Millionen-Ausstand in Südafrika: Streiklust löst WM-Fieber ab
Mit einem Ausstand im öffentlichen Dienst machen die Gewerkschaften Druck auf Präsident Jacob Zuma - und drohen mit einem Generalstreik.
JOHANNESBURG taz | Schüler drücken nicht die Schulbank, Polizisten tauschen Patrouille gegen Protest und streikende Stenografinnen verzögern Verhandlungen in den Gerichten. 1,3 Millionen Angestellte im öffentlichen Dienst Südafrikas haben die Arbeit niedergelegt, und der Gewerkschaftsdachverband Cosatu droht, ab Donnerstag das ganze Land unbefristet lahmzulegen, sollte die Regierung den Lohnforderungen der Arbeitnehmervertretungen nicht zustimmen.
Hauptstraßen in Kapstadt und Pretoria waren am Vormittag nicht befahrbar, weil tausende Demonstranten mit Plakaten in der Hand und Befreiungsliedern auf den Lippen zum Kapstädter Parlamentsgebäude und zum Regierungssitz in Pretoria zogen.
Die Gewerkschaften knüpfen an den massiven Streik im Transportwesen an, der vor Beginn der Fußball-WM im Juni Südafrikas Wirtschaftsfluss geschädigt hatte, als Schiffsgut ungelöscht in Häfen lag und der Schienenverkehr stockte. Vor der WM hatte es deswegen Befürchtungen gegeben, weitere Streiks könnten zu Störungen des Weltereignisses führen. Einen Monat nach Abpfiff machen die Gewerkschaften ihre Drohungen nun wahr.
Die Regierungspartei ANC regiert eigentlich gemeinsam mit dem Gewerkschaftsdachverband Cosatu. Sie steht nun unter großem Druck, den Protest schnell zu beenden, damit sich die ausgedehnte Streikwelle im öffentlichen Sektor nicht wiederholt, die schon vor drei Jahren die Wirtschaft schwer getroffen hatte. Eine Regierung, deren Anführer häufiger wegen Korruption in Verruf geraten, sucht nun nach Lösungen für den Frust der Massen.
Die Gewerkschaften haben das bestehende Regierungsangebot von 7 Prozent Gehaltserhöhung und 630 Rand Wohngeldzuschuss (65 Euro) pro Monat abgelehnt. Sie fordern 1.000 Rand Wohngeldzuschuss und 8,6 Prozent mehr. Angestellte stöhnen unter den "realen Kosten" des täglichen Lebens und den drastisch steigenden Strompreisen. "Wir wollen der Regierung zeigen: Wenn sie uns nicht gibt, was wir wollen, könnten wir das ganze Land zum Stillstand bringen", sagte Manie De Clerq, Sprecher der Public Servants Association Union.
Angeblich hatte die Regierung ursprünglich im öffentlichen Dienst eine Erhöhung geplant, die sich an einer Inflationsrate von 5,2 Prozent orientierte. Nachdem jedoch die Streikwelle vor der WM Abschlüsse im Transportwesen in Höhe von 11 Prozent erbrachten, dann 9 Prozent beim staatlichen Stromlieferanten Eskom und 8 Prozent bei den Steuerbehörden, wollen die Beamten jetzt nicht nachgeben. Aber allein das von Gewerkschaften geforderte Wohngeld pro Monat würde laut Regierung mehr als ein Prozent des Staatshaushaltes kosten.
Das Nachsehen haben derzeit Südafrikas Schüler, denn bereits während der WM blieben die Klassenräume geschlossen. Gute Schulabschlüsse sind besonders in den Township-Schulen schwer zu erreichen, und mancher Südafrikaner fragt sich, ob Lehrer sich einen Streik leisten können.
Gestern funktionierte der Polizeidienst und auch Krankenhäuser nur mit einem Basisdienst. Nach amtlichen Angaben waren jedoch die Immigrationsbehörden nur schwach bestreikt, der Betrieb an den Flughäfen damit nicht "nennenswert" gestört. Die Regierung habe kurzfristig Vertragsarbeiter eingestellt, damit Amtsstellen nicht komplett geschlossen werden.
Dem Streik der öffentlichen Angestellten ziehen am heutigen Mittwoch die Metallarbeiter nach: Mehr als 31.000 Arbeiter in der Automobilindustrie fordern 15 Prozent mehr Lohn - dreimal mehr als die Inflationsrate.
taz lesen kann jede:r
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Texte, die es nicht allen recht machen und Stimmen, die man woanders nicht hört – immer aus Überzeugung und hier auf taz.de ohne Paywall. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter, kritischer Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 40.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert
Eine Chauffeurin erzählt
„Du überholst mich nicht“
Kinderbetreuung in der DDR
„Alle haben funktioniert“
Kompromiss oder Konfrontation?
Flexible Mehrheiten werden nötiger, das ist vielleicht gut
Niederlage für Baschar al-Assad
Zusammenbruch in Aleppo
SPD im Vorwahlkampf
Warten auf Herrn Merz
Hybride Kriegsführung
Angriff auf die Lebensadern