Mordfall Susanna

Ali B. gesteht Tötung

Der Mordprozess gegen den 22-jährigen Iraker vor dem Landgericht Wiesbaden hat begonnen. Eine Vergewaltigung streitet der Angeklagte ab.

Ali B., Kopf auf den Unterarmen

Der 22-jährige Ali B. hat vor Gericht die Tötung Susannas gestanden Foto: reuters

FRANKFURT taz | Vor dem Landgericht Wiesbaden hat der 22-jährige Iraker Ali B. gestanden, in der Nacht zum 24. Mai 2018 die Schülerin Susanna F. erwürgt zu haben, nachdem sie gedroht hatte, die Polizei einzuschalten. Zuvor habe er mit ihr in den Feldern nahe Wiesbaden einvernehmlichen Sex gehabt; dass das Mädchen erst 14 Jahre alt war, habe er erst bei seiner Verhaftung erfahren.

Die Staatsanwaltschaft wirft Ali B. Mord vor. Er habe Susanna vergewaltigt. Weil sie mit der Polizei gedroht habe, habe er das Mädchen erwürgt, um die Tat zu vertuschen. Angeklagt ist er zudem wegen eines schweren Raubüberfalls. Wenige Tage vor Susannas Tod soll Ali B. einen Mann im Wiesbadener Kurpark verletzt und beraubt haben.

Der gewaltsame Tod Susannas hatte damals viel Aufsehen erregt, weil mit Ali B. ein abgelehnter Asylbewerber zum mutmaßlichen Täter geworden war. Ali B. hatte sich nach der Tat zunächst über Frankreich nach Kurdistan abgesetzt, wurde jedoch in einer spektakulären Rückholaktion von kurdischen Sicherheitskräften der Bundespolizei übergeben. Deren Chef hatte Ali B. persönlich auf dem Rückflug vom irakischen Erbil nach Deutschland begleitet.

Die Verteidigung scheiterte vor dem Landgericht am Donnerstag mit dem Versuch, die Hauptverhandlung noch zu verhindern. Anders als von der Verteidigung behauptet, sei die Rückholaktion des Angeklagten kein Verfahrenshindernis, sagte der Vorsitzende Richter Jürgen Bonk zum Prozessauftakt.

Fast drei Stunden lang zieht sich am Vormittag die Vernehmung des Angeklagten hin. Sie wird für alle Beteiligten zur Qual, nicht erst, als Ali B. über die Gewalttat selbst spricht. Bei den Angaben zu Person flüstert der eher schmächtige Angeklagte. Die Aussagen kommen stockend und bleiben widersprüchlich: Probleme in der Schule im Irak gab es angeblich nicht, doch auf Nachfrage räumt Ali B. ein, zweimal eine Klasse wiederholt zu haben. Nach fünf Jahren verlässt er die Schule ohne Abschluss.

Er habe befürchtet, für den Kampf gegen den IS rekrutiert zu werden, sagt Ali B

„2014 oder 2015“ reist die Familie nach Deutschland aus, Mutter, Vater und alle acht Kinder. Er habe befürchtet, für den Kampf gegen den IS rekrutiert zu werden, sagt er. Den Sprachkurs in Deutschland bricht er ab: „Alle anderen konnten schreiben, ich nicht, ich habe es erst im Gefängnis gelernt“, sagt er.

Damals beginnt sein Tag immer erst mittags. Er hängt ab, mit Freunden, sie rauchen Marihuana, kommen mit Kokain in Kontakt. Über seinen jüngeren Bruder lernt er Susanna kennen. Die berichtet Ali von ihren Problemen mit den Eltern, bleibt mehrmals über Nacht.

Susannas Tod nennt er beharrlich „den Vorfall“. Auch am 23. Mai will Susanna nicht nach Hause. Sie begleitet Ali zu einem Kumpel. Sie leeren in dessen Wohnung eine Flasche Wodka. Später gehen Ali und Susanna spazieren. „Wir haben da über schlimme Sachen gesprochen, über Sex und so“, sagt Ali B.

Die Tat selbst schildert er mit sparsamen Worten. Im Gebüsch am Bahndamm sei es zu freiwilligem Sex gekommen, sagt er. Auf dem Rückweg sei Susanna gestürzt, habe geblutet. Im Streit habe Susanna mit der Polizei gedroht. „Es wurde vor meinen Augen schwarz, dann kam es zu dem Ereignis, ich weiß nicht, wie es geschehen konnte“, sagt Ali B. scheinbar emotionslos. Mit dem Arm um den Hals habe er zugedrückt.

Erst nach der Mittagspause findet der Mann, der ihre Tochter getötet hat, erste Worte des Bedauerns Susannas Eltern gegenüber. Er entschuldigte sich bei Mutter und Vater: „Ich weiß, dass ich das alles nicht wiedergutmachen kann“, sagte Ali B. Bei den beharrlichen Nachfragen des Vorsitzenden verliert er schließlich die Fassung.

Es bleibt offen, ob Ali B. an einem anderen Verhandlungstag weitere Fragen beantworten wird.

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