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Modernes Quartier oder unbremische Wohnmaschinen?Die Vahr versprecht sich allerhand

■ Bevölkerungsschwund und Verarmung / Mehrere Großprojekte sollen die Vahr jetzt aufmöbeln

„Die Vahr ist der einzige Stadtteil, der von den Planern ein Gesicht erhalten hat“, sagt der Leiter des Statistischen Landesamtes Jürgen Dinse. Nach dem Krieg klatschte Bremen wegen der Wohnungsnot dort ein neues Quartier auf die grüne Wiese. Fachleute priesen es wegen seiner Modernität, und Landschulklassen machten in den 50er Jahren Ausflüge in die Vahr, „um zu gucken, wie Menschen wohnen“. Sie sahen: Einbauküchen! Geflieste Bäder! Andere sprachen dagegen kritisch von „unbremischen Wohnmaschinen.“

Am Dienstagabend zeichnete Dinse im Vahrer Beirat ein gemischtes Bild von dem einstigen Modellstadtteil. Die Arbeitlosigkeit liegt bei 20 Prozent (Bremen: 16 Prozent), statt neun Prozent kriegen dort 14 Prozent Sozialhilfe. Das schürt Probleme: Der Einzelhandel klagt über geringe Kaufkraft und über die Russlanddeutschen, die sich selbst versorgen.

Außerdem werden die „Vahraonen“ immer weniger und die, die bleiben, immer älter: Seit 1970 schrumpfte die Einwohnerzahl von 38.000 auf 27.000. Zugleich verdoppelte sich der Anteil der oft von Rentnern bewohnten Single-Haushalte. Von den jungen Familien, die es früher gab, ist oft nur ein Elternteil übrig geblieben.

Ortsamtsleiter Mühl hat jetzt mit Mitteln aus dem Programm „WIN“ einen Nachbarschaftstreff im alten Waschhaus eingerichtet, um die Spannungen zwischen den alten und den neuen Bewohnern des Stadtteils abzubauen. Der Gewoba gehören dort die meisten Wohungen, gemeinsam mit dem Ortsamt will man sich jetzt engagieren, damit aus der Vahr kein neuer sozialer Brennpunkt wird.

Mühl verspricht sich außerdem viel von drei Großprojekten, die die Entwicklung im Stadtteil ankurbeln sollen: Der Vahrer See wird mit 500.000 Mark aufgeputzt. Das ehemalige Herbert-Ritze-Bad ist zu einem Wellness-Zentrum mit Altenwohnungen umrenoviert worden, und ein Investor verbuddelt 70 Millionen Mark an der Berliner Freiheit. Außerdem werden die Grünanlagen saniert und alle Hochhhäuser mit Fahrstühlen ausgerüstet. Wird alles gut?

THB

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