejandro Tosatti, ihre Stühle verlassen, dann ziehen sie ihre Kleidung gleich mit aus und stolpern in Unterwäsche durch eine Welt, die sie nicht verstehen. Aus den Boxen tönt Gesang, den die zwei kurzzeitig für den eigenen halten. Das ist natürlich ein Irrtum, und so kehren sie zu den Klamotten und Stühlen zurück, zu einer Ordnung, die sie zu kennen glauben, was ein großer Fehler ist... Michaela Schlagenwerth

„Shy Shining Walls“ von Diquis Tiquis, bis 6.11. und 10.–13.11., 20 Uhr, Ratibor Theater, Cuvrystraße 20, Kreuzberg.

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