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Nachschlag

■ Tanz für gute Menschen: Performance der Compagnie AnDanzas im Straßenbahndepot Moabit

Wale sind die besseren Menschen. Wale und Delphine, so publizierten auf der allgemeinen Walwelle reitend vor gut 15 Jahren Geo und andere Zeitschriften, seien wesentlich intelligenter als der Homo sapiens. Da die Wale sich im Unterschied zu diesen ohne natürliche Feinde entwickeln durften, haben sie ein paradiesisches Leben. Sie müssen keine Häuser bauen und Kriege führen, sondern tragen in vollendeten Gesängen Gedichte vor und geben sich höchst phantasievoll — und dazu noch ausdauernd — einem traumhaften Liebesleben hin. Was aus diesen Phantastereien geworden ist, wissen wir nicht. Aufschluß kann man jetzt im Straßenbahndepot bekommen. Dort hat Greenpeace „Europas größte Wal-Ausstellung“ organisiert. Der Anlaß ist natürlich ein anderer: Der Treibnetzfischerei gehen neben den Objekten der Begierde (Schwert- und Thunfisch) rund achtzig Prozent andere Fische ins Netz, 80.000 Delphine lassen jährlich auf diese Weise ihr Leben. Da man mit jedem Bissen Schwert- und Thunfisch Delphine metzelt, sollte man auf den weiteren Verzehr also verzichten (seufz).

Die Ausstellung ist der Anlaß für eine Performance der Compagnie AnDanzas: „Der Traum des Fischers“, eine Auseinandersetzung nicht nur mit der bedrohten Wal-Welt, sondern mit der Zerstörungswut- und -lust des Menschen. In kurzen, collagierten Szenen erobert man sich höchst fasziniert den großen, im Dunkel liegenden Ausstellungsraum. Man turnt über Treppen und lange Gänge und nistet sich im Inneren des Wals ein. Sprech- und Tanzszenen wechseln einander ab. Eine Wippe wird zur Metapher für das bedrohte Gleichgewicht der Welt und für die drei Akteure zur akrobatischen Übung. Der Industrielle, der Arbeiter und der Öko-Held – sie sitzen im gleichen Boot, können nur gemeinsam das Gleichgewicht halten und kriegen alle ihr Fett weg. Nach einer Balance sucht auch die Regisseurin Martina Leeker: zwischen Engagement und Kunst. Doch die gewollte Naivität der Bilder und das geschickte Aneinanderreihen von kraß unterschiedlichen Szenen kippt in keine andere Sphäre, sondern bleibt ein aufdringlicher Appell an die Betroffenheit des Zuschauers.

Gewalt auf der Bühne ist schön: Wenn eine Tänzerin und später ein Liebespaar unter schillernden Plastikfolien begraben ihr Leben aushauchen, ist das höchst poetisch. Doch wir sollen hier zu „guten Menschen“ erzogen werden und all das nicht mehr wollen. Martina Leeker möchte mit unserer Hilfe die Kunst abschaffen: „Stopp!“ sollen wir rufen und der besten Szene des Abends ein Ende setzen, in der höchst kunstvoll ein nackter Mann von einem Plastik-Zombie gequält wird. Wer gerne zuschaut, ist ein schlechter Mensch? Das kann man für politisches Theater halten, aber auch für eine peinliche Dressur der Zuschauer: Hier wird Betroffenheit trainiert. Wer aus eben diesem Gefühl schon immer zur anderen Seite schaute, wenn in der U-Bahn Türkenjungen von großen Deutschen gepiesackt wurden, darf sich auch hier seiner humanitären Gefühle versichern. Michaela Schlagenwerth

Weitere Vorstellungen am 19.11., 3., 10. und 17.12., jeweils 19 Uhr, Straßenbahndepot, Wiebestraße, Moabit.

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