Musikstile aus Kuba: Die Metadaten der Revolution

Für Che Guevara bedeutete Kuba Sozialismus mit Musikbegleitung. Die Musikstile der Insel sind Thema auf einem informativen Sammelalbum.

Plattencover diverser platten. sie sind quietschbunt und schön.

So viel drin: Kubanische Plattencover Foto: Soul Jazz

Wie soll sich eine künftige Generation nur einen Reim auf ein älteres Stück Musik machen, wenn es nicht mehr auf das Bündel an Metadaten zurückgreifen kann, das eine Weile die Verpackungen, also die jeweiligen Albumcover (oder auch CD-Booklets) lieferten?

Wie soll man einen klanglichen Irrsinn verstehen oder womöglich auch nur einordnen, richtig zuordnen – ohne die Fakten, die Anmerkungen (von Liner Notes bis zur Dankesliste), die Stilmittel der Gestaltung, womöglich Bilder von Beteiligten, bis hin zur Art der Herstellung, also all die Zeichen, die die begleitenden Drucksachen kommunizieren? Schwer vorstellbar.

Nur folgerichtig ist daher das Ansatz des Londoner Labels Soul Jazz, das seit Jahren nicht nur geliebte ältere Musik auf Tonträgern mit umfangreichen Drucksachen veröffentlicht, sondern auch Bildbände, die ganz ohne Musik auskommen und sich quasi voll auf die Metadaten konzentrieren. Aktuell hat man sich mit diesem Ansatz der kubanischen Musik seit der Revolution 1959 bis zum Ende der dortigen Vinylproduktion zu Beginn der 1990er Jahre gewidmet und mit „Cuba: Music and Revolution – Original album cover art of Cuban music“ jetzt einen prächtigen Coffee-Table-Bildband produziert.

Gilles Peterson und Stuart Baker: „Cuba – Music and Revolution: Original album cover art of Cuban music“, Soul Jazz Books, London 2020, 256 ­Seiten, circa 40 Euro

Diverse Künst­le­r*in­nen: „Cuba – Music and Revolution: Culture Clash in Havana – Experiments in Latin Music 1975-85, Vol. 1“ (Soul Jazz/Indigo)

„Im 20. Jahrhundert entwickelten kubanische Mu­si­ke­r:In­nen eine scheinbar endlose Zahl von Stilen – vor wie nach der Revolution –, von denen viele um die Welt reisten, während andere zu Hause blieben“, schreibt Stuart Baker, Soul-Jazz-Chef und Co-Herausgeber von „Cuba: Music and Revolution“ (mit Gilles Peterson) in der Einleitung des Buchs. „Rumba, Bolero, Changui, Guajira, Guaracha, Danzon, Trova, Conga, Mambo, Son, Cha-Cha-Cha, Mozambique, Pilon, Nueva Trova, Songo, Timba … weiter und weiter geht die Liste.“

Doch auch wenn der lebensfrohe Che Guevara das kubanische Gesellschaftsmodell als „Sozialismus mit Pachanga“ beschrieb – womit er den neuesten Party-Musik-Trend aufgriff, den der flamboyante Musiker Eduar­do Davidson im Jahr 1958 begründet hatte – ganz so bruchlos verlief die Entwicklung der kubanischen Musik nicht.

Das Bordell der USA

Vor der Revolution hatte der kubanische Diktator Fulgencio Batista eine Art Deal mit dem US-Mafia-Paten Meyer Lansky geschlossen, der die Insel in einen Turboballermann für vor allem US-Sex- und Partytouristen verwandelt hatte. Für Musiker gab es in diesem „Bordell der USA“ (so der Politologe Karl E. Meyer) viele lukrative Jobs, und so waren in der Szene nicht alle begeistert, als am Neujahrstag 1959 Fidel Castro dem Spuk ein Ende machte und in der Folge Puffs, Spielhöllen und Nepp-Kaschemmen radikal dichtgemacht wurden.

Um den Unterschied deutlich zu machen, werden im ersten Kapitel Cover aus der Zeit vor der Revolution abgebildet. Und was der Vorher-nachher-Vergleich am deutlichsten zeigt, ist die Veränderung des propagierten Frauenbildes. Im Vorher sehen wir etwa auf dem Album „Ritmo de pollos“ den Flötisten José A. Fajardo mit angestrengt-konzentriertem Blick im Frack, umringt von drei Frauen in Unterwäsche, die ihn scheinbar aus der Fassung zu bringen versuchen.

Drastischer noch auf „Así es … Beny“ des großen Beny Moré, der Gitarre spielend zwischen Tabakpflanzen sitzt, während eine Zuhörerin vor ihm kniet und ihn, eine Hand auf seinem Oberschenkel, devot anschmachtet.

Frauen im Kampfanzug

Nachher sieht man Frauen als selbstbestimmt wirkende Siegertypen im Kampfanzug oder in Arbeitskleidung, offensichtlich gleichberechtigt mit den männlichen Kombattanten. Raus aus dem Bordell, rein in die agrarökonomische Akademie. Vor allem aber sieht man viel typisch sozialistisch-realistisches Design, also schwarze Quadrate, strenge Geometrie, plakative Typografie.

Dass die Musik interessant blieb, zeigt die parallel zum Buch bei Soul Jazz veröffentlichte, ebenfalls von Stuart Baker und Gilles Peterson zusammengestellte Compilation „Cuba – Music and Revolution: Culture Clash in Havana – Experiments in Latin Music 1975-85“.

Neben weltberühmten Bands wie Irakere oder Los Van Van und Künstlern wie Pablo Milanés und Paquito d’Rivera mit Tracks vom experimentellen Ende ihrer jeweiligen stilistischen Palette gibt es auch echte Entdeckungen, etwa die Beiträge der Grupo Monumental um den Saxofonisten und Arrangeur Daniel Rojas und der Grupo de Experimentación Sonora del ICAIC, die der Avantgarde-Komponist und Gitarrist Leo Brouwers kraft seines Amts als Bereichsleiter Musik des ICAIC (Instituto Cubano del Arte e Industria Cinematográficos) von 1969 bis 1977 leitete. Zu ihr gehörten neben Instrumentalisten auch Singer-Songwriter wie Pablo Milanes und Silvio Rodriguez.

Fremdelnde Faszination für die USA

Jene Experimente, von denen im Titel der Compilation die Rede ist, entspringen dabei einer musikantischen Perspektive, sind keine Versuche mit Tontechnik oder andere Klangexperimente, wie sie zeitgleich auf der gerade mal 400 Kilometer entfernten Nachbarinsel Jamaika durchgeführt wurden. Ganz offensichtlich hörten die Kubaner den Funk- und Fusion-Entwicklungen ihrer nordamerikanischen Nachbarn genau zu, der Elektrifizierung des Jazz und den sich immer ausdifferenzierenden Funk-Beats.

Und dabei entwickelte sich auf Kuba eine Art fremdelnde Faszination für aktuelle klangliche Neuerungen aus dem musikalischen Norden, etwa elektronische Keyboards wie E-Piano, Clavinet oder diverse analoge Synthesizer, andererseits per Wah-Wah- und Distortion-Pedal aufgepimpte E-Gitarren und den dabei entstehenden neuen Spielweisen.

Bei Juan Pablo Torres' „Rompe Cocorioco“ meint man fast eine Art kreative Verzweiflung herauszuhören, wie er da diverse elektronische Keyboards mit Funky Beats und Streicherwänden kontrastiert und schließlich noch mit einem monophonen Synthesizer garniert, als wollte er zeigen: Das können wir alles auch!

Kunst ohne Kommerz?

Soul-Jazz-Kurator Stuart Baker sieht mit seiner etwas naiv romantisierenden Sicht der kubanischen Revolution darin eine „Kunst, die von Kommerz befreit“ ist. Man darf das nicht zuletzt deshalb anzweifeln, da die kubanischen Versuche die aktuellen Neuerungen aus dem musikalischen Norden zu verdauen, immer wieder frappierend an die zeitgleichen Versuche der Mini-Djaz- und Kompa-direk-­Pro­ta­go­nis­t*innen Haitis erinnern – wo zu jener Zeit der Diktator Jean-Claude Duvalier („Baby Doc“) die Bevölkerung seines Landes terrorisierte.

Nichtsdestotrotz sind Buch wie Album schöne Dokumente, die als Basis dienen können, um solche Diskussionen zu vertiefen.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Jeden Monat die beste Playlist der Welt! Ausgewählt von der taz-Musikredaktion

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben