Montagsinterview mit Inge Künz, die die BRD für die DDR verließ: "Das war schon spannend in der DDR"

Als 1986 der DDR massenhaft die Bürger gen Westen weglaufen, geht Inge Künz mit ihrem Mann und Sohn den umgekehrten Weg: Sie siedelt von Hessen ins kleine Dörfchen Malz bei Oranienburg über.

"Manchmal ließ einer einen Spruch fallen: Na, ihr braucht euch nicht beschweren, ihr habt ja einen Mercedes." Inge Kuenz in ihrer Gaststaette. Bild: Detlev Schilke

taz: Frau Künz, überall werden momentan die Feierlichkeiten zum 20-jährigen Jubiläum des Mauerfalls begangen. Wie feiern Sie?

Inge Künz: Eigentlich gar nicht. Ich bin ja hier eingespannt in der Gaststätte. Wir gucken uns das im Fernsehen an und gut ist.

Wie viel verbindet Sie denn noch mit dem 9. November 1989?

Das war schon spannend, sehr spannend damals. Als mein Mann im Fernsehen gesehen hat, dass die Mauer geöffnet wird, ist er mit einer Bekannten - als Erster aus dem Ort - nachts um elf Uhr losgefahren bis nach Stolpe. Da stand er mit den anderen Autos und die Zöllner wussten nicht, was sie mit ihnen machen sollen. Als mit einem Mal der Schlagbaum hochging, ist mein Mann rüber. Sie sind die ganze Nacht durch Berlin gefahren und irgendwann in einer Gaststätte gelandet, wo sie Orangensaft und Cola getrunken haben …

Orangensaft und Cola?

Na ja, und Schnaps. Als der Wirt bemerkt hat, dass sie aus dem Osten kamen, hatten sie alles frei. Erst um 4 oder 5 Uhr war mein Mann wieder da.

Und was haben Sie derweil gemacht?

Die Buchführung. Ich hatte das nicht geglaubt, dass die Mauer wirklich auf ist.

Hatten Sie denn im Juli 1986, als Sie aus dem hessischen Zwingenberg nach Malz zogen, an den Mauerfall geglaubt?

Nein. Dass wir das noch erleben, hatte ich nicht gedacht. Vielleicht wird das unser Sohn mal erleben, haben wir immer gesagt. Dass dann aber schon nach drei Jahren die Grenze aufgeht, war wirklich eine Überraschung.

Die Biografie: Inge Künz wurde 1939 in Malz, einem 500-Einwohner-Dörfchen nördlich von Oranienburg, geboren. Nachdem ihr Vater im Zweiten Weltkrieg vermisst wurde, wurde sie von ihrer Mutter allein aufgezogen. 1954 zog die Mutter ins Ruhrgebiet. Inge Künz lebte bei ihrer Tante, die zu dieser Zeit die Malzer Gaststätte "Zum Anker" führte. 1956, mit 17 Jahren, besuchte Inge Künz ihre Mutter im Westen - und blieb. Bei einem Ausflug ins hessische Zwingenberg lernte sie ihren späteren Mann Werner kennen. Sie heirateten 1959 und bauten sich ein Haus in Zwingenberg. Inge Künz hat drei Söhne: Jörg, Bernd und Udo.

Die Übersiedlung: 1985 erbt Inge Künz von ihrer Tante den "Anker". Inge und Werner Künz kündigen ihre Jobs und fahren am 1. Juli 1986 mit ihrem siebenjährigen Sohn Udo und den Familienautos, einem Mercedes und einem VW Golf, über die Grenze bei Herleshausen-Wartha (Thüringen). Nach einem sechswöchigen Aufenthalt im Aufnahmelager Zepernick bei Bernau bekommt die Familie die DDR-Staatsbürgerschaft. Die Autos dürfen sie behalten.

Der "Anker": Die vor 125 Jahren eröffnete Gaststätte bildet das Herz von Malz. Hier treffen sich die Feuerwehr, der SPD-Ortsverein und der Jugendclub. Im alten Tanzsaal werden Dorffeste gefeiert. Der Marmorboden im Gastraum sei derselbe wie damals im Palast der Republik, erzählt Inge Künz. Mit ein bisschen D-Mark sei man an das Material gelangt.

Sie sind in Malz geboren, haben später 30 Jahre im Westen gelebt. Warum sind Sie 1986 wieder zurück nach Malz gegangen und DDR-Bürgerin geworden?

Das war das Erbe hier. Meine Tante hatte mir die Gaststätte, den "Anker", vererbt. In dem Haus bin ich groß geworden, das war meine Heimat.

Warum hat Ihre Tante gerade Ihnen die Gaststätte vererbt, wo Sie doch im fernen Hessen wohnten?

Sie selbst hatte keine Kinder und gespürt, dass ich sehr an dem Objekt hänge. Schon als Mädchen und später bei Besuchen habe ich hier mit ausgeholfen. Meine Tante hat immer gesagt: Du bist die perfekte Gastwirtin. Eigentlich war schon lange klar, dass ich das erbe.

Was ja nicht heißt, dass Sie das Erbe annehmen würden. Wie lange brauchten Sie für den Entschluss, tatsächlich in die DDR überzusiedeln?

Wir haben ein Jahr gebraucht, zu überlegen und alles in die Wege zu leiten. Wir hatten ja in Zwingenberg unsere Arbeit und das Haus. Ich war Verkäuferin in einem Supermarkt, mein Mann Maler. Wir mussten gucken, dass unsere beiden ältesten Söhne - der eine war 27 Jahre alt, der andere 25 - versorgt sind. Unsere Freunde haben uns für verrückt erklärt, als wir von unserem Plan erzählt haben.

Hat Sie das nicht an Ihrem Vorhaben zweifeln lassen?

Nein, dann sind wir eben verrückt. Die anderen hatten ja keine Kontakte in den Osten. Da ist klar, dass sie das nicht verstehen. Meine Familie war aber in Malz. Jedes Jahr waren wir hier drei-, viermal zu Besuch.

Wie schwer war es, Ihren Mann zu überreden, der ja im Gegensatz zu Ihnen durch und durch Hesse war - und dem die Ostverbindung fehlte?

Gar nicht schwer. Seine Eltern waren sehr früh verstorben. Da hatte es ihn schnell mit zu meiner Familie gezogen.

Und was sagte Ihre Mutter? Schließlich war sie 1954 aus der DDR ins Ruhrgebiet gegangen und Sie waren ihr zwei Jahre später gefolgt.

Meine Mutter konnte das gar nicht begreifen, die war schockiert. Aber abhalten konnte sie uns nicht. Ich hatte meine Mutter nach unserem Umzug auch mal für eine Zeit nach Malz geholt und gedacht, sie bleibt hier. Aber nach drei Wochen wollte sie wieder zurück.

Wie schwer fiel Ihnen der Abschied von Ihren Söhnen und Freunden?

Wir haben immer gesagt, dass uns alle besuchen kommen sollen. Und das haben sie auch gemacht. Zu meinem Fünfzigsten zum Beispiel waren fast alle alten Freunde und Arbeitskollegen aus Zwingenberg da.

Kam Ihnen das nicht komisch vor, dass 1986 bereits Tausende von Ost nach West flüchteten, während Sie von West nach Ost übersiedeln?

Wie gesagt: Wir hatten das Erbe, ich hatte meine Familie in Malz. Das war einfach meine Heimat, in die ich zurückgekehrt bin. Politisch hatten wir dabei nichts im Sinn. Mit Politik hab ich sowieso nicht so viel am Hut. Ich gehe wählen, das reicht.

Sie sind am 1. Juli 1986 mit Ihrem Mercedes und VW Golf zum Thüringer Grenzübergang Herleshausen-Wartha gefahren. Wie wurden Sie von den DDR-Grenzern empfangen?

Nicht gerade rosig. Wir konnten ja nicht hinter die Stirn der Grenzer gucken, aber die haben schon komische Fragen gestellt. Und dann wurde alles durchsucht. Wir wussten gar nicht, was uns erwartet. Die ständige Vertretung der DDR in Bonn hatte uns geschrieben, wir sollen einfach zur Grenze fahren, der Rest wird sich ergeben. Das haben wir gemacht.

Und, was hat sich ergeben?

Wir wurden ins Aufnahmelager nach Zepernick bei Bernau gebracht. Sechs Wochen waren wir da. Schön war das nicht. Nur rumsitzen und warten. Mein Mann ist am Ende fast durchgedreht, wollte wieder zurück. Ich habe dann geschlichtet: Jetzt haben wir so lange ausgehalten, jetzt bleiben wir hier.

Im Westpendant, dem Notaufnahmelager für DDR-Flüchtlinge in Marienfelde, saßen 1986 stets mehrere hundert Ostbürger. Wie viele Aussiedler waren es bei Ihnen?

So um die 30. Da gab es eine Frau aus dem Westen, die ihren Freund im Osten heiraten wollte. Oder ein Mann, genauso alt wie ich, der das Erbe seiner Eltern antreten wollte. Viele wurden auch zurückgeschickt. Das hätte uns auch passieren können. Dann wären wir wieder nach Zwingenberg gegangen. Das Haus hatten wir ja nicht verkauft.

Wie wurden Sie in Malz empfangen?

Wir haben uns gleich heimisch gefühlt. Die Malzer kannten uns ja von unseren Besuchen. Die haben eh schon immer gesagt: Seht mal zu, dass ihr endlich herkommt.

Wurden Sie auch von den lokalen Parteioberen empfangen?

Wir hatten eine schöne Feierlichkeit in der Gemeinde. Der Bürgermeister hat eine Rede gehalten. Dann wurde uns die Staatsbürgerurkunde überreicht. Mein Mann hat da nur gesagt: Bedanken tun wir uns noch nicht, das wird die Zukunft zeigen.

Und dann haben Sie sich den "Anker" eingerichtet?

Erst ein Jahr später, vorher gehörte das Objekt noch zur Konsumgenossenschaft. Da war ich erst mal einfache Kellnerin, obwohl ich den Anker ja geerbt hatte. Nach der Übernahme haben wir alles modernisiert: Tresen, Tische, Tanzsaal. Fremdenzimmer haben wir auch eingerichtet - mit Heizung und fließend Wasser, kalt und warm.

Sie hatten einen Mercedes auf dem Hof, reisten oft zu Besuchen in den Westen - gab es da keinen Neid?

Wir haben das nicht so gemerkt. Manchmal ließ einer einen Spruch fallen: Na, ihr braucht euch nicht beschweren, ihr habt ja einen Mercedes. Das war aber die Ausnahme. Bei uns kam jeder in die Kneipe, hier wars immer voll.

Inwieweit ist Ihnen auch die DDR zur Heimat geworden?

Weiß nicht, wir kamen ja selten raus aus dem Ort. Ich hatte immer mit der Gaststätte zu tun, mein Mann war bei der Malereinheit. Und Malz war immer schon etwas westlicher. Hier hatte fast jeder zweite Haushalt Westkontakte. Und dann Berlin vor der Tür, mit den Intershops, Exquisitläden. Wir konnten nicht meckern.

Sie waren überzeugte DDR-Bürgerin?

So auch wieder nicht. Aber das war schon spannend hier. Man musste sich mehr durchkämpfen. Das hat irgendwie auch Spaß gemacht. Der Ware hinterherfahren und zusehen, dass man was gekriegt hat. Und finanziell gings uns gut. Das war ja alles günstig hier: Strom, Miete, Kohlenbriketts. Das war schon nicht schlecht.

Haben Sie jemals über einen SED-Eintritt nachgedacht?

Nee. Wir haben im Westen die SPD gewählt und wählen sie heute noch. Aber in die SED wären wir nie eingetreten. Im Gegenteil: Mein Mann hat hier im "Anker" nach der Wende mit ein paar Kumpels und Kollegen den Ortsverein der SPD mitbegründet. Vorm Haus steht dazu noch eine Tafel, können Sie nachher mal gucken.

Was hat Sie an der DDR gestört?

Lästig waren die Ausreisebedingungen. Wir hatten hier ja keine Privilegien, mussten wie alle anderen immer Anträge stellen. Aber meistens haben wir uns durchgesetzt, durften sogar fast immer zu dritt mit mit unserem jüngsten Sohn Udo in den Westen fahren.

Wissen Sie, ob Sie von der Stasi überwacht wurden?

Das hat stattgefunden, die saßen hier bei uns in der Gaststätte. Mich betraf das nicht, aber meinen Mann. Aber das ist vorbei. Die wissen, dass ich Bescheid weiß, was sie gemacht haben. Aber das ist Vergangenheit, was solls.

Der Spiegel schrieb 1988 über Sie, Ihre Geschichte sei ein "deutsch-deutsches Weltwunder".

Na, unter nem Weltwunder stelle ich mir was anderes vor.

Mit welchem Blick schauen Sie heute auf dieses "Weltwunder"?

Schon ein bisschen stolz. Vielleicht haben wir ja auch dazu beigetragen, dass es eine Wiedervereinigung gab (lacht). Ich bin vor allem stolz, dass wir uns so durchsetzen konnten.

Sie mögen dieses Durchboxen, oder?

Irgendwie schon. Man erreicht ja nur was, wenn man bis zum Schluss kämpft. Zum Beispiel mein zweiter Sohn, der Bernd, der ist Keyboarder in einer Liveband, so 80er-, 90er-Schlager. Den wollten wir mit seiner Kapelle vor der Wende immer mal herholen, dass er hier aufspielt zum Tanz. Überall haben sie uns gesagt, das geht nicht. Wir wollten das aber. Am Ende sind wir bis zum Ministerium nach Berlin gefahren für eine Erlaubnis. Aber bevor wir eine Antwort hatten, kam die Wende.

Hat Ihr Sohn dann nach 1989 im "Anker" gespielt?

Nein, das hat sich nicht mehr ergeben. Und der Nervenkitzel war dann ja weg.

Würden Sie sich heute noch mal so entscheiden wie 1986?

Na klar. Wir haben das wirklich nie bereut.

Denken Sie, dass es auch für Ihren Sohn Udo die richtige Entscheidung war?

Udo hat das Leben in Malz geliebt. Immer wenn wir hier vor 1986 zu Besuch waren, hat er gefragt, wann wir endlich hierher ziehen. Hier hatte er seine Freiräume, konnte Pferde reiten und Traktor fahren. Im Wald hatte er sich sogar mit Freunden eine Cross-Strecke gebaut - er mit seinem BMX, die anderen mit ihren Fahrrädern. Das wäre vorher in Zwingenberg doch gar nicht möglich gewesen. Da lebte man Haus an Haus.

Heißt das, Sie haben in der DDR eine größere Freiheit empfunden als im Westen?

Na ja, sagen wir mal, einen größeren Freiraum. Ich genieße das heute noch: Den Blick aus dem Fenster, die weite Sicht, die Natur.

Werden Ihre Söhne den "Anker" mal übernehmen?

Unsere Idee war mal, dass Udo das macht. Aber er ist inzwischen wieder in Zwingenberg, hat da seinen Beruf. Dafür ist jetzt unser zweitältester Sohn, der Bernd, hier. Der wird das Lokal weiterführen.

Wie wichtig ist es Ihnen, dass der "Anker" weiterlebt?

Letztlich müssen das unsere Söhne entscheiden. Das sind ja erwachsene Leute, die auch mitbekommen, dass es nicht leichter geworden ist mit der Gaststätte. Man merkt schon, dass die Leute weniger Geld haben, vor allem seit dem Euro. Allein ernähren können wir uns von der Gaststätte nicht. Da müssen wir schon noch die Rente mit anfassen.

Sehnen Sie sich da manchmal in die DDR zurück?

Eigentlich nicht. Wir hatten ja den Vergleich zum Westen, und so wie die DDR gewirtschaftet hat, konnte das nicht lange gut gehen. Am Ende gabs einfach nichts mehr: keine Südfrüchte, nicht mal Obst. Heute ist es auch schwer, aber so ist es eben.

Sie sind 70 Jahre, wie lange wollen Sie noch im "Anker" hinterm Tresen stehen?

Mal gucken. Ich setze mir da keine Zielmarke. Noch kann ich nicht oben in der Wohnung sitzen und Däumchen drehen. Ich brauche diese Aktivität und den Kontakt mit den Menschen. Wenn der Saal schön voll ist und die Leute sich amüsieren, dann freuts mich.

Könnten Sie sich auch vorstellen, wieder nach Zwingenberg zurückzugehen?

Wie bitte, mit 70? Nein. So einen Umzug mute ich mir nicht noch mal zu. Ist auch schöner hier.

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