Nachruf auf João Gilberto

Meister der Melancholie

João Gilberto prägte eine neue Form des Singens: leise, unschuldig, unmaskulin. Nun ist die Bossa-Nova-Legende mit 88 Jahren verstorben.

Der brasilianische Sänger João Gilberto tritt 2004 in der New Yorker Carnegie Hall auf

Bei allen Erfolgen blieb er eine menschenscheue Leidensgestalt: João Gilberto Foto: ap

Die Stimme ist weg. Mit João Gilberto ist der Mann verstummt, der der Welt eine neue Art zu singen schenkte und damit einem ganzen Universum neuer künstlerischer Positionen eine Ausdrucksmöglichkeit gab. Wobei diese Stimme kein Zufallsprodukt war, nichts, womit er zufällig nun mal geboren war, sondern das Ergebnis einer gezielten Suche und harter, selbstzerfleischender Arbeit.

João Gilberto do Prado Pereira de Oliveira (João Gilberto ist also sein Vorname) kam am 10. Juni 1931 in dem 10.000-Seelen-Nest Juazeiro im brasilianischen Bundesstaat Bahia als Sohn eines wohlhabenden Unternehmers zur Welt. Als Jugendlicher fiel er durch extreme Musikalität auf, als Teenager erlangte er mit einem Gesangsquartett lokale Berühmtheit. Sein Vorbild war der legendäre Crooner Orlando Silva. In frühen Jahren trainierte er seine Tenorstimme auf Imitationen des Meisters.

1950 machte er sich 19-jährig auf nach Rio und sang in Bands, dank seines Talents zur Imitation oft auch in Werbespots. Sogar ein paar 78er Singles durfte er veröffentlichen. Es bemerkte bloß kaum jemand. Vielleicht, weil er noch zu nahe an seinem Vorbild Silva hing. Als er schließlich entmutigt und pleite auf Anraten eines Freundes die Stadt verließ, fiel das kaum jemandem auf. Er quartierte sich schließlich für eine Weile bei seiner Schwester Dadainha in der Kleinstadt Diamantina ein. Dort perfektionierte er seinen synkopierenden Gitarrenstil im Badezimmer mit dessen intimer Akustik – und fand nach Monaten schließlich zu einer ganz neuen Stimme.

Die Zeit war reif für ein anderes Singen. Dank der Mikrofontechnik war es nicht mehr nötig, mit der Stimme Theatersäle zu beschallen. Dennoch war die klassisch trainierte voluminöse Stimme mit Vibrato und dramatischem Gestus auch in der populären Musik weltweit das Maß der Dinge. In den USA begann sich das zu ändern, als Harry Smith 1952 mit seiner „Anthology of American Folk Music“ ein ganzes Kompendium anderer, unbekannter Gesangsmodi aus der Blues- und Hillbilly-Welt präsentierte. Dank ihrer traute sich dann ein Bob Dylan zu knarzen, wie ihm der Schnabel gewachsen war.

Bis an die Grenze zur Unhörbarkeit

João Gilbertos Ansatz war ein anderer. Es wollte sich wohl so weit wie eben möglich vom dramatischen Macho-Crooner seiner Tage entfernen. João sang leise bis an die Grenze zur Unhörbarkeit, seine Attitüde war die einer kindlichen Unschuld, einer melancholischen Hilflosigkeit und wirkte eher unmaskulin. Mit diesem Singen öffnete er das Ausdrucksspektrum für Positionen der Melancholie, des Losers und für ein Universum der Zwischentöne, die der Zwang zum Drama vorher nicht zugelassen hatte.

Im Badezimmer perfektionierte er seinen Gitarrenstil – und fand nach Monaten zu einem anderen Gesang

João Gilberto wusste offenbar, dass er eine bedeutende Entdeckung gemacht hatte. Strotzend vor Selbstbewusstsein reiste er zurück nach Rio. Einer der Ersten, die seine neue Musik hörten, war der Gitarrist und Komponist Roberto Menescal. Laut Ruy Castros Buch „Bossa Nova – The Sound of Ipanema“ konnte Menescal nicht glauben, was er hörte: „João Gilbertos Stimme war ein Instrument – genauer gesagt: eine Posaune – von höchster Präzision, und er ließ jede Silbe auf den jeweiligen Akkord fallen, als ob die beiden zusammen entstanden wären. Was insofern besonders erstaunlich war, als der Mann in einer anderen Geschwindigkeit spielte, als er sang …“

Menescal schnappte sich João, um ihn seinen Freunden vorzuführen. „In nur einer Nacht und dem darauf folgenden Tag (niemand schlief) öffnete er ihre Augen für eine brasilianische Musik, die viel reicher war, als sie es je für möglich gehalten hatten. In dieser Nacht war João Gilberto die Personifizierung dessen, was sie die ganze Zeit gesucht hatten, ohne es zu wissen.“

Nicht nur für sie. Mit der Antônio-Carlos-Jobim-Komposition „Chega de saudade“ gelang João 1959 der Durchbruch in Brasilien, mit dem gemeinsam mit Stan Getz eingespielten Album „Getz/Gilberto“ und dem Hit „The Girl From Ipanema“ (ebenfalls aus der Feder von Jobim) wurde 1964 der Rest der Welt aufmerksam. Bossa Nova konnte es an Popularität in den 1960er Jahren mit dem Liverpool Beat und Tamla ­Motown aufnehmen. Neben der Bossa-Rhythmik und den Harmonien war dabei der leise, sanfte Gesang das, was den größten nachhaltigen Einfluss auf Musikerkollegen von Nick Drake bis Sade, von James Taylor bis Chan Marshall ausübte.

João Gilberto blieb bei allen Erfolgen ein Exzentriker, ein Getriebener, eine menschenscheue Leidensgestalt. Er spielte in jüngerer Zeit Alben unterschiedlicher Qualität ein; sein letztes, „João voz e violão“, produzierte im Jahr 2000 Cae­tano Veloso, der nicht müde wird zu bekunden, dass auch er und die bilderstürmerischen Tropicalisten der Spätsechziger João Gilberto alles zu verdanken haben.

Anekdoten über ihn gibt es viele – über seine Exzentrik, seine Untüchtigkeit in praktischen Dingen – und seinen Marihuanakonsum. Weiter kam auch der Hamburger Autor Marc Fischer nicht, der in den 2000er Jahren versuchte, ihn in Rio zu stellen und zu befragen, worüber sein brillantes Buch „Hobalalá: Auf der Suche nach João Gilberto“ (2012) Zeugnis gibt. Zuletzt gab es mal wieder Gerüchte über erhebliche finanzielle Probleme, die ihn offensichtlich auch zwangen, seine langjährige Wohnung zu verlassen. Am Samstag starb João Gilberto 88-jährig in Rio.

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