Massensturz bei der Tour de France: Crashituri te salutant

Der Massensturz der Tour de France ist ein guter Anlass, als Zuschauer wie als Chronist, die eigene Lust am Spektakel des Leidens zu hinterfragen.

Massencrash bei der Tour de France

Das größte Ereignis der bisherigen Tour de France: der Massensturz. Foto: imago sport

HUY taz | Fahrradfahrer stürzen. Menschen und Räder fliegen durch die Luft, schlagen heftig auf dem Boden auf. Ein Körper fliegt gar gegen einen Mast. Andere sind begraben von Karbonkonstruktionen. Ärzte, Sanitäter schwirren um sie herum. Aber auch Fernsehkameras und Fotoapparate. Sie fangen Blut ein, zerrissenes Textil, verbogenes, geborstenes Aluminium, Körperteile, die seltsam herausstehen.

Ist das noch Chronistenpflicht, fragt man sich selbst beim Sehen dieser Bilder, auch beim Schreiben dieser Worte? Oder ist man nicht schon selbst in ein Spektakel eingebunden, das vom Blut sich nährt, vom Leiden, und das die extreme Dosis braucht als Auslöser für eine Regung, eine Sensation, verstanden als basalen Sinnesreiz?

Die Kameras – Dokumentar- wie Spektakelinstrumente – fangen auch ein, wie eine Zuschauerin sich nicht entblödet, ein Autogramm von dem gerade auf sein Rad steigenden Fabian Cancellara zu holen. Der Mann im gelben Trikot war ebenfalls in den Sturz verwickelt. Der König der Tour im freien Fall; Spartacus ist sein Spitzname wegen seines für einen Radsportler ungewöhnlichen Muskelpakete, er ist ein Herkules unter den spacken Beinarbeitern.

Dieser Spartacus ruft die Erinnerung an seinen Namensvorgänger, den Gladiator, auf. Der musste mit seinen Berufskollegen unter den Augen von Zehntausenden kämpfen. Sie mussten sich gegenseitig metzeln und nach überlebter Schlacht noch darauf warten, ob der Daumen des hochrangigsten Regierungsvertreters im Stadion nach oben unter unten zeigte.

Der Sturz: Etwa bei Kilometer 68 der dritten Tour-Etappe stürzte William Bonnet bei einer Geschwindigkeit von rund 42 km/h und über 20 weitere Fahrer mit.

Die Folgen: Mehrere Sportler mussten verletzt aus der Tour aussteigen. Neben Bonnet traf es unter anderem Tom Dumoulin und auch den Träger des gelben Trikots Fabian Cancellara. Neuer Gesamt-Erster ist nun Chris Froome, der Sieger von 2013.

Die Pause: Anschließend wurde die Etappe für zehn Minuten unterbrochen. Eine derartige sogenannte Neutralisation gab es erst zum fünften Mal in der Tour-Geschichte. Mehrere Teamchefs kritisierten die Entscheidung als unverhältnismäßig.

Der Daumen allerdings war nicht nur vom Herrscherhirn gelenkt, sondern auch von der Stimmung in der Arena, auf den Rängen. Herrschte dort Blutdurst? Oder war der gestillt, sodass Besinnung, Langmut, Gnade einen Weg fand, sich in den Gemütern auszubreiten?

Zurück im römischen Imperium

Mit den Ereignissen der dritten Etappe der Tour de France sind wir wieder in den Tagen des römischen Imperiums angekommen. Wir sind global vernetzt, die Reaktionen schießen von flämischen Landstraßen nach Berlin, nach London und Tokio.

Die Rolle des Gnadengebers, des imperatorischen Daumens, haben die Arme des Tourdirektors Christian Prudhomme übernommen, der hier mal Gnade walten ließ und das nervöse, erschöpfte Feld anhielt, in dem es dennoch brodelte. Es waren Fahrer darin, die einfach weitermachen wollten, die ungehalten waren über den Stopp, von animalischem Kampfeswillen durchströmt. Von Schaulust waren all die erfüllt, die die Augen nicht von den Bildern brachten.

Die sportlichen Leiter schließlich brachten die Härte von Veteranen ein, die das Anhalten lachhaft fanden, die sich an viel größere Gemetzel erinnerten – damals, vielleicht noch ohne Fernsehen, nur in grob gerasterten Schwarz-Weiß-Aufnahmen überliefert.

Die Frage stellt sich, wohin ist der Sport gekommen, die Wahrnehmung des Sports. Noch eine Frage stellt sich: Hat in der Betrachtung des Straßenradsports die Faszination am Leid, am Schmerz, am Verunfallen und am Kitzel der Gefahr eine andere, ebenso dunkle Passion abgelöst? Die Dopingskandale nämlich, die Lust am Erkunden der kriminellen Zonen des Betrugs, die Sensation an der menschlichen Tragödie, wenn aus Idolen Verräter werden, von denen die Ärmsten sogar mit dem Leben bezahlen.

Schaulust statt Doping

Um Grenzzustände ging es auch dabei. Doch seit das Doping eingehegt, auf Mikrodosen reduziert, seit Epo nicht mehr gespritzt – ganz böse! –, sondern nur noch geschluckt zu werden braucht und neue Präparate nicht mehr Substanzen transportieren, sondern nur noch den Substanzenproduktionsapparat im eigenen Körper steuern, seit Doping also kulturell gebremst ist in diesem Sport, und manch einer wohl auch gar nicht mehr dopt, seitdem sucht sich die Schau-, die Erschau- und die Erschauerlust offenbar andere Wege.

Es liegt am Publikum zu entscheiden, an diesem Lustkonstrukt durch Rezeption beglaubigend mitzuwirken. Es liegt an den Machern, auch dieses Problem vielleicht einzuhegen, das Fahrerfeld zu verkleinern, die Sturzzonen aber zu erweitern. Auch Berichterstatter müssen Chronisten- und Spektakelanteile wieder besser abzuwägen lernen.

Und nicht zuletzt liegt es an den Protagonisten zu entscheiden, in welchem Maße sie ihre Haut zu Markte tragen wollen. Spartacus und Kollegen stiegen, wie man in der Schule lernt, aus dem Zirkus aus und erschütterten ein Weltreich. Was machen der aktuelle Träger dieses Namens und seine heutigen Kollegen?

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben