■ Nach der Spendenfreude: Wohin mit den Oder-Millionen?: Polen liegt nicht in Afrika
Mehr als 40 Millionen Mark für die Opfer des Hochwassers sollen die Deutschen inzwischen gespendet haben. Das ist erfreulich viel Geld für wenige wirklich Bedürftige in der Ziltendorfer Niederung, denn für drei Viertel der Haushalte zahlt die Allianz. Fast alle Spendenkampagnen aber waren so angelegt, daß das Geld auf dem deutschen Ufer der Oder bleiben muß. Dabei könnte man doch, heißt es jetzt, mit ein paar Millionen abgezweigte Mark in Polen und Tschechien ein Vielfaches der Hilfe leisten?
Zu dieser Vermutung haben die Fernsehleute kräftig beigetragen. Auf den deutschen Oder-Deichen haben sie sich gegen die Katastrophengier ihrer Heimatredaktionen verwehrt. Nur in Polen und Tschechien, wo die gegenseitige Kontrolle der deutschen Nachrichtenprofis nicht so stark war, konnten sich Sensationshascher austoben. Die Angaben über die Überflutungsflächen steigen unaufhaltsam: Ein Fünftel des polnischen, gar ein Viertel des tschechischen Staatsgebietes habe unter Wasser gestanden, heißt es nun. Ursprünglich galten die Zahlen nur für die zu Katastrophengebieten erklärten Bezirke. Doch vor solchen Kleinigkeiten macht der Wunsch, Gutes zu tun, nicht halt. Es erinnert stark an westliche Entwicklungshilfe, die sich nicht lange mit Erkundigungen vor Ort aufhält, sondern gleich zur Tat schreitet.
Aber Polen liegt nicht in Afrika. Auch durch unsere Nachbarländer ist eine gewaltige Hilfswelle gerollt. Der Pegel bei Ratzdorf lag noch unter sechs Metern, als bereits die ersten Lkws mit gespendeten Hilfsgütern aus Warschau nach Schlesien losfuhren. Die Versicherungen müssen dort ebenso bezahlen wie in Deutschland die Allianz. Und in Tschechien war letzte Woche die erste Rate der Hochwasser- Staatsanleihe in den Banken sofort ausverkauft. Polen und Tschechien wollen im Westen als gleichberechtigte moderne Industriegesellschaften anerkannt werden. Dazu gehört jetzt, daß die Regierungen in Warschau und Prag mit den Flutschäden in erster Linie selbst fertig werden müssen. Und auch: daß ihnen dies abverlangt und zugetraut wird. Die Spendengelder können nur zur Linderung der persönlichen Not, nicht aber als Ersatz für staatliche Investitionen eingesetzt werden. So wünschte man sich Patenschaften zwischen den verschonten Gemeinden des Oderbruchs und den überfluteten in Mähren und Schlesien, um schnelle Hilfe am richtigen Ort zu leisten. Dann werden auch falsche Zungenschläge ausbleiben, wenn ein paar Millionen aus den brandenburgischen Spendentöpfen oderaufwärts fließen. Dietmar Bartz
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