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Medialer Kriegsdienst

■ Die Golfkrise, die Wohngemeinschaft und die Glotze

Stell' dir vor, es ist Krieg — und der Fernseher geht kaputt. Noch nie wurden die Menschen auf einen Krieg medial so vorbereitet wie auf den ausstehenden am Golf. Die internationalen Medien haben ihre Stellungen bezogen — es kann losgehen.

Wir sitzen bereits in der ersten Reihe. Seit Tagen läuft in unserer WG nur noch der Fernseher, außerhäusliche Aktivitäten wurden weitgehend eingestellt. Wir sind beinahe schon süchtig nach den News und vor allem nach den Bildern. Wir reden wieder mehr mit einander — meist jedoch über den Krieg, über die Schreckensszenarien, die uns da stündlich dargeboten werden, über unsere Ängste. Dienstag abend steigt die Spannung auf ein Maximum. Die Dramaturgie ist perfekt: Der Countdown läuft („noch zehn, neun, acht ... Stunden bis zum Ende des Ultimatums“). Wir sitzen traut beisammen — vor der Glotze. Eine Freundin hat sich eingeladen, weil sie nicht alleine fernsehen will. Wir warten und lassen uns bei der Warterei unterhalten, mit einem Potpourri aus Frontberichten, Kommentaren, Appellen und Bildern aus bereits geführten Kriegen. Es ist wie Silvester — mit Horror untermalt. (Fehlt nur noch der kaltgestellte Sekt).

Ein Freund aus Westdeutschland — er hat schon lange nicht mehr angerufen — am Telefon: Er sitzt auch vor dem Fernseher, möchte reden: Was tun, wenn der Krieg losgeht? Solange wie möglich weiterleben wie bisher. Hoffen, daß die Katastrophe ausbleibt oder uns zumindest nicht so schnell oder nicht so stark trifft. „Oder fällt dir etwas besseres ein?“ Wir reden über das, was wir im Fernsehen gesehen und gehört haben wie über ein gemeinsames Erlebnis. Ansonsten haben wir uns an diesem Abend nichts weiter zu sagen. Am Mittwoch morgen, kurz nach sieben, sind auch die Langschläferinnen wach. Glotze an. Haben die Amis schon losgeschlagen?

Mehr als je zuvor werden die Medien mitentscheiden, wann und wie der Krieg am Golf beginnt und wie er verläuft. Stell' dir also bloß mal vor, es ist Krieg — und alle medialen Legionen desertieren. Die Reserve daheim vorm Fernseher verweigert den Kriegsdienst. Ulrike Helwerth

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