Musikmesse auf der Insel La Réunion

Am Ende tanzen alle mit

Métissage, Maloya, Misere: Die Messe „Indian Ocean Music Market“ auf der Insel La Réunion schafft viele Verbindungen über die Meere in der Musik.

Ein Gitarrist mit Kappe auf der Bühne

Deltino Guerreiro Foto: IOMMA/Mikael Thuillier

Dann springen doch alle von ihren Sitzen auf. Grèn Sémé sind die dritte Band des Abends. Und sie haben ein Heimspiel, kommen die fünf Musiker doch direkt aus der unmittelbaren Nachbarschaft des Theaters in den Bergen. Trotzdem dauert es, bis sich das Publikum im ehrwürdigen Théâtre Luc Donat von seinen Plätzen erhebt.

Die Vielvölkerinsel La Réunion ist ein i-Tüpfelchen zwischen Madagaskar und den Malediven inmitten des Indischen Ozeans, gehört aber zu Frankreichs Überseegebieten – und damit zur EU. Die Menschen legen hier zu diesem Konzertabend eine vornehme Etikette wie in der „métropole“, der Hauptstadt Paris, an den Tag. Was für das sonst eher tanzfreudige Publikum ungewöhnlich ist.

Der zweite Abend beim „Indian Ocean Music Market“ (IOMMA) ist Bands aus La Réunion gewidmet. Und die beste ist zweifellos Grèn Sémé. Erst im Trance-Rhythmus des Maloya, dann greifen sie den Chanson auf und verbinden die poetische Kraft des Französischen mit jener des Kreolischen, bevor es Keyboard-getrieben in psychedelische Bahnen driftet. Vor seiner Band steht Sänger Carlo de Sacco in einem flammend roten Hemd und reißt das Publikum mit einem konzentrierten Auftritt ohne jede Pose mit. Am Ende tanzen alle.

Mit Finanzhilfe der Europäischen Union

IOMMA – das sind vier intensive Tage im Juni vorwiegend im ziemlich entspannten Küstenort St. Pierre; Gespräche mit einem Teil der rund 400 „Delegierten“ aus dem Musikgeschäft und mehr als 30 Showcases von Bands aus La Réunion über Ostafrika und den Nachbarinseln bis nach Indien im Osten, für die Einheimischen überwiegend zu freiem Eintritt. Das bei nahezu traumhaften Temperaturen im Frühwinter Réunions, wenngleich das Wetter unberechenbar ist. Die Elemente spielen verrückt, Wind, Sonne, Wolken und Regen wechseln sich beständig ab. Es gibt Momente, wo feiner Regen horizontal in der Luft steht, während die Sonne scheint.

Von Beginn an sei die IOMMA sehr gut darin gewesen, „Menschen zusammenzubringen und Erfolge bei der Vermittlung von KünstlerInnen für Konzerte und Tourneen zu erzielen“, sagt Jérôme Galabert, der die Messe 2011 ins Leben gerufen hat. Ein Künstler wie der Südafrikaner Nakhane habe hier etwa einen Booking-Agenten gefunden und seither rund 200 Konzerte in Europa und Übersee gespielt. Stemmen kann die gemeinnützige IOMMA das Budget von rund 700.000 Euro aber nur mit Finanzhilfe der Europäischen Union: Rund zwei Drittel stammen aus EU-Töpfen. Deren Wirken merkt man auch daran, dass die Infrastruktur auf der Insel ausgesprochen gut ist.

In den Heimatländern hat es anspruchsvolle Popmusik, wie bei der IOMMA vorrangig präsentiert, manchmal schwer – etwa der Sound der Gitarren-Postrock spielenden und Hindi-singenden Band Aswekeepsearching aus Indien; einige Musiker:innen verdienen ihr Geld darum hauptsächlich mit Auftritten im Ausland, vorzugsweise in Übersee.

Der afrikanische Festivalmarkt wächst

In den letzten Jahren gastiert man auch mehr und mehr in Afrika. Grèn Sémé sind etwa in einem Monat durch 13 Länder Afrikas getourt. Auch der afrikanische Festivalmarkt wächst und Kooperationen werden wichtiger. So hat sich IOMMAs Partner, das Sakifo-Festival, mit vier weiteren Festivals in Ostafrika zusammengeschlossen, um dadurch bessere Gagen zahlen zu können.

Ignacio Priego warnt jedoch vor einer „Festivalisierung“ des Musiksektors. Der Projektkoordinator der Stiftung Concerts SA hält es für weitaus wichtiger, dass kleine Auftrittsorte staatlich mehr gefördert werden. „Kleine Bühnen, das ist der Grassroots-Bereich, in dem sich Bands ausprobieren und ein Publikum finden können.“

Proteste der „gilets jaunes“ und Sieg von Marie Le Pen

Was in St. Pierre immer wieder beeindruckt, ist die Mischung der Menschen, die eigentümliche „métissage“ Réunions aus Nachfahren von Sklaven, französischen Kolonialisten, Indern, Chinesen und all den Festlandfranzosen. Schon die ersten französischen Siedler zeugten in den späten 1660er Jahren mit ihren madagassischen Hausangestellten die ersten Mischlingskinder – was zugleich ein Hinweis darauf ist, dass die Geschichte der métissage bereits vor dem massenhaften Sklavenhandel auch durch Zwang und (sexuelle) Gewalt geprägt war: Sobald ein Mädchen die Pubertät erreicht hatte, wurde es verheiratet, oft an deutlich ältere Partner.

Dass es heute trotz – vielleicht auch wegen – der Zugehörigkeit zur EU gleichwohl erhebliche gesellschaftliche Spannungen gibt, zeigte sich im November 2018, als die Proteste der „gilets jaunes“, der Gelbwesten, auch das mehr als 9.000 Kilometer von Paris entfernte Überseedépartement erreichten, und es zu gewaltsamen Zusammenstößen mit der Polizei kam und der Ausnahmezustand wurde verhängt. Vordergründig ging es um die Erhöhung der Benzinpreise, doch dahinter steht die wirtschaftlich eher lamentable Lage vieler InselbewohnerInnen – die Jugendarbeitslosigkeit soll bei gut 50 Prozent liegen und rund 40 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze leben.

Und im Mai gewann schließlich Marie Le Pens „Rassemblement National“ bei den Europawahlen nicht nur in Festlandfrankreich die Mehrheit, sondern auch auf La Réunion. Dass die Parolen der Rechtsextremen selbst in einer solch hybriden Gesellschaft fruchten, mag erschrecken. Die Jungs von Grèn Sémé zucken die Achseln: Rechtspopulisten hätten die Angstmacherei wie vielerorts eben auch hier erfolgreich betrieben, andere hätten aus Protest für die RN gestimmt. Zudem habe es rund 70 Prozent Nichtwähler gegeben und die Linke immerhin auch gut abgeschnitten.

In St. Pierre bekommt man von derlei Verwerfungen jedoch so gut wie nichts mit. La Réunion ist keine Insel, wo einem an jeder Ecke laute Musik entgegenschallt. Aber die ruhige Atmosphäre wird gelegentlich durchbrochen. Mal laufen Kids in T-Shirts mit „Soweto“-Aufdruck stolz mit ihrer Boombox durch die Gegend. Dann lässt der Subwoofer eines vorbeifahrenden Autos die Straße erzittern – Bässe eines Raggaloya-Songs, der den Maloya mit jamaikanischen Dancehall-Elementen und indischen Bhangra-Muffin kreuzt.

Der Maloya entstand auf den Zuckerrohrfeldern

In der Tradition des Maloya stehen die meisten der heimischen Acts bei der IOMMA. Entstanden auf den Zuckerrohrfeldern zu Zeiten der Sklaverei wird er auch „Kréol Blouz“ genannt, obwohl der Maloya meist viel schneller ist als sein US-Pendant und geradewegs in die Trance führt. Meist wird er in einem für uns etwas gewöhnungsbedürftigen 6/8-Rhythmus und mit einigen typischen Instrumenten gespielt – darunter die tief dröhnende Roulèr-Trommel und die Kayamb, eine mit Samen gefüllte Rassel aus Schilfrohr, die so sanft tönt wie am Strand auslaufende Wellen.

Maloya sei der Schrei nach Freiheit, sagen die Musiker von Grèn Sémé im Gespräch

Maloya sei der Schrei nach Freiheit, sagen die Musiker von Grèn Sémé im Gespräch. Früher hätten die in Ketten gelegten Sklaven ihr Leid mit dem Maloya in etwas Positives transformiert. Und heute bräuchten sie ihn, um ihren Geist zu befreien und sich etwa aus den Klauen der Technologie zu lösen, die ihr Leben kontrolliert.

Außerdem sei der Maloya im gewissen Sinne ein junges Genre, weil die französischen Autoritäten ihn bis 1980 unterdrückten, galt er doch als Sprachrohr der – am Ende erfolglosen – Unabhängigkeitsbewegung. Erst danach sei es zu einer Maloya-Renaissance gekommen.

Der „rebellische“ Maloya bediene die Bedürfnisse eines westlichen Publikums am Besten, kritisieren andere diese Identitätskonstruktion. Darum werde er protegiert, während der Séga, ein Stil mit ähnlichen Wurzeln, kaum mehr Unterstützung erhalte. Jedenfalls ist die Musik bei der IOMMA nicht die, die die Jugend mehrheitlich hört – den Bongo-Flava-HipHop des tansanischen Rappers Diamond Platnumz und den eingängigen Afro-Electro von DJ Sebb aus La Réunion. Dessen Song „Nou ariv“ hat fast 6 Millionen YouTube-Clicks.

Eigensinnige Künstler

Trotzdem relativieren sich solche Fragen, wenn man sieht, was für tolle, eigensinnige KünstlerInnen sich heute noch auf den Maloya beziehen – etwa die Newcomerin Anna O’Aro: Nur von einem Posaunisten und einem Piker-Trommler begleitet legt sie einen sinneraubenden lyrischen Spoken-Word-Auftritt hin.

Daneben fallen vor allem die zahlreichen arabischen Einflüsse in der Musik aus Ostafrika auf. Bei Siti & the Band um die charismatische Sängerin Siti Amina Omar aus dem zu Tansania gehörenden Sansibar, die den Taarab-Stil mit modernen Einflüssen verbinden, ebenso in der Melodik Deltino Guerreiros aus Mosambik. Der smarte junge Sänger stammt aus dem arabisch geprägten Norden seines Landes und singt seinen weichen, funkigen Afro-Samba-Pop nicht nur auf Portugiesisch, sondern auch in seinem Heimat­dialekt Macua.

Ungewöhnliche Klänge wie die vom Duo Continuadores, ebenfalls aus Mosambik, sind die Ausnahme: Ihre ätherischen Stücke, zu denen Ailton José Matavela mal rappt, mal als Bariton singt, erinnern manchmal an die britische Band Radiohead. Es ist aus der Zeit gefallene Musik, für die sich Matavela und sein Partner Tiago Correia Paulo in ihre Kindheit zurückversetzt haben. Verstärkt wird der nostalgische Touch durch Visuals, die auf die namensgebende Jugendorganisation Continuadores verweisen: In den euphorischen Jahren nach der mosambikanischen Unabhängigkeit 1975 vom Präsidenten Samora Machel gegründet, bemühte sich die Organisation darum, Werte wie Solidarität und die Rechte von Kindern zu stärken.

Zum Abschluss, draußen auf der Straße in einer lauen tropischen Nacht, räumt dann ein Projekt ab, das bereits 2018 Premiere feierte: Unter dem anspielungsreichen Namen Pigment erzählen La Reúnions große Diva Nathalie Nathiembé und Gitarrist Mounawar von den Komoren die Geschichte einer menschlichen Kreatur, weder Mann noch Frau, von seiner Geburt bis zum Selbstmord. Das entwickelt sich von einem dubbigen Einstieg mit viel Groove zum zunehmend düsteren Metalcoregewitter. Und endet – mit dem Leben nach dem Tode – in einer Rückkopplungsorgie.

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