Melissa Etheridge: "Ich bin Mutter und Ehefrau"

Melissa Etheridge (46) hat ein neues Album- und der Welt nach dem Sieg über ihre Krebserkrankung einiges zu sagen: Wacht auf! Tankt Biodiesel! Verändert euch! Führt die Homoehe ein!

Melissa Etheridge: Neue Frisur, neue Platte - und gute Laune Bild: ap

taz: Frau Etheridge, Sie haben Ihr neues Album "Awakening" genannt, welches Erwachen meinen Sie?

Melissa Etheridge: Es begann, als wir das letzte Album, "Lucky", aufgenommen und betourt haben. Es hat mir Spaß gemacht, ich war verliebt, ich fand gerade bemerkenswerten Frieden in meinem Privatleben. Das Album hatte hübsche Songs, alles sah nach Happy Ending aus. Ich wollte mir gerade eine kleine Farm in Tennessee kaufen, als bei mir Krebs diagnostiziert wurde.

Der Zeitpunkt des Erwachens?

Die Diagnose hat mein Leben sofort angehalten, was mir noch nie passiert war. Ich war immer in Bewegung, an der Arbeit. Und dann wurde ich gezwungen, stillzuhalten und mich mit meiner Sterblichkeit auseinanderzusetzen. Diese ganze Seite meines Bewusstseins und meiner Seele lag mit einem Mal völlig frei. Jetzt beglückt mich das jeden Tag. Es fühlt sich beinahe so an, als hätte ich eine Verantwortung, diese Geschichte immer wieder zu erzählen und andere zu erwecken.

Sie haben sich über Ihre Erkrankung und auch über die Therapie sehr offen geäußert, sind sogar währenddessen aufgetreten und wirkten immer wie eine starke Kämpferin. Gab es da nicht auch Momente, wo Sie sehr verzweifelt waren?

Na sicher. Eine Chemotherapie ist schließlich eine unglaublich barbarische Form der Medizin. Die Erfahrung, all seine sich teilenden Zellen getötet zu bekommen, ist sehr demütigend und furchteinflößend. Der Körper wird dem Tod so nahe gebracht, wie es nur geht. Man beginnt, auf sein Leben und seine Entscheidungen zurückzublicken und bemerkt, wie wertvoll jeder einzelne Moment ist. Und man verbannt die giftigen Dinge aus seinem Leben.

In gewissem Sinne entstand also auch Positives, Lebensveränderndes?

Und wie. Das sage ich den Leuten oft und kriege dafür auch komische Seitenblicke, aber ich habe Krebs als Gabe empfunden. Jetzt lebe ich mein Leben bewusster als jemals zuvor.

Melissa Lou Etheridge, am 29. Mai 1961 in Leavenworth, Kansas, zur Welt gekommen, ist die prominenteste lesbische Rockmusikerin der USA: 1993 outete sie sich zur Amtseinführung Bill Clintons. Sie ist Mutter von inzwischen vier Kindern mit zwei Frauen.

Vorläuferinnen, Kolleginnen - alle wie sie eherne Unterstützer der US-Demokraten: Carole King, Joni Mitchell, Joan Baez, k.d. Lang, die Indigo Girls (Amy Ray und Emily Saliers), Suzanne Vega, Alanis Morrisette, Sheryl Crow, Tori Amos, Trisha Yearwood und Sarah MchLachlan

Größte Hits: You can sleep while I drive, Yes I Am, Your little secret, Like the way I do, On the way to heaven.

Für ihren Song "I need to wake up", den für den Al-Gore-Ökofilm "Eine unbequeme Wahrheit" schrieb, wurde sie für einen Grammy nominiert - und bekam den Oscar für die beste Filmmusik zugesprochen.

Mit Joss Stone sang sie, noch gezeichnet von ihrer Krebserkrankung, eine legendäre Femmage auf Janis Joplin.

Die neue CD "Awakening" (Erwachen) erscheint am 5. Oktober. Samstag tritt Etheridge bei "Wetten dass?" auf. JAF

Das klingt im ersten Moment tatsächlich seltsam.

Ja.

Macht dies Ihr neues Album nun innerhalb einer sehr erfolgreichen Karriere zu einem Werk Ihres Lebens?

Nun ja, für mich ist es eher mein erstes Album. Ich versuchte, dabei eine Unschuld zu bewahren, ich wollte aus meiner Freude und meinen Träumen heraus kreativ werden. Ich erinnerte mich an die Musik, die mich beeinflusst hat, die Eagles, Fleetwood Mac, diesen Südkalifornien-Sound. Es ist ein völlig ehrliches Album. Jede Note ist ich.

Das Beiblatt Ihrer neuen Platte beschreibt Sie mit Schlagwörtern: Rock Star, Menschenrechtlerin, vierfache Mutter/Elternteil, Krebs-Überlebende und Oscargewinnerin.

He, he.

Ist es komisch, das eigene Leben so wiedergegeben zu sehen?

Allerdings. Lustig auch, wie die Bindestriche immer mehr und die Begriffe immer länger werden. Aber eigentlich bin ich ja nur ich. Viele dieser Dinge habe ich nicht bewusst gesucht. Aber ich kriege diese Attribute, weil ich mich dazu entschlossen habe, die Wahrheit zu sagen. Warum die Wahrheit so revolutionär ist, habe ich bis heute noch nicht verstanden.

Was nehmen Sie selbst an sich als erstes wahr, den Rockstar oder das Elternteil?

Das Elternteil, definitiv, das vergesse ich keine Minute. Ich wache auf und bin Frau und Mutter, das bin ich. Wenn ich zur Arbeit gehe, bin ich auch Künstlerin und Songwriterin und Performerin, aber in erster Linie bin ich auf jeden Fall eine Mutter. Und Ehefrau.

Ab und an nennen Sie Ihre Frau auch "Partnerin". Weshalb?

Ja, sie ist "meine Frau", aber das kommt bei manchen Leuten nicht so gut an, ich nenne sie eigentlich immer so.

Obwohl es sich vor dem Gesetz lediglich um eine eingetragene Lebenspartnerschaft handelt?

Es ist eine "Domestic Union". Das bedeutet weniger Rechte.

Vor ein paar Tagen haben Sie aneiner Fernseh-Diskussionsrunde mit demokratischen Präsidentschaftskandidaten teilgenommen. Alle wollten die Rechte der Schwulen und Lesben unterstützen, aber sowohl Hilary Clinton als auch Barack Obama und John Edwards waren in puncto Homoehe sehr zaghaft.

Stimmt. Es war, als ob wir mit in den Salon dürften, aber in der Ecke stehen bleiben müssten. Das war äußerst entmutigend, und ich wünschte, jemand von denen würde begreifen, dass dieses Land und diese Welt eine Führung braucht, die sagt: "Wisst ihr was? Es ist das Richtige. Die Verfassung spricht von Allen."

Aber PolitikerInnen nehmen nur Rücksicht auf die Mehrheit der Wähler?

Nun ja, es existiert das vage Gefühl, dass die Mehrheit der Wähler der Gleichberechtigung Homosexueller ablehnend gegenüberstehen könnte. Aber ich denke, dass das gar nicht stimmt. Es gibt elf Staaten, in denen ein paar Hassprediger eine Menge Lärm gemacht und gegen die Homoehe gestimmt haben. Aber ich glaube, wenn man Amerikaner einzeln befragen würde, sähe das Ergebnis anders aus.

An dieser Stelle folgt die Standardfrage: Ist sexuelle Identität biologisch bedingt oder frei gewählt?

He, he, he. Das habe ich Bill Richardson

... ein weiterer demokratischen Kandidatenbewerber, der Gouverneur von New Mexico ...

... ihn habe ich das auch gefragt, und er ist an der Frage zerschellt. Ich weiß aus meiner Erfahrung, wenn man durch die Kindheit und die Pubertät geht, dass die Gefühle dieselben sind, nur dass ich mich von Mädchen angezogen gefühlt habe. Meine Erfahrung war eine biologische. Aber jeder hat von seinen Überzeugungen eine eigene Vorstellung. Jemand, der nicht homosexuell ist, kann sich vielleicht nicht vorstellen, wie das ist, und umgekehrt. In einer Zeitung bin ich sogar mal Hetero-Hasser genannt worden.

Der Oscar bleibt also der einzige nackte Mann in deinem Schlafzimmer?

Ha, ha! Sie warten doch auf Momente, in denen Sie soetwas sagen können!

Ich fand es witzig.

Okay, ja! Wir haben da einen Kamin und oben auf dem Sims steht jetzt der kleine goldene Mann. Die Oscarverleihung war überhaupt recht komisch. Im Grunde ist das ja nur eine Fernsehshow, man hängt nicht wirklich mit Oscarpreisträgern rum. Die Statue zeigt nur, dass meine Kollegen dachten, ich sei ihrer würdig, und das ist schon eine Ehre.

Hat Ihr Coming Out Ihrer Karriere je geschadet?

Nein, davon habe ich nie etwas mitbekommen. Es mag Leute geben, die mich vielleicht nicht mögen, weil ich lesbisch bin, aber die würden meine Musik wahrscheinlich auch sonst nicht mögen.

Ihre Nummer-Eins-Hits sprechen eher dafür, dass sie die Mehrheit mag. Engagieren Sie sich auch aufgrund Ihrer Popularität mit Songs wie "I Need To Wake Up" für Themen wie Klimaschutz?

Den Song habe für Al Gores Dokumentarfilm "An Inconvenient Truth" geschrieben. Ich kam gerade aus der Chemotherapie und habe diese Reise zu einer Balance begonnen, in der ich mich jetzt befinde. Da kam die Gelegenheit, "I Need to Wake Up" zu schreiben. Ich wollte mich verändern, und ich bin der Meinung, dass wir das alle tun könnten, auf einem großen Level.

Liegt es in Ihrer Verantwortung als Künstlerin, sich mit derlei Themen zu beschäftigen?

Ich habe die Verantwortung, meine Wahrheit auszusprechen, ein Spiegel zu sein und von meinen Erfahrungen zu berichten. Die Leute dürfen dann ihre Erfahrungen darauf projizieren. Das ist meiner Meinung nach heutzutage die Aufgabe eines Künstlers. Ich denke nicht, dass ich dazu politisch sein muss. Ich denke aber, dass die Wahrheit auszusprechen, manchmal das ultimative politische Statement sein kann.

Was ist mit Ihnen selbst? Bemühen Sie sichum Müllreduzierung, recyclen Sie?

Allerdings. Keine Plastiktüten, Biodiesel im Tank. Das geht ganz einfach, denn jeder Diesel kann mit Biodiesel fahren.

Ist das denn erlaubt?

Sehr witzig!

Okay, war nur eine Frage...

Nein, es ist nicht verboten. Gleichzeitig kann ich mir tatsächlich gut vorstellen, dass gerade ein Land wie Amerika das durchaus verbieten könnte! Dasses niemand tut, liegt vermutlich daran, dass nur wenige Leute überhaupt von Biodiesel wissen. Stellen Sie sich vor, was passieren würde, wenn mehr Leute Biodiesel tanken würden? Die Ölmultis würden ausflippen! Es könnte unsere Wirtschaft hier sehr nachhaltig verändern.

Wie steht es mit Ihrer Flugbilanz?

Ich glaube mal, diese Privatjets sind die größte Umweltsünde, die wir als Entertainer und ökobewusste Showmenschen so begehen. Aber es gibt eben auch keine Hybrid- oder Biodieselflugzeuge. Ich hoffe mal, diese Technologie kommt noch. Ich zahle auch immer dieses Kohlendioxidbilanzentgelt, aber das mache ich wirklich nur für mein Gewissen.

Was entgegnen Sie den Interessensgruppen, die vor einer polizeistaatlichen Überwachung des Umweltverhaltens warnen?

Das befürchten die Leute wirklich. Wir hier in Amerika sind in dem Bewusstsein erzogen, dass Sozialismus fast so böse ist wie Kommunismus, so dass immer, wenn es irgendwo heißt "Kommt schon, packen wir's gemeinsam an!", die Leute Sozialismus dahinter vermuten. Ich denke auch nicht, dass wir uns gegenseitig überwachen oder bezichtigen müssen. Das ist kein Weg nach vorne.

TELEFONINTERVIEW: MICHAEL TSCHERNEK

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