Myfest in Berlin-Kreuzberg

Von Touris, Edeleltern und Gözleme

Zehntausende drängen sich auf dem Fest: Es gibt gutes türkisches Essen, Musik und junge Menschen, die über Eigentumswohnungen reden.

Kinder stehen vor Luftballons

Eine Sause auch für Kinder und junge Familien: das Myfest auf dem Mariannenplatz Foto: Nikita Teryoshin

Würde man einen extraterrestrischen Beobachter ausgerechnet am 1. Mai zur Kreuzberger Oranienstraße schicken – er würde wahrscheinlich diese Welt nicht einmal ansatzweise verstehen. Warum drängen sich hier Menschen aus allen Kulturen dieses Erdballs durch die Häuserschluchten, unterhalten sich über die gestrige Nacht, über die Qualität des Drinks, den sie gerade in der Hand halten und die schicke Eigentumswohnung, die sich gerade eine Freundin ums Eck gekauft hat?

Warum stehen vor den Läden links und rechts die letzten „Ureinwohner“ dieses Quartiers, die sich vor über einem halben Jahrhundert aus der Türkei auf den Weg machten, um hier ein besseres Leben zu finden? Warum haben sie sich heute, zur Feier des Tages, noch einmal in die Trachten geworfen, wie man sie in dem Land, aus dem sie kamen, schon kaum mehr trägt?

Warum verkaufen sie den Menschen mit den Drinks und den Eigentumswohnungen Essen zu kleinen Preisen, von dem nur diese glauben, es sei typisch für die Region, aus der sie stammen?

Ziemlich voll

Es ist das 15. Myfest in Kreuzberg an diesem im Vergleich zu den Vortagen ungewohnt sonnigen und warmen 1. Mai – und schon am späten Mittag ist es ziemlich voll auf der Oranienstraße und dem Mariannenplatz, dass man meint, die Loveparade sei reanimiert worden, wenn auch am völlig falschen Ort und zum völlig falschen Zeitpunkt natürlich.

Die Idee, eine Gegend mit Brot und Spielen zu überziehen, um den sonst traditionellen Ausschreitungen am 1. Mai in diesem Gebiet entgegenzuwirken: Sie funktioniert noch immer, wenn es auch nach ersten Einschätzungen langjähriger Besucher weniger voll ist als in den Vorjahren.

Auf dem Mariannenplatz richtet sich alles vor allem nach der jungen Familie: Es gibt mobile Buddelplätze, Luftballontrauben, aber auch Luftballons für umsonst, auf denen dann so etwas wie „Die Linke“ steht. Wer gern seine Vorurteile gegenüber jungen Familien pflegt, wie sie sich etwa in Prenzlauer Berg ballen, der kann auch hier auf seine Kosten kommen.

Drei junge Menschen sitzen in einer Badewanne, die auf einer Straße steht

Brot und Spiele unter freiem Himmel: das Myfest in der Oranienstraße Foto: Nikita Teryoshin

Ein Vater mit langem Bart etwa findet es „nicht okay“, dass die Freundin mit der Bomberjacke der gemeinsamen Tochter eine Fanta gekauft hat.

Eine Familie mit drei Töchtern und Kinderwagen, Laufrad und Kinderrad im gehobenen Preissegment: Die Mutter erzählt gerade von der bevorstehenden Einschulung der Ältesten, und wie schwer es gewesen sei, auf die Waldorfschule zu kommen, um die Einzugsschule mit dem hohen Migrationsanteil zu vermeiden.

Eine dritte, die in der Zeitung Jennifer heißen will, stellt sich als angehende Flugbegleiterin vor und jammert ein wenig über ihre monatlichen Mehrausgaben, seit sie ein Au-pair hat, um die Selbstverwirklichung zu schaffen. Wie hat sie ihrem Sohn erklärt, warum hier gefeiert wird? „Schwierig“, lächelt sie. „Ich habe ihm von der Arbeiterbewegung erzählt, aber er wusste ja nicht einmal, was eine Fabrik ist.“

Selfies auf Bockleitern

Vieles ist wie immer auf dem Myfest, und nicht alles ist unsympathisch: Eine Bockleiter steht mitten auf der Oranienstraße, sie steht dort seit Jahren, heißt es, und ihr Besitzer verlangt pro Person einen Euro, damit man oben ein Selfie macht, das wirkt, als schwebe man über der Menge.

Überall Nebelschwaden vom allgegenwärtigen Köfte, überall überlaute Musik aus den Bars, die aus den Fenstern Bier und Caipirinha verkaufen. Menschen, die sich auf Spanisch, Italienisch, Japanisch, Englisch und Finnisch miteinander unterhalten. Ein Volksfest halt, auf dem es um Essen geht und um Trinken, um Sehen und Gesehenwerden.

Am Mariannenplatz Höhe Waldemarstraße ist es eigentlich am nettesten. Auf der Bühne gibt es tolle, hypnotische, türkische Musik mit Tanz vor der Bühne, bis es in den Ohren klingelt, eine ältere Dame mit Kopftuch sitzt am Bordstein und knackt ungerührt Nüsse, als wäre nichts. Nebenan gibt es die ultimative Gözleme-Show.

Ein Mann mit Drink in der Hand schiebt sein Fahrrad

Caipirinha to go: das Myfest in der Adalbertstraße Foto: Nikita Teryoshin

Das zur Info für die eingangs erwähnten extraterrestrischen Beobachter: Bei Gözleme handelt es sich im Unterschied zu den allgegenwärtigen Köfte, die aus teurem Rinderhack bestehen, um echte Arme-Leute-Kost. Sie werden in der ländlichen Türkei bis heute unter der Woche gern gegessen: viel Teig, wenig Füllung, dafür schmackhaft.

Teig zu Kugeln

Vor einem Stand stehen fünf Frauen zwischen 30 und 80 Jahren. Die älteste portioniert und formt den Teig in aller Seelenruhe zu Kugeln, die nächsten beiden wellen ihn aus, die vierte füllt die Fladen, die fünfte kassiert, reicht die ungebackenen Gözleme an den Bäcker weiter und nimmt die gebackenen entgegen, um sie an die Kunden weiterzureichen, die in einer langen Schlange warten. Ein Gözleme kostet hier 2 Euro.

Leider verraten die Damen nicht, wie viel Umsatz sie am Ende des Tages erwarten.

Ganz am Ende übrigens, kurz vorm Kottbusser Tor, passiert dann doch noch etwas, das als spektakulär bezeichnet werden könnte. Ein ganzer Hähnchengrill steht in Flammen. Der Meister hatte wohl die Sache mit dem Ablöschen nicht ganz im Griff. Ein paar junge Leute Mitte zwanzig mit Rucksäcken, auf denen „Kick my Airs“ steht, bleiben stehen. Sie lachen, machen Handyfotos.

Der kleinste von ihnen sagt, er habe sich diese Sache mit den brennenden Barrikaden dann doch ein wenig anders vorgestellt.

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