Möglicher Vertuschungsskandal in Türkei

Was ist Rabia Naz geschehen?

Der verdächtige Tod seiner elfjährigen Tochter bringt einen Vater dazu nachzuforschen. Seit unser Autor den Fall öffentlich machte, bewegt er das Land

Die Familie von Rabia Naz versucht seit einem Jahr herauszufinden, wie ihre Tochter gestorben ist Foto: privat

Am 12. April 2018 gegen Abend klingelte in Eynesil in der nordtürkischen Schwarzmeerprovinz Giresun das Telefon von Şaban Vatan, dem Vater der elfjährigen Rabia Naz. Als er ranging, hörte er die aufgeregte Stimme des Nachbarn: „Ein Auto hat Rabia Naz angefahren, sie liegt vor eurem Haus!“ Vatan sprang in seinen Wagen und eilte hin. Er fand Rabia Naz schwerverletzt vor. Mit dem Krankenwagen kam sie ins Krankenhaus, aber es war zu spät.

Polizei und Staatsanwaltschaft gingen mit der These in die Ermittlungen, dass Rabia Naz von einem Auto angefahren wurde. Am nächsten Tag aber hieß es plötzlich: „Ermittlungen wegen Suizid“. Die Staatsanwaltschaft ging nun der These nach, Rabia Naz sei von der Dachterrasse des mehr als 14 Meter hohen Hauses gesprungen, um sich umzubringen.

Der Vater wollte das nicht glauben. Er geht davon aus, dass ein Autofahrer seine Tochter angefahren und sie verletzt vor das Haus gelegt habe. Bis heute haben die Eltern nicht herausgefunden, was mit Rabia Naz geschah. Von Tag zu Tag wird die Sache verworrener und eskaliert zu einem Skandal um politische Verbindungen, Verleumdungen und Vertuschungsversuche in der Kreisstadt.

Erst rund neun Monate nach Rabia Naz' Tod wurde der Fall einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, als ich am 24. Februar einen Thread über die Widersprüche in den Ermittlungen auf Twitter teilte. Auf das enorme Echo in den sozialen Medien hin beschäftigte der Fall das ganze Land. Dabei schrieb ich nichts Neues. Ich teilte lediglich die Informationen, Dokumente und Verdachtsmomente, die Rabia Naz' Vater Vatan bereits monatelang auf Facebook veröffentlicht hatte.

Einzelheiten von größter Bedeutung

Als Şaban Vatan seine Tochter Rabia Naz fand, lag sie rücklings und parallel zum Haus auf dem Boden vor einem Gewerbebetrieb, der unmittelbar an das fünfstöckige Wohnhaus anschließt. Der linke Fuß war am Gelenk fast abgerissen, die Arterie durchtrennt. Doch am Boden war kein Blut. Alle Augenzeug*innen sagten dasselbe: Rabia Naz lag da wie hingelegt. Ihr Kinn und die Innenseiten der Arme oberhalb des Bauchs wiesen Schrammen auf. An Kopf und Hals gab es keine Schäden, wie später auch der Obduktionsbericht bestätigte. Sie trug ihre Schulkleidung, aber die Schultasche fehlte. Ebenso ihre Haarspange. Allerdings fanden sich von Kopf bis Fuß Reste von Sägespänen und Stroh.

All diese Einzelheiten waren dem Vater in dem Augenblick nicht wichtig, doch als er den ersten Schock überwunden hatte und wissen wollte, was seiner Tochter zugestoßen war, bekamen sie größte Bedeutung.

Rabia Naz' Mutter Atika Vatan gehörte zur lokalen Führungsriege der regierenden AKP. Auch Şaban Vatan hat diese Partei gewählt und war für sie aktiv. Er vertraute auf den Staat, auf Polizei und Justiz. Jeden Zweifel am Tod seiner Tochter besprach er unmittelbar mit Polizei und Staatsanwalt. Der Vorteil einer Kleinstadt ist es, dass man relativ leicht Kontakt zum Polizeichef und Oberstaatsanwalt bekommt.

Mit der Zeit wurde Vatan klar, dass etwas verkehrt lief. Die Personen, die er ansprach, versuchten unerklärlicherweise, Rabia Naz' Tod als Selbstmord abzustempeln und die Akte zu schließen. Die Polizei- und Justizbehörden in der kleinen Kreisstadt Eynesil, die bei ihren Ermittlungen jede Möglichkeit in Erwägung ziehen sollten, fokussierten allein auf eine einzige. Und die lautete, Rabia Naz sei von der Dachterrasse des Hauses gesprungen, um sich umzubringen.

Vatan begann selbst zu recherchieren, spürte Beweise auf, fand Zeugen, erkannte Widersprüche und setzte alles daran zu zeigen, dass der Tod seiner Tochter kein Selbstmord gewesen sein kann.

Die Schultasche taucht plötzlich auf

Denn das Dach, von dem sie gesprungen sein soll, hat eine Brüstung und gleich darunter befindet sich ein mehr als vier Meter breites Vordach. Rabia Naz hätte also wie eine Weitspringerin Anlauf nehmen und springen müssen, um an der rund sechs Meter entfernten Fundstelle zu landen. Kaum möglich für eine Elfjährige von 70 Kilo, sagt Vatan. Einer der Polizeibeamten im Präsidium, denen der Vater seine Zweifel vortrug, zerknüllte ein Blatt Papier, warf es aus dem Fenster und sagte: „So ist sie gesprungen.“

Doch als zwei Polizisten auf Antrag der Familie den vermeintlichen Sprung vom Dach mit einem Betonsack nachstellten, der so viel wog wie Rabia Naz, schrammte der Sack das Vordach und dabei mit viel Krach ein Stück des Vordachs mit. Es ist kaum vorstellbar, dass ein solcher Sturz von den Nachbar*innen unbemerkt geblieben wäre.

Worauf stützen die Behörden ihre Suizid-These? Rabia Naz’ Schultasche wurde auf der Dachterrasse gefunden. Als Rabia Naz gefunden wurde, war jedoch überall nach der fehlenden Tasche gesucht worden, auch eingehend auf der Terrasse. Weder die Familie, noch die Nachbar*innen, noch die zuerst eingetroffenen Polizeibeamten hatten die Tasche finden können, so dass die Suche abgebrochen worden war.

Fünfeinhalb Stunden später wurde sie dann auf der Dachterrasse gefunden. Obendrein an einer für jeden, der die Terrasse betritt, sofort sichtbaren Stelle. Sie tauchte gewissermaßen plötzlich dort auf. Es gibt mehrere Augenzeug*innen, die sagen, die Tasche sei später dort abgelegt worden.

Ein schwarzer Fiat Doblò

Die Ermittlung der Staatsanwaltschaft machte keine Fortschritte. Beweise wurden nicht untersucht, Zeug*innen nicht gehört, Verdächtige nicht befragt. Überregionale Zeitungen und TV-Sender griffen die Aussagen des Vaters auf, dann aber brach die Berichterstattung ab. In Vatans beharrlichen Nachforschungen ergaben sich Hinweise darauf, dass es sich um einen Vertuschungsversuch handeln könnte, der bis zu einem ehemaligen AKP-Minister reicht.

Was Rabia Naz' Vater Şaban Vatan auf eigene Faust herausbekam, gibt Hinweise darauf, dass die Ermittlungen nicht korrekt geführt wurden. Aus der Aussage eines Augenzeugen erfuhr er, dass ein schwarzer Fiat Doblò durch die Straße gerast sei, als Rabia Naz gefunden wurde. Er verlangte, den Wagen zu ermitteln. Als die Behörden nicht reagierten, recherchierte er selbst. In der Kleinstadt fiel es nicht schwer, das Auto ausfindig zu machen. Er fand heraus, dass der Neffe des damaligen AKP-Bürgermeisters Coşkun Somuncuoğlu diesen Wagen fährt.

Damit enden die Ausläufer der Zweifel in Richtung Bürgermeister noch nicht. Der Vater ging auch den Sägemehl- und Strohspuren an seiner Tochter nach und fand heraus, dass sie eins zu eins mit Material auf dem Boden im Stall eines verlassenen Hauses in der Nähe übereinstimmen. Die Übereinstimmung wurde kürzlich auch von den Ermittlungsbehörden bestätigt. Der Befund wurde am 20. April von zahlreichen Zeitungen gemeldet.

Als Vatan verlangte, das Gebäude zu untersuchen, veranlasste die Kommune den Abriss des Hauses. Bei der hastigen Spurensicherung vor dem Abriss wurden laut offiziellem Bericht „Spuren von Körperflüssigkeiten einer Frau“ gefunden. Vatan geht davon aus, dass seine schwer verletzte Tochter nach dem Unfall zuerst in den Stall gebracht worden sei. Unmittelbar nach der Spurensicherung wurde das Gebäude innerhalb weniger Tage abgerissen. Die Abrissmaschinen gehören dem Neffen des Bürgermeisters.

Die AKP-Basis reagiert auf den Vertuschungsversuch

Şaban Vatan wertet das Handeln der Staatsanwaltschaft als Anweisung „von oben“. Er glaubt, der damalige Verteidigungsminister Nurettin Canikli, der immer noch für die AKP im Parlament sitzt, sei die Person an der Spitze der Initiative zur Vertuschung des Ermittlungsergebnisses. Vatan hat den Verdacht, dass der Bürgermeister Informationen über Canikli in der Hand habe, die er gegen ihn verwenden könne.

Seit Monaten formuliert Vatan seinen Verdacht in den sozialen Medien, in Presseerklärungen, Interviews und Fernsehsendungen. Er wollte persönlich mit dem Spitzenpolitiker sprechen. Ein solches Treffen kam nicht zustande, stattdessen wurde Vatan aufgrund der Anschuldigungen gegen Canikli festgenommen und die Staatsanwaltschaft wies seine Einweisung in eine Nervenklinik an. Massiver Protest in der Öffentlichkeit verhinderte dann, dass Vatan in die Klinik kam. Am 20. Mai verkündete Canikli auf Twitter, dass er Vatan wegen Beleidigung und Verleumdung anzeigen werde. Offenbar wollen jene, die die Ermittlungen im Fall Rabia Naz zu unterdrücken versuchen, jetzt auch den Vater zum Schweigen bringen.

Dass die lokalen Politiker offenbar versuchten, die Aufklärung des Falls zu verhindern und die Familie zum Schweigen zu bringen, schlug sich auf die Wahlergebnisse in der Kreisstadt nieder. Coşkun Somuncuoğlu, AKP-Bürgermeister seit drei Legislaturperioden, verlor die Kommunalwahlen vom 31. März mit erheblichen Stimmeneinbußen. Der Kreis, den die AKP sicher geglaubt hatte, ging an die oppositionelle CHP. Vor allem Frauen hätten die AKP nicht mehr gewählt, erzählen die Bewohner*innen von Eynesil. Diese Reaktion der AKP-Basis lässt sich im ganzen Land beobachten. Kommentare vor allem in den sozialen Medien fordern, „angesehene Persönlichkeiten“ nicht länger zu schützen, sondern den Tod von Rabia Naz aufzuklären.

Keine Zeit zu trauern

Heute kennt praktisch jede*r im Land die Einzelheiten des Falls und die Aussagen der Familie von Rabia Naz. Presse und Fernsehsender berichten breit darüber. Am Jahrestag von Rabia Naz’ Tod organisierten Frauenverbände in 45 Provinzen zeitgleiche Demonstrationen. Abgeordnete brachten die Sache im Parlament aufs Tapet. Justiz- und Innenministerium erklärten jetzt, eigene Inspektoren eingesetzt zu haben, um den dubiosen Tod und die bisherigen Ermittlungen erneut zu untersuchen.

Der Vater verlangt, dass die Personen, die für den Tod seiner Tochter verantwortlich sind, und jene, die Ermittlungen verhindern wollten, indem sie die Todesursache als Suizid hinstellten, vor Gericht kommen. Dieses Ziel ist bislang nicht erreicht. Die Beweise, an die er mit enormen juristischen Anstrengungen gelangte, wurden nicht untersucht, Zeugenaussagen wurden nicht berücksichtigt, Verdächtige nicht befragt. Es wurde kein einziger Schritt zur Aufklärung des Todes unternommen.

Zu Beginn habe Canikli die Täter geschützt, heute schütze der Staat Canikli, sagt Vatan, mit dem ich für diesen Text erneut gesprochen habe. Weil er seit einem Jahr alles daran setzt, den Tod seiner Tochter eigenständig aufzuklären, habe er keine Zeit gehabt, um seine Tochter zu trauern. Als er gesehen habe, dass der Justizmechanismus nicht funktionierte, sei er gezwungen gewesen, selbst bald als Detektiv, bald als Jurist, bald als Gerichtsmediziner aktiv zu werden, sagt Vatan. Er sei entschlossen, die Suche nach Gerechtigkeit ohne Angst und ohne aufzugeben fortzusetzen und den Mord an seiner Tochter aufzuklären. Koste es, was es wolle.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe

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