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Mehr als nur ein Derby

Erstmals überhaupt ist ein nordkoreanischer Frauenfußballverein ins benachbarte Südkorea gereist. Dort setzt die Regierung große Hoffnung in sportdiplomatischen Austausch

Voller Einsatz bei strömendem Regen, am Ende gewinnen die Nordkoreanerinnen vom Naegohyang FC mit 2:1 Foto: Fo­to:­ imago/Matrix Images

Aus Suwon Fabian Kretschmer

Als die Nordkoreanerinnen auf den Rasen einlaufen, prasseln wolkenbruchartige Niederschläge auf die Spielerinnen ein. Das apokalyptische Wetter verleiht dem Match zwischen Suwon FC und Naegohyang FC eine besondere Dramatik. Rein sportlich geht es immerhin um das Halbfinale der asiatischen Champions League. Diplomatisch steht allerdings noch sehr viel mehr auf dem Spiel: Erstmals seit acht Jahren ist wieder eine nordkoreanische Sportmannschaft nach Südkorea eingereist, zum ersten Mal überhaupt kommen Frauenfußballerinnen auf Vereinsebene zu Besuch. Die zwei Koreas mögen zwar Nachbarländer sein, doch sie befinden sich formal nach wie vor im Kriegszustand.

Dementsprechend löste allein schon die Ankunft der Athletinnen ein riesiges Medienecho aus. Die 39-köpfige Delegation wurde am Sonntag am Flughafen Incheon wie Superstars begrüßt. Dabei würdigten die Spielerinnen den jubelnden Aktivisten und Schaulustigen, die freundlich Fähnchen schwangen, allerdings kaum eines Blickes: Mit steinerner Miene schritten sie auf schwarzen High Heels durch die Eingangshalle, alle trugen sie eine rote Anstecknadel mit dem Konterfei des Staatsgründer Kim Il Sung am Revers.

Auch bei der Pressekonferenz in Suwon, einer Satellitenstadt südlich von Seoul, hielt sich das Team bedeckt. „Wir werden unser Möglichstes tun, um das Vertrauen und die Erwartungen der Menschen sowie unserer Eltern und Familien zu erfüllen“, sagte die 24-jährige Stürmerin Kim Kyong Yong, ohne den leisesten Hauch einer Emotion preiszugeben.

Spieltag, kurz vor Anpfiff: „Für mich geht es hier um Fußball, nicht um Politik“, sagt der 20-jährige Cho-i. Im Oberrang des Sta­dions rollt der Anhänger des Suwon FC ein riesiges Fanbanner aus, er trägt ein Trikot seines Vereins und um den Kopf ein martialisch anmutendes Stirnband. Normalerweise geht Cho-i zu jedem Spiel des Männerteams. Doch die seltene Chance, einmal Nordkoreanerinnen in Echt zu sehen, hat die Neugierde des Politikstudenten geweckt. Ob er sich vorstellen könne, dass sich die zwei verfeindeten Staaten, die seit mittlerweile acht Dekaden getrennt sind, wieder zueinanderfinden könnten? „Ja, eine Wiedervereinigung möchte ich prinzipiell schon – aber derzeit sieht die politische Situation im Norden alles andere als gut aus“, sagt Cho-i.

Und seine diplomatisch gewählten Worte sind eine maßlose Untertreibung. Pjöngjangs Machthaber Kim Jong Un entwickelt nicht nur unter Hochdruck sein Nuklearprogramm, sondern hat den Süden auch mehrfach als „Hauptfeind“ bezeichnet. Vor allem aber hat der Diktator die jahrzehntealte Doktrin, auf eine Wiedervereinigung der koreanischen Halbinsel hinzuarbeiten, offiziell aufgegeben. Selbst das über 30 Meter hohe Mahnmal zur Wiedervereinigung vorm Stadtzentrum von Pjöngjang ließ Kim sprengen. Und erst zu Beginn der Woche rief er dazu auf, die Grenze entlang zum Süden in eine „uneinnehmbare Festung“ zu verwandeln.

In Südkorea hingegen möchte man dies am liebsten als rein taktische Manöver abtun. Denn die linksgerichtete Regierung unter Präsident Lee Jae Myung fährt einen konsequenten Annäherungskurs. Penibel achtet man darauf, den Norden nicht unnötig zu provozieren.

Dementsprechend setzt insbesondere das Vereinigungsministerium in Seoul große Hoffnung in die sportdiplomatische Begegnung zwischen den Fußballerinnen. „Wir brauchen Schritte, um wieder Vertrauen aufzubauen“, sagte Vereinigungsminister Chung Dong Young.

Und damit das 2012 in Pjöngjang gegründete Team FC Naegohyang – zu Deutsch: „meine Heimatstadt“ – nicht ohne Fans dasteht, hat das Vereinigungsministerium 300 Mil­lio­nen Won (umgerechnet etwa 170.000 Euro) an zivilgesellschaftliche Organisationen ausgezahlt, um die Nord­ko­rea­ne­rin­nen im Stadion anzufeuern.

Eine der Unterstützerinnen ist Kim Tae-hee. Sie trägt eine weiße Baseballcap mit Tigeremblem, dem Logo des FC Naegohyang. Und auch wenn sie selbst kein Fußballfan ist, hat sie doch einen ganz persönlichen Bezug zu der Veranstaltung. Sie sei ebenfalls in Pjöngjang geboren, doch vor knapp 30 Jahren in den Süden geflohen. Wie sie nun über das Spiel denkt? „Ich hoffe, die Nordkoreanerinnen gewinnen heute. Wenn sie verlieren, dürften sie in ihrer Heimat dafür bestraft werden“, glaubt Frau Kim.

Über 30.000 nordkoreanische Flüchtlinge leben mittlerweile in Südkorea. Sie sind praktisch die einzige Möglichkeit für die meisten Südkoreaner, in direktem Kontakt miteinander zu treten. Denn andere Formen des Austauschs sind strengstens untersagt: Es gibt keinen Tourismus, seit Jahren kaum nennenswerte innerkoreanischen Kulturprojekte, hinzu kommt eine strenge Zensur nordkoreanischer Propagandainhalte.

Über 30.000 nordkoreanische Flüchtlinge leben mittlerweile in Südkorea

Auf der anderen Seite der stark verminten Demarkationslinie fallen die Gesetze um ein Vielfaches strenger aus: Nord­ko­rea­ner, die beim Konsum von Popmusik oder Fernsehserien aus dem Süden erwischt werden, müssen mit langjährigen Haftstrafen rechnen. Auch Hinrichtungen sind in Einzelfällen dokumentiert.

Auf dem Fußballplatz spielt die Geopolitik am Mittwochabend keine Rolle. Auch wenn einige der 7.000 Ticketinhaber wegen des starken Regens zu Hause geblieben sind, ist die Stimmung ausgelassen und das Spiel stets fair. Doch schlussendlich müssen sich die Frauen vom Suwon FC sportlich geschlagen geben. Die Nordkoreanerinnen gewinnen am Ende 1:2 – und ziehen damit ins Finale gegen das japanische Team Tokyo Verdy Beleza.

Da das Match am Samstag im selben Stadion ausgetragen wird, bietet sich für ein paar tausend Südkoreaner erneut die seltene Chance, ihre Nachbarinnen aus dem Norden persönlich anzufeuern.

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