■ MusikTip: Mediterrane Musikarchäologie
Manchmal müssen Musiker Archäologen sein. Traditionen wie die jüdische Diaspora haben ihre Musikschätze hauptsächlich mündlich überliefert. Detektivisch folgte das Ensemble „Sarband“ den beinahe verschütteten Spuren der Sephardim, der spanischen Juden, die seit dem 14. Jahrhundert in die Länder des südlichen Mittelmeerraums vertrieben wurden. Ihre CD „Sepharad“ (Deutsche Harmonia Mundi05472 77372 2) präsentiert zum Teil nur als Fragmente erhaltene Romanzen, Hochzeits- und Wiegenlieder im judezmo, der jüdisch-spanischen Sprache.
Sieben vorzügliche Aufnahmen umspannen zwei große Regionen: das ehemalige Osmanische Reich einschließich des Balkans und den ibero-nordafrikanischen Raum. Im ausführlichen Booklet sind die historischen Hintergründe zusammengefaßt und die Originalliedtexte mit Übersetzungen abgedruckt. Die Unterschiede der Herkunft sind deutlich: da orientalische Skalen mit starken rhythmischen Akzenten, doch ohne die sonst typische Ornamentik; dort europäische Renaissance mit fast populärem Charakter. Einige dieser Lieder werden auch heute noch gesungen, so daß ein interessierter Tourist mit diesen Informationen im Gepäck in einem Kaffeehaus in Istanbul, Jerusalem oder Saloniki vielleicht diese Melodien heraushört.
Das Besondere dieser wunderschönen Lieder ist, daß sie von Frauen gesungen wurden. Die Vokalistin von „Sarband“, Fadia El- Hage, intoniert sie mit klarer, offener und zärtlicher Stimme, sowohl a cappella als auch in einfühlsamer Begleitung von Laute, Nay (Flöte) und Percussion. Diese imponierende Sammlung sephardischer Musik ist aber auch deshalb spannend und anhörenswert, weil die Interpreten keineswegs Juden sind: Sie kommen aus der Türkei, dem Libanon, England, Bulgarien und Deutschland, das heißt sie praktizieren kulturellen Respekt und finden in dieser Musik gemeinsame Werte. Hans-Dieter Grünefeld
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