Nachruf Oscar Niemeyer: Vernünftig genug für Unvernunft

Oscar Niemeyer war einer, der an die Menschen in seinen Häusern und Städten geglaubt hat. Er war Wegbereiter der Moderne. Und Kommunist.

Der Meister und seine Stadt: Oscar Niemeyer in seinem Büro mit Blick auf die Copa Cabana (2003). Bild: reuters

Ein kleiner Junge malt mit dem Finger Formen und Figuren in die Luft. Spielerisch, aber auch konzentriert und geschäftig. Was machst du denn da mit deinem Finger für komische Sachen, fragen ihn die Leute. Ich mache Zeichnungen, sagt der kleine Junge. Aus dem kleinen Jungen ist später ein berühmter Architekt geworden.

Oscar Niemeyer hat diese Geschichte gern erzählt. Und manchmal hat er sie um ein Zitat von Martin Heidegger ergänzt: „Die Vernunft ist die Feindin der Einbildungskraft.“ Womit Niemeyer, der noch im hohen Alter beinahe täglich zum Formenmalen in sein Atelier gekommen ist, eben auch einen Mythos der Moderne unterminiert hat: dieses große Gerücht der Vernunft als Leitmotiv des Bauhauses und aller danach gebauten Häuser.

Der am 15. Dezember 1907 als Oscar Ribeiro de Almeida de Niemeyer Soares in Rio de Janeiro geborene Architekt war im Gegenteil immer vernünftig genug, um unvernünftig zu bauen. Er war einer, der an die Menschen in seinen Häusern und Städten gedacht, der an sie geglaubt hat, wenn er etwa davon sprach, dass „Beton tiefe Gemütsbewegungen hervorrufen“ könne. Es kommt eben drauf an, was man draus macht.

Oscar Niemeyer hat nicht nur in seinem radikal utopischen Großstadtmonument Brasilia das Größtmögliche aus Beton gemacht. Und vielleicht war das wirklich Kühne an dieser vor 52 Jahren eingeweihten, mitten in die zivilisatorische Wüste des brasilianischen Hinterlandes gesetzten Hauptstadt eines sozialdemokratischen, postkolonialistischen Brasiliens gar nicht das zeichenhafte Spiel der geschwungenen, gedrehten und absolut schwerelosen Baukörper. Vielleicht war das wirklich Kühne an Brasilia der letztlich naive Glaube, eine Art Anti-Germania entwerfen zu können. Eine am Reisbrett erträumte Musterstadt einer besseren Welt.

Kühne Betonkurven

Noch einmal zur Erinnerung: Niemeyer hat Brasilia zu einem Zeitpunkt entworfen, als sein Freund Le Corbusier bereits damit begonnen hatte, das soziale Leben in streng symmetrischen Wohnfabriken zu stapeln. Und als Walter Gropius Silhouetten des kapitalistischen Warenverkehrs in die Skyline von New York eingepasst hat.

Der eine baute für die Pan American Airlines, der andere für die leidenschaftliche Selbstermächtigung seines Brasiliens. Bereits 1964 beendete ein Militärputsch diese Utopie. Doch auch das hat Oscar Niemeyer, diesem so entschiedenen Agnostiker, nicht den Glauben an das grundsätzlich Gute in den Menschen nehmen können. Gemeinsam sei man auf dem Weg dorthin. Und dieser Weg solle ruhig einige seiner kühnen Betonkurven nehmen.

„Ich mache immer das modernst Mögliche.“ Der Nationalkongress in Brasil. Bild: reuters

Vielleicht auch deshalb hatte der Grundriss Brasilias die Form eines Düsenflugzeugs. Eine breite, zentrale Achse mit den ikonografischen Kultur- und Verwaltungsgebäuden bildet den Rumpf. Rechts und links davon sind symmetrisch drapierte Scheibenhochhäuser wie Tragflächen angeordnet.

Immer das modernst Mögliche

Geschätzt hatte Niemeyer die Moderne, diese Überschallepoche, so auch vor allem für ihren transitorischen Charakter. Für alles Gedachte, Künftige und Utopische also, das in sie eingeschrieben war. „Ich mache immer das modernst Mögliche“, hatte er einmal über seine Architektur gesagt. Mehr noch aber ging es ihm um eine moderne Gesellschaft, um Menschen, die anders, besser und gemeinsamer leben sollen.

Eine ideale Stadt, so betonte er unablässig, sei nur unter den Bedingungen einer klassenlosen Gesellschaft denkbar. Niemeyers Oeuvre, und mithin sein Leben, war ein Erdenken und Erträumen von solchen Möglichkeitsformen. Darin war es radikal modernistisch und doch romantisch zugleich.

Latenter Freund Kubas

Warum er, der bekennende Kommunist und latente Freund Kubas, sich im Laufe seiner gut 600 Bauten umfassenden Karriere, darunter als einziger in Deutschland realisierter Entwurf ein scheinbar freischwebender Apartmentriegel im Berliner Hansaviertel, denn nie um die brasilianischen Favelas gekümmert habe, wurde Oscar Niemeyer immer wieder gefragt.

Aber auch darauf hatte er eine plausible Antwort gegeben: „Weil sich unsere Brüder in den Slums wohler fühlen als in geplanten Siedlungen, die keinerlei Komfort bieten und oft noch öder sind. Das alles ist schrecklich. Doch zumindest ist diesen Randzonen eine gewisse Poesie eigen, insofern die dort Ansässigen in einer ihnen vertrauten, überschaubaren Umgebung leben.“

Der Weg kann ruhig einige von Niemeyers kühnen Betonkurven nehmen – Foyer des Außenministeriums in Brasilia. Bild: dpa

Vermutlich ist das ein letztes Alleinstellungsmerkmal dieses ohnehin einzigartigen Modernisten: Als einziger der unter den Bedingungen des Bauhauses und der unmittelbaren Nachkriegsmoderne sozialisierten Architekten hat Oscar Niemeyer noch eine von sämtlichen Fragen des Sozialen entledigte globale Superstararchitektur kennen gelernt. Große Architektur vermochte er nicht mehr gemeinsam mit den großen, drängenden sozialen Fragen zu denken.

Zehn Tage vor seinem 105. Geburtstag starb Oscar Niemeyer an einer Infektion der Atemwege in seiner Heimatstadt Rio de Janeiro. An eine Poesie des Alltags hat er, dem „ein guter Roman zeitlebens mehr bedeutet hat als eine Abhandlung zur Architektur“, bis zuletzt geglaubt.

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