Nach der Volksabstimmung im Sudan

Die Jugend will Häuser aus Stein

Die Trennung zwischen Süd- und Nordsudan ist beschlossen. Das offizielle Ergebnis der Abstimmung ist da, die USA und Europa gratulieren. Doch wie sieht es vor Ort aus?

Das größte Schwimmbad des Landes in Rock City, Juba, Südsudan. Bild: dapd

"Du bist verrückt!" schreit der Fahrer des Motorradtaxis. "Das ist das Doppelte von gestern." Der Tankwart zuckt mit den Schultern. "Benzin ist Mangelware und deshalb ist der Preis verdoppelt." Der Taxifahrer zur Passagierin: "Du musst mir das Doppelte zahlen oder laufen." Da startet die Frau ebenfalls eine lautstarke Tirade. "Das ist kein guter Anfang für unsere neue Zukunft", meint der Motorradtaxifahrer.

Nicht nur in dem Städtchen Aweil hat sich einiges geändert, seit die Südsudanesen für die Unabhängigkeit gestimmt haben. Vor allem in den nördlichen Teilen Südsudans ist eine neue, teure Realität erschienen. Bis vor dem Referendum fuhren die Tankwagen aus dem Norden über die staubigen Sandstraßen nach Süden, verkauften Sprit, bis der Tanker leer war, und fuhren wieder zurück. Aber seit dem Referendum liegt der Nord-Süd-Warentransport größtenteils still. Die Händler aus dem Norden wissen nicht, was sie im Süden erwartet, ihre südlichen Kollegen trauen dem Norden nicht und fürchten Rache für ihre Wahl der Unabhängigkeit.

Aweil, ein hübsches Städtchen mit vielen schattenspendenden Mangobäumen, liegt nicht weit von der Grenze zwischen Süd- und Nordsudan. Seit dem Referendum fehlt der hohe Pfeifton der alten Dampflokomotive, der sonst regelmäßig durch die Nacht schneidet, wenn der Zug nach Norden sich in Bewegung setzt. Die Eisenbahnverbindung war die Nabelschnur des Fernhandels zwischen Nord und Süd. Jetzt fährt der Zug nicht mehr.

Der Südsudan hat mit überwältigender Mehrheit die Unabhängigkeit gewählt. Nach dem offiziellen Endergebnis sprachen sich 98,8 Prozent der knapp vier Millionen Wähler in dem historischen Referendum für die Abkopplung vom muslimischen Norden aus. Nur knapp 45.000 Wähler votierten bei der Abstimmung im Januar gegen einen eigenen Staat, wie am Montag in Khartum mitgeteilt wurde. Am 9. Juli soll die Trennung wirksam werden.

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Der Präsident des ostafrikanischen Landes, Omar al-Baschir, versicherte, der Norden werde das Ergebnis als "Ausdruck des Willens des Volkes im Süden akzeptieren". Der Norden strebe Zusammenarbeit und gute Beziehungen zu dem neuen Staat an, sagte al-Baschir im staatlichen Fernsehen. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon sagte dem Land Hilfe der Vereinten Nationen zu. Die USA kündigten an, den neuen Staat sofort nach der Unabhängigkeit im Juli offiziell anzuerkennen. Barack Obama gratulierte "dem Volk im Südsudan für ihr erfolgreiches und inspirierendes Referendum". US-Außenministerin Hillary Clinton stellte in Aussicht, dass Washington den Sudan von der schwarzen Liste der Länder streicht, die Terrorismus unterstützen. Auch die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton sicherte dem Land Unterstützung zu.

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Die Volksabstimmung über die Zukunft des Südsudan war eine der wichtigsten Vereinbarungen des Friedensabkommens, das 2005 den Bürgerkrieg zwischen dem arabischstämmigen Norden und dem überwiegend von Schwarzafrikanern bewohnten Süden beendete. In dem 21 Jahre dauernden Konflikt kamen mehr als zwei Millionen Menschen ums Leben, rund vier Millionen mussten vor den Kriegswirren fliehen. (dpa)

Während des Bürgerkrieges zwischen 1983 und 2005 transportierte die Regierung in Khartum mit dieser Eisenbahn Milizen an die Front gegen die Rebellen der SPLA (Sudanesische Volksbefreiungsarmee), die für die Unabhängigkeit des Südens kämpften. Der Zug brachte auch Waffen und Nahrung für die Truppen des Nordens. Die SPLA sabotierte regelmäßig die Schienen. Für die Südler war diese Eisenbahn der Todeszug.

Aber jetzt, wo die Bahn friedlich genutzt werden könnte, fehlt sie. "Ich habe große Abneigung gegen den Norden, aber wir müssen pragmatisch sein", findet Andrew Deng Malong, ein ehemaliger Rebellenkämpfer, der jetzt als Chauffeur einer Hilfsorganisation arbeitet. "Unser Land muss komplett neu aufgebaut werden. Wir können es uns nicht leisten, wählerisch zu sein. Wir sind zu weit entfernt von Uganda und Kenia, um uns dort zu versorgen. Unsere besten Chancen sind im Norden."

Erinnerung an den Krieg

Es kostet viel Selbstüberwindung, so etwas zu sagen. In Südsudans Grenzgebieten zum Norden fanden die schlimmsten Bodenkämpfe des Krieges statt, die Abneigung gegen Khartum ist hier am größten. Die Südler erlebten ihre nördlichen Landsleute als rassistische Unterdrücker, die mit Feuer und Schwert Arabisierung und Islamisierung zu bringen versuchten.

Die Einwohner von Tonj wollen vom Nordsudan nichts mehr wissen. Während des Kriegs war Tonj oft Ziel von Luftangriffen des Militärs aus Khartum. "Die schlimmste Erinnerung aus meiner Kindheit ist die immer wiederkehrende Flucht aus unseren Häusern, um uns außerhalb von Tonj im Busch zu verstecken. Wir mussten mäuschenstill bleiben. Nur so konnten wir überleben", erzählt Athuai Albino Madhieu.

Aus seinem Handy, das der 22-Jährige als Radio benutzt, schallt der letzte Hit des südsudanesischen Hiphopsängers Emmanuel Jal. Athuais Mutter backt vor ihrer Grashütte flaches Brot auf einem offenen Feuer. "Unsere Häuser sind schrecklich altmodisch", schimpft der Jugendliche. "Wir müssen uns anpassen. Unser neues Land soll modern werden. Mit Steinhäusern!"

Tonj wird im Südsudan scherzhaft "Eton" genannt. Der Vergleich mit dem Elite-Internat in England rührt von der hohen Zahl von Schulen und Schülern im Ort her. Beinah ein Viertel der 20.000 Einwohner sind Studenten in einer der Lehranstalten, meistens geführt von kirchlichen Organisationen. Athuai hat gerade Abitur gemacht und will Geld verdienen, um zur Universität zu gehen. Seine Eltern, beide Polizisten, können sich das aber nicht leisten. Und dann mangelt es auch noch an Studienplätzen. Seit Jahresanfang sind mehr als 4.000 südsudanesische Studenten, die im Norden studierten, heimgekehrt und wollen nicht zurück. Die lokalen Studienanwärter haben das Nachsehen. "Vielleicht muss ich einen Studienplatz im Ausland suchen", seufzt Athuai.

Der junge Mann hat immerhin Arbeit gefunden beim neuen lokalen Radiosender "Don Bosco 91 FM". Bei Athuai und seinen Kollegen hängt die Hose halb den Hintern hinunter, wie bei ihren Altersgenossen in der westlichen Welt. Sie lieben alle Hiphop, auch der Radiodirektor, ein Priester aus Nigeria. Athuai liebt seine Arbeit. "Es war toll, Radioprogramme über das Referendum zu machen. Ein Ende unserer Unterdrückung, ein historischer Moment, der Anfang einer selbständigen Zukunft."

Aber die Vergangenheit ist nicht leicht zu vergessen. Ab und zu lümmelt Athuai in einem Stuhl, versunken in seiner eigenen Welt. "Ich weiß auch nicht, was dann mit mir los ist", sagt er. "Ich habe Tage, da ist mein Körper schwer und mein Kopf von innen dunkel. Es dauert immer eine Weile, bis das vorbeigeht."

Nicht nur die düstere Vergangenheit belastet die Jugend von Tonj. Das einzige Mädchen beim Radiosender hat einige Jahre in Australien gelebt. Jetzt ist Monica wieder zuhause - und ihr Vater will sie verheiraten. Sie ist schön, ist, anders als die meisten Mädchen, im Südsudan zur Schule gegangen und sie wird ihren Vater reich machen, weil sie in der Kultur des Dinka-Hirtenvolkes viele Kühe wert ist. "Ich will aber weiter lernen", vertraut sie ihren Freundinnen an. "Ich bin noch nicht so weit, zu heiraten."

Überhaupt ist es schwierig für die Australien-Heimkehrerin, sich wieder an das Leben in Tonj zu gewönnen. "Von einer Grashütte ohne Toilette und Dusche in ein Haus mit Elektrizität und fließendem Wasser und dann wieder zurück - das ist nicht leicht."

Der Ortsälteste Machar Mabior Malong, geboren in Tonj, schloss sich im Krieg der SPLA an und eroberte sein eigenes Dorf. Am Ortsrand steht er an einem Fluss, auf dem anderen Ufer ist in der Ferne ein Mann zu sehen, der ein Stück Land pflügt. "Er ist der Erste, der hier wieder Landwirtschaft treibt", meint Machar stolz. Gemüse gibt es kaum in Tonj. Auf dem Markt werden nur Fleisch, getrockneter Fisch und Getreide angeboten. "Wir haben vergessen, wie Landwirtschaft geht. Unser Hirten- und Bauernblut ist uns durch das Leben als Kämpfer ausgetrieben worden."

Aber vielerorts haben die Menschen vergessen, sich auf die eigenen Kräfte zu besinnen. Weitere 125 Kilometer südlich in der Stadt Rumbek streckt eine gutgekleidete Frau reflexhaft bettelnd ihre Hand aus, als sie eine Weiße sieht. Der 24-jährige Lucas Deng Mawien grinst, als er das sieht. "Wir sind wahnsinnig hilfeabhängig geworden", erklärt der Informatikstudent. Er hat nicht genügend Geld, um sein letztes Studienjahr abzuschließen.

Bis der historische SPLA-Führer John Garang im Juli 2005 bei einem Hubschrauberabsturz starb, war Rumbek mehr oder weniger die Hauptstadt Südsudans - nicht Juba, wo heute die südsudanesische Regierung sitzt. "Wir sind ein Dinka-Clan, der während des Krieges die besten Kämpfer lieferte", erklärt Lucas das Selbstverständnis von Rumbek. "Die meisten Männer haben keine Lust, auf eine andere Art ihr Geld zu verdienen." Im Frieden also herrscht hier Untätigkeit. Überall in Rumbek ist zu sehen, wie die Männer von früh bis spät Karten oder Domino spielen. Es sind die Frauen, die auf den Märkten Geld verdienen. "Die Frauen wissen schon längst, dass die Vergangenheit vorbei ist", meint Lucas. "Es gibt seit dem Referendum einen neuen Alltag. Der ist anders, schwierig, aber es ist unser Alltag."

Offene Fragen im Frieden

Nun ist die Trennung also beschlossen. Doch man kann zwischen Nord und Süd keine Mauer bauen. Die beiden Teilstaaten müssen noch vieles klären: Was wird aus Sudans Auslandsschulden von mehr als 30 Milliarden Euro? Wie wird das Öl aufgeteilt, das im Süden gefördert und über den Norden exportiert wird? Wo genau verläuft überhaupt die Grenze und welche Staatsangehörigkeit haben Südler im Norden und Nordler im Süden?

Südsudans Vizepräsident Riek Machar findet diese Fragen gar nicht so schwierig. Er ist im Norden zur Schule gegangen, er hat den Rassismus der Araber am eigenen Leibe gespürt. "Die Nordsudanesen meinten gleich nach Sudans Unabhängigkeit 1956, sie wären erstklassige Leute und die Südländer Bürger zweiter Klasse", bemerkt Riek Machar und runzelt die Stirn. "Aber ich schätze die Schulen im Norden, und die Menschen dort sind gewiefte Händler. Wir können von ihnen lernen."

Riek Machar gibt zu, dass viele Südsudanesen in bitterer Armut leben. Dann versucht er, seine Jacke zu schließen über seinem starken Bauch, und sagt: "Der Norden und der Süden brauchen einander. Wir müssen uns gegenseitig respektieren. Wir brauchen uns nicht zu lieben."

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