■ Portrait: Murathan Mungan
Einer der vielseitigsten und produktivsten Schriftsteller der Türkei ist gegenwärtig Murathan Mungan. Er ist Lyriker, Theaterautor und Erzähler. Seine Kindheit und Schulzeit verbrachte der 1955 geborene Murathan Mungan zum Teil in Mardin im Südosten des Landes. Dort lernte er die arabische Sprache. Die kulturelle Vielfalt dieser Grenzregion im Länderviereck, ihre traditionellen Geschichten und Legenden bilden ein reichhaltiges Reservoir, aus dem er bei seinen literarischen Arbeiten schöpft. Dabei entfaltet er subjektivere und subtilere Bilder, als rein politische, auf Seperation bedachte Darstellungen der herrschenden Konflikte in dieser Region es vermögen.
Mungan, der heute in Istanbul lebt, arbeitete nach dem Studium der Theaterwissenschaften in Ankara als Dramaturg an Staats- und Stadttheatern. Für seine Theaterstücke erhielt er verschiedene Preise, zum Beispiel für Mahmud ile Yezida (Mahmud und Yezida, 1980), Taziye (Totenwache, 1982) und Geyikler Lanetler (Hirsche, Flüche, 1992), die er zu einer „Mesopotamischen Trilogie“ vereinigte. Seit 1981 veröffentlichte er neun Gedichtbände, darunter Osmanliya Dair HikÛyat (Geschichte über die Osmanen), Kum Saati (Sanduhr), Yaz Sinemalari (Freiluftkinos) und Omayra (1993), daneben vier Bände mit Erzählungen. Er schrieb Hörspiele, Drehbücher und Liedertexte. Anfang der neunziger Jahre lebte er für einige Zeit in Ludwigshafen.
In seinen Erzählungen treten häufig bekannte Figuren aus alten Märchen, aus Theater und Film auf, die sich allerdings jenseits der erwarteten Bahnen bewegen. Kirk Oda (Vierzig Zimmer, 1987) zum Beispiel ist eine Art „Märchenverwirrbuch“ in dem uns „Schneewittchen ohne sieben Zwerge“ über den Weg läuft. Die Reflexion und Brechung vorgefertigter Erzählmuster und sprachlicher Versatzstücke aus vielen Bereichen der Literatur und nicht zuletzt der Populärkultur ist charakteristisch für Mungans Schreibweise. Das gezielte Spielverderben ist dem Spaß der LeserInnen jedoch nicht abträglich; die Texte erscheinen nie trocken oder konstruiert. „Vielleicht macht es uns ja glücklich, Rituale verkehrt herum zu schreiben“, meint die in Ankara wiedererstandene Hedda Gabler.Deniz Göktürk
Von Murathan Mungan liegt in deutscher Sprache vor: „Ökkeș und CengÛver“, übers. v. Eva Hund und Zafer Șenocak, in: Die Türkei erzählt, hg. v. Jutta Freund, Frankfurt a. M.: Fischer 1990. „Veronica Voss der Sehnsucht“, übers. v. Eva Hund und Zafer Șenocak, in: Jedem Wort gehört ein Himmel: Türkei literarisch, hg. v. Deniz Göktürk und Zafer Șenocak, Berlin: Babel, 1991. „Liebesblutbad am Bosporus“, in „Sprache im technischen Zeitalter“ (1993).
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