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Nach dem Druck bleibt die Haltung

Unsere Co-Chefredakteurin über Menschen statt Macht als Haltung der taz in Zeiten von KI und Autorität

Statt wie alle Welt über die involvierten Männer, die Täter, zu sprechen, solle die taz lieber den Frauen eine Stimme geben. Ausrufezeichen! Die Wortmeldung meiner Kollegin Carolina Schwarz hatte es in sich. Es war der Montag nach der Veröffentlichung einer weiteren Welle von Epstein-Files und aus der Leiterin des Ressorts tazzwei platzte dieser Satz geradezu heraus.

Sie schlug ein Interview mit einer der „Überlebenden“ vor, die sich – wie andere – explizit nicht Opfer nennen lassen will. Die Kollegin führte das Gespräch am nächsten Tag selbst und lieferte damit die Titelseite der wochentaz vom 7. Februar 2026. Zu sehen war Lisa Phillips, neben ihr stand die erdrückende Zeile: „Die Mächtigen brauchen ein anderes Hobby, als Mädchen zu missbrauchen.“

Währenddessen zeigte Der Spiegel unter der Überschrift „Der Epstein-Club“ vor allem die Männer um Epstein auf seinem Cover: Trump, Gates, Clinton und andere. Eine Woche später rückte Die Zeit so wie wir die Überlebenden ins Zentrum, nannte sie jedoch Opfer.

Warum ist dieser Vergleich wichtig? Weil ein zentraler Auftrag der taz darin besteht, die Perspektive zu verschieben. Weg von der Macht, hin zu den Menschen, die sie trifft. Dieser Auftrag ist nicht neu. Aber er wird gerade wieder grundlegend. Denn die Öffentlichkeit, in der wir arbeiten, hat sich verändert. Informationen konkurrieren in algorithmisch sortierten Feeds. Sie dringen nicht notwendigerweise durch, weil sie richtig sind, sondern weil sie laut sind. Empörung schlägt Einordnung. Wahnsinn schlägt Wahrheit. Hinzu kommen massenhaft genutzte KI-Chatbots.

Junge Leute tippen ihre Fragen an die Welt nicht mehr in eine Suchmaschine, von der aus sie auf Nachrichtenseiten wie die der taz gelangen. Sie sprechen sie in einen Chatbot und erhalten eine Antwort – fertig. Die Logiken dahinter bleiben intransparent. Perspektiven wie die der taz sind darin weder erkenn- noch beeinflussbar.

Ich finde diese Entwicklung zutiefst besorgniserregend, dennoch muss ich sie zur Kenntnis nehmen. Denn die vergangenen Jahre haben uns gelehrt, eindeutige Entwicklungen ernst zu nehmen. Dazu gehörten zuletzt die seit etwa 20 Jahren sinkenden Abozahlen gedruckter Tageszeitungen. Unsere Antwort darauf kennen Sie bereits.

Wir haben unser Angebot diversifiziert und digitale Produkte sowie die wochentaz zu tragenden wirtschaftlichen Säulen entwickelt. Während wir früher auf die Digitalstrategien anderer Verlage blickten, haben wir im vergangenen Herbst den größten Schritt der überregionalen Branche vollzogen: Wir haben den täglichen Druck eingestellt.

Heute sehen wir, dass Transformation möglich ist und Inhalte dabei sogar schärfen kann. Der Wegfall des täglichen Drucks hat Ressourcen freigesetzt – für Recherche, für Einordnung, für eine klare Haltung. Für den Journalismus, den Sie von uns erwarten.

Das wird sich auch bei den diesjährigen Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Meck­lenburg-Vorpommern zeigen. Gerade dort, wo eine autoritäre Partei die stärkste Kraft werden könnte, richten wir unseren Blick auf die Betroffenen und die Widerständigen. Unabhängig von der Größe des Bundeslands.

Empörung schlägt Einordnung, Wahnsinn schlägt Wahrheit.Hinzu kommen KI-Chatbots

Mit zwei Events in Magdeburg und Rostock werden wir vor Ort sein und mit lokalen Medien zusammenarbeiten, die am besten wissen, was diesen Herbst vor Ort auf dem Spiel steht. Je autoritärer die Zeiten, desto wichtiger werden Kooperationen für die freie Presse.

Als größtes linkes Medium dieses Landes tragen wir Verantwortung. Unabhängiger, solidarischer und demokratischer Journalismus entsteht jedoch nicht von selbst. Dass es die taz gibt, verdanken wir auch Ihnen. Gemeinsam arbeiten wir daran, dass es uns auch in Zukunft weiter gibt. Mit klarem Blick. Mit Haltung. Und mit der Entschlossenheit, sich allein dem Humanismus und nicht der Agenda der Mächtigen verpflichtet zu fühlen.

Katrin Gottschalk

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