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Medienereignis Olympische SpieleFestspiele der Geschlagenen

Kommentar von

Gerhard Fitzthum

Olympiaberichterstattungen haben immer noch die altbekannte Schlagseite

Ein Gewinner und zwei Geschlagene: Lucas Pinheiro Braathen gewinnt den olympischen Riesenslalom, Silber und Bronze gehen an Marco Odermatt (links) und Loïc Meillard Foto: John Locher/ap

D ass Olympische Spiele ein Medienereignis sind, ist eine Binsenweisheit. Mit großem Aufwand werden sie für ein Publikum inszeniert, das es sich vor dem Bildschirm gemütlich gemacht hat – assistiert von einem (männlichen) Live-Kommentator, dem es obliegt, die gezeigten Leistungen zu bewundern oder zu bemängeln. Klar, dass er sich im Laufe der sogenannten Berichterstattung immer wieder im Repertoire vertrauter Floskeln bedient.

Wenn man genug Zeit vor der Glotze verbringt, hört man dann irgendwann sogar mal das altehrwürdige „Dabei sein ist alles!“. Vorherrschend sind aber natürlich gegenteilige Formulierungen wie die, dass bei „einer Olympiade leider nur Gold, Silber und Bronze zählen“, als ob die mediale Aufbereitung keinen Beitrag dazu leisten würde, dass sich niemand für die hinteren Plätze interessiert.

Wenn sich im Olympia-TV von Anfang an alles nur um Medaillen dreht, braucht man sich auch nicht zu wundern, dass dauernd von „Geschlagenen“ die Rede ist. Mit diesem Tunnelblick wimmelt es nun mal nur von Verlierern, die sich nach der Formel „Zahl der angetretenen WettkämpferInnen minus drei“ errechnen lassen.

Manchmal bietet sich sogar die Gelegenheit, die Zahl dieser „Geschlagenen“ noch weiter zu erhöhen, dann nämlich, wenn ein haushoher Favorit unter die ersten drei kommt, aber nicht Erster wird. Klare Sache: noch ein Geschlagener! „Alle Hoffnungen lagen auf ihm“, heißt es nun, „und jetzt gerade mal Bronze!“ Folgerichtig hatte es vor einigen Tagen eine ARD-Reporterin darauf abgesehen, Marco Odermatt zum Pechvogel der alpinen Sparte zu erklären – obwohl der Überflieger der letzten Jahre zweimal Silber und einmal Bronze gewann und einmal immerhin Vierter wurde.

„Warum diese Ignoranz?“

Zum Glück ging ihre süffisante Frage an das als Co-Kommentator anwesende Slalom-Ass Felix Neureuther, der als „unsere Goldhoffnung“ seinerzeit nach Sotschi fuhr und sich schon damals gegen das Kesseltreiben der Sportjournaille zur Wehr zu setzen wusste. Mit subtilem Grinsen machte er der verdutzten Kollegin klar, dass sich der Schweizer seinen Riesenerfolg von ihresgleichen nicht ausreden lassen werde.

Warum diese Ignoranz? Warum werden die Leistungen nicht auch derer angemessen gewürdigt, die am Tag des Rennens nicht die schnellsten waren oder den Sprung aufs Treppchen nur knapp verpasst haben? Haben Sportreporter das Bedürfnis, sich am Unglück der Nichtsieger zu weiden? Oder glauben sie, Fernsehzuschauer bedienen müssen, die sich am Scheitern von AthletInnen hochziehen, deren sportlichen Ehrgeiz sie auch gerne hätten?

Mehr als nur drei Medaillen bitte

Gewiss, bei früheren Spielen waren die Kommentatoren mindestens so respektlos wie die Interviewerszene. Solange sie aber immer wieder von „Geschlagenen“ reden, gibt es auch bei ihnen noch viel Luft nach oben. Statt bloß ihr Mitleid über den Viertplatzierten auszugießen, müssten sie sich auch als Anwalt derer verstehen, die nicht auf dem Treppchen landen.

Da die in den Speeddisziplinen gemessenen Zeiten ja fast immer nur wenige Hundertstel auseinanderliegen, lassen sich Sieger und Besiegte ohnehin nur noch mit den sensibelsten aller Messtechniken unterscheiden. Vielleicht wäre das IOC irgendwann mal dazu zu bringen, wenigstens fünf (!) Medaillen zu vergeben, damit es ein paar „Geschlagene“ weniger gibt. Eine Organisation, die ihren zwei Dutzend Top-Funktionären fast 15 Millionen US-Dollar im Jahr zahlt, könnte sich das wohl auch leisten – der Kupfer- und Messingpreis ist ja gar nicht so hoch!

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