Musikdoku „The Sparks Brothers“: Computermädchen haben keine Arme

Der Dokumentarfilm „The Sparks Brothers“ ehrt eine der einflussreichsten und schrägsten Bands des Pop. Er tut dies mit würdig komischen Mitteln.

Ron und Russell Mael halten sich Fensterrahmen vor das Gesicht.

Russell und Ron Mael alias Sparks öffnen mit ihrem Pop Fenster, manchmal ganz wort­wörtlich Foto: Universal

Ist jemand lange Zeit im Popgeschäft unterwegs, heißt das nicht zwangsläufig, dass damit große Bekanntheit einhergeht. Erst recht nicht, wenn man sich nicht auf reine Markenpflege auf Kosten der Kreativität beschränkt, siehe die Rolling Stones. Für die Brüder Ron und Russell Mael, beruflich unter dem Namen Sparks aktiv, gilt sogar das Gegenteil.

Ihre Identität besteht nicht in einem bestimmten Stil oder Sound, was dazu geführt hat, dass man sie über die Jahrzehnte in unterschiedlichem Gewand mehrfach neu entdecken konnte. Dafür zeichnen sie sich durch eine Haltung aus, der sie in ihrer Karriere treu geblieben sind. Selbstironie und -reflexion spielen eine Rolle, was dem ganz großen Durchbruch im Weg gestanden haben mag.

Die Liste prominenter Fans der Sparks ist lang, darunter der britische Regisseur Edgar Wright, der mit Filmen wie der Zombiekomödie „Shaun of the Dead“ berühmt wurde. Er verneigt sich jetzt vor der US-amerikanischen Band in seinem Dokumentarfilm „The Sparks Brothers“, in dem er der Geschichte des bis heute aktiven Duos nachgeht. Im Sommer erschien ihr 25. Album, der Soundtrack zum Musicalfilm „Annette“ unter der Regie von Leos Carax, mit dem die Filmfestspiele von Cannes dieses Jahr eröffneten. Auch das Drehbuch schrieben die Brüder Mael zusammen mit Carax.

Solche Künstlerporträts gehen gern mal daneben, weil die eigene Begeisterung und Ehrfurcht dazu führen können, der Sache mit endlos quatschenden Köpfen den Garaus zu machen, insbesondere, wenn reihum zu Protokoll gegeben wird, wie einzigartig und toll die gewürdigten Künstler sind.

„The Sparks Brothers“. Regie: Edgar Wright. Großbritannien/USA 2021, 141 Min.

Wright sammelt zwar ebenfalls viele lobende Stimmen ein, vor allem von Kollegen wie Flea, dem Bassisten der Red Hot Chili Peppers, oder dem musizierenden Scientologen Beck. Aber er bricht mit dem eigentlich langweiligen Format, in dem aktuelle Statements mit Archivmaterial abwechseln, und baut diverse Albereien in die Szenen ein, die mit der Idee von „seriösen“ Aussagen vor der Kamera spielen.

Verschrobener Humor

Auch die Sparks machen von der Gelegenheit, ihren verschrobenen Humor zur Schau zu stellen, ausgiebig Gebrauch. Ein Beispiel: Vor der Kamera nennen die Maels einige der Fragen, die ihnen oft von Journalisten gestellt werden. Frage: „Seid ihr wirklich Brüder?“ Antwort: „Wir sind Brüder.“ Nächste Frage: „Wie habt ihr euch kennengelernt?“ Antwort: „Wir sind Brüder.“

Wright gelingt es, die Geschichte dieser sehr ungewöhnlichen und unwahrscheinlichen Laufbahn ausführlich zu erzählen, ohne zu ermüden. Wie zu erfahren ist, starb ihr Vater, als Ron und Russell noch Kinder waren, was die Brüder zusammenschweißte. Ron bekam von der Mutter Klavierstunden verordnet, was ihm, obwohl er es ungern zeigte, sehr viel Spaß machte. In ihren ersten Bands begannen sie als Studenten zu spielen, wobei die Namen kommerziell wenig vielversprechend gewählt waren.

Unter dem Namen Urban Renewal Project nahmen sie in den späten sechziger Jahren immerhin die Single „Computer Girl“ auf und waren der Band Kraftwerk mit dem Thema so mehr als zehn Jahre voraus. Selbst wenn sie damals gar nicht wussten, was ein Computer ist. Dafür hieß es im Text über das titelgebende Computermädchen zutreffend: „Sie hat keine Arme / Sie hat keine Beine / Denn Computer haben keine Glieder“.

Mit Bart und Brautkleid

Nach einem schwerfälligen Start der Sparks konnten sie ihre Plattenfirma Mitte der Siebziger zu einem Umzug auf die britische Insel überreden. Dort gelang ihnen 1974 ein erster Hit. „This Town Ain’t Big Enough for Both of Us“, eine surreal-thea­tra­li­sche Glamrock-Nummer mit stark assoziativem Text, war ein eher untypischer Kandidat für einen Top-Ten-Erfolg.

Geholfen hat ein Besuch bei der für Pop­fragen in England damals maßgeblichen TV-Sendung „Top of the Pops“, der, so die Legende, den Ex-Beatle John Lennon veranlasst haben soll, seinen früheren Bandkollegen Ringo Starr anzurufen, um ihm mitzuteilen, dass im Fernsehen gerade „Marc Bolan mit Adolf Hitler“ auftritt.

Der schmale Oberlippenbart von Ron Mael ist eine der optischen Signaturen der Band. Mit diesem Bart, der auch an Charlie Chaplin erinnert, nahmen die Sparks nebenbei den Look von Conchita Wurst vorweg. So ziert das Cover ihres Albums „Angst in My Pants“ von 1982 ein Foto, in dem die Brüder als Brautpaar zu sehen sind, Ron mit Bart und Brautkleid.

Durchhalten gegen alle Widerstände

Die Pionierfunktion der Sparks ist ein Thema, das sich durch den Film zieht. Etwa dass sie 1979 durch ihre Zusammenarbeit mit dem Disco-Produzenten Giorgio Moroder auf dem Album „No. 1 in Heaven“ das Format des Elektropop-Duos begründeten. Vince Clarke und Andy Bell vom Duo Erasure bekennen sich wiederholt zum Einfluss der Sparks. Wie andererseits zu erfahren ist, haben sich die Pet Shop Boys nie zu den Sparks als Vorbildern bekannt. Sie kommen im Film konsequenterweise nicht vor.

Was „The Sparks Brothers“ zusätzlich interessant macht, ist die Geschichte des Durchhaltens gegen alle Widerstände aus der Musikindustrie, die der Film exemplarisch vorführt. Trotz vieler Hits spielten sie nie ganz vorn im Pop mit, waren mehr eine Band, die von Kritikern und Musikern bewundert wird, die ein großes Publikum jedoch kaum erreichten. Ihre Kompromisslosigkeit bei kommerziellen Zugeständnissen führte dazu, dass sie wiederholt von Labels fallen gelassen wurden.

Auch ihre ausgeprägte Neigung zum Kino, Ron nennt etwa Jean-Luc Godards reflexiven Umgang mit dem Medium Film als eine Inspiration für ihre Musik, führte sie zu Projekten, die vielversprechend begannen, dann allerdings scheiterten. Mit Jacques Tati begannen sie eine Zusammenarbeit, mit Tim Burton wollten sie einen Comic verfilmen, investierten Jahre in die Arbeit, was sie fast ruinierte. Edgar Wrights Film ist daher, neben „Annette“, eine Art späte Wiedergutmachung.

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