: Mailand oder Madrid – Hauptsache, links
Sie hat drei Pässe und ein Faible für Spaniens Premierminister. Nun will Elly Schlein die sozialdemokratische Partei Italiens wieder mit den Arbeitenden versöhnen. Muss Giorgia Meloni ihre Gegenspielerin fürchten?
Foto: Aleandro Biagianti/ZUMA Press/picture alliance
Aus Rom Michael Braun
Frisch wirkt Elly Schlein, als sie an diesem Sommerabend, kurz vor 19 Uhr, die Buchhandlung Feltrinelli im Zentrum Roms betritt, gesund die Gesichtsfarbe, entspannt ihre Züge. Obwohl ihr ein weiterer Termin bevorsteht, der x-te nach Wochen, in denen die Hoffnungsträgerin der schwachen Linken Italiens quer durchs Land getourt war, vom Veneto hoch im Norden bis runter nach Sizilien. Kommunalwahlkampf eben.
Dennoch hat sich Schlein, Vorsitzende der Partito Democratico (PD), der größten Oppositionspartei Italiens, die Zeit genommen, um bei Feltrinelli ein Buch vorzustellen. Auch Maurizio Landini ist da, Chef der CGIL, des größten traditionell linken Gewerkschaftsbundes Italiens. Die beiden sprechen über ein Buch dreier Autoren aus dem gewerkschaftlichen Lager: Der Titel: „L’Italia che non arriva a fine mese“ (Das Italien, das es nicht bis zum Monatsende schafft).
Da geht es um die seit Jahrzehnten stagnierenden, ja in den Jahren der Inflation seit 2022 real geschrumpften Löhne im Land, um die ausufernden prekären Arbeitsverhältnisse, um die sich weiter öffnende Schere zwischen Arm und Reich. Rund 80 Menschen drängen sich in dem kleinen Saal und oben auf der Galerie.
Einer der Autoren setzt zur Eröffnung gleich den Ton gegenüber Schlein. Er erinnert an die neoliberalen Arbeitsmarktreformen ihrer Partei im Jahr 2015 unter dem damaligen Parteivorsitzenden und Ministerpräsidenten Matteo Renzi. Jene Reformen seien Verrat an den arbeitenden Menschen im Land gewesen, hält der Buchautor der heutigen PD-Vorsitzenden entgegen und legt noch nach. Das kenne man ja aus dem Privatleben: Wer einmal seinen Partner betrogen habe, müsse dann hinterher größte Mühe aufwenden, um die Beziehung wieder zu kitten.
Eben daran versucht sich Elly Schlein gerade. Kaum ergreift sie das Wort, wird deutlich, dass sie das Buch nicht nur gründlich gelesen hat, sondern dass sie dessen Befunde teilt. Auf direkte Nachfrage erklärt sie, Renzis Reform werde sie natürlich sofort rückabwickeln, wenn sie einmal an der Regierung sei. Und immer wieder nickt sie zustimmend, als der Gewerkschaftsboss Landini spricht. An dem Abend wird deutlich: Zwischen Schleins PD und den Gewerkschaftsbund CGIL passt kein Blatt.
Vorbild Pedro Sánchez
Immer wieder nennt sie dabei ein ausländisches Vorbild für die Politik, die ihr vorschwebt. Nein, nicht Lars Klingbeil – sein Name fällt kein einziges Mal –, sondern Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez von der sozialistischen PSOE. Ob die kräftige Erhöhung des Mindestlohns oder die im Dialog mit Arbeitgebern und Gewerkschaften vereinbarte Einhegung prekärer Arbeitsverhältnisse: Sánchez mache einfach linke Politik. Und genau dafür ist Elly Schlein schließlich vor gut drei Jahren zur Parteichefin gewählt worden, in den für Mitglieder und Anhänger*innen offenen Urwahlen, an denen sie, ganz so wie Sánchez einst in Spanien, als Parteiaußenseiterin teilgenommen hatte.
Kaum jemand wettete damals auch nur einen Cent auf Schlein. Gerade hatte die PD die Parlamentswahlen gegen Italiens Rechte unter Giorgia Meloni krachend verloren. Zudem war das Verhältnis der Partei zur zweitstärksten Oppositionskraft, den Fünf Sternen unter Giuseppe Conte, völlig zerrüttet. Es zeichnete sich keinerlei Perspektive für eine geeinte, starke Opposition gegen Meloni ab.
Stefano Bonaccini, damals Präsident der Region Emilia-Romagna und über Jahrzehnte hinweg in der Partei groß geworden, ging daraufhin ins Rennen. Ein Mann, den breite Unterstützung aus dem Parteiapparat trug. Er schien die natürliche Nachfolge an der Spitze der PD. Und Elly Schlein? Die damals 37-Jährige hatte kaum Parteierfahrung, ja sie trat erst im Dezember 2022 wieder in die PD ein, um überhaupt bei den Urwahlen kandidieren zu können.
Politische Erfahrung dagegen hatte Elly Schlein schon reichlich gesammelt. Aufgewachsen ist sie im Tessin, dem italienischsprachigen Teil der Schweiz, als Tochter eines US-amerikanischen Politikprofessors und einer italienischen Juraprofessorin. Nach dem Abitur ging sie zum Studium nach Bologna, wurde dort in studentischen Initiativen aktiv, gründete gemeinsam mit anderen eine Vereinigung, die mit Migrant*innen und mit Strafgefangenen arbeitete.
Ganz nebenher flog sie in den Jahren 2008 und 2012 in die USA, um sich in den Kampagnen Barack Obamas zu engagieren. In Italien startet sie selbst im Jahr 2013 im Verein vor allem mit jungen Mitstreiter*innen aus der PD die Kampagne OccupyPD. Diese protestierte mit der Besetzung zahlreicher Parteibüros dagegen, dass über 100 PD-Abgeordnete bei der Wahl des Staatspräsidenten den Gründervater der PD, Romano Prodi, abgeschossen und so auch den linken Parteivorsitzenden Pier Luigi Bersani zum Rücktritt gezwungen hatten.
In einem Video von damals sieht man Schlein, wie sie gegen „die Kandidaten des Apparats“ wettert. Nur ein Jahr später wurde sie auf der Liste der PD ins Europaparlament gewählt – trat aber schon im Jahr 2015 wieder aus der Partei aus, eben wegen jener vom neuen Vorsitzenden Matteo Renzi durchgesetzten Arbeitsmarktreform.
Elly Schlein ist sich da immer treu geblieben. Wenn sie im 2026 in der Feltrinelli-Buchhandlung gegen Renzis Reform polemisiert, wiederholt sie nur, was sie schon Jahre zuvor vertreten hatte.
Nach ihrer Erfahrung in Brüssel wurde sie zur Spitzenkandidatin der radikal linken Liste Emilia-Romagna coraggiosa (mutige Emilia-Romagna) bei den Regionalwahlen des Jahres 2020. Die Liste holte 4 Prozent und trat als Koalitionspartnerin der PD in die Regionalregierung ein; Schlein übernahm das Amt der Vizepräsidentin, zuständig für Soziales und für Klimapolitik, ausgerechnet unter jenem Stefano Bonaccini, gegen den sie dann im Januar 2023 um den Parteivorsitz kandidierte.
Kein einziges Meinungsforschungsinstitut gab Schlein im Rennen um den Parteivorsitz auch nur die geringste Chance. In einer ersten Runde durften nur die Parteimitglieder abstimmen – und es siegte Bonaccini. Dann aber ging es in die Stichwahl und die ist offen für alle Anhänger*innen der PD. Bei ihnen holte Schlein völlig überraschende 54 Prozent, mit denen sie Parteivorsitzende wurde.
„Wieder einmal haben sie uns nicht kommen sehen“, kommentierte Elly Schlein das. Kaum war sie im Amt, ging auch schon das Gerede los, ob die PD sich wohl spalten werde und wie lange sich diese gleichsam hereingeschneite Vorsitzende überhaupt halten könne.
Eine geeinte Opposition
Den PD-Abgeordneten vom linken Flügel Arturo Scotto wundert das nicht. „Vorher war die PD eine technokratische, bloß auf die Stabilität des Landes orientierte Partei, nicht eine Partei, die sich als Alternative zu den herrschenden Zuständen verstand“, sagt er der taz. Das habe sich kräftig geändert, und geändert habe sich mit Schlein auch das Klima in der PD genauso wie im Mitte-links-Lager.
Arturo Scotto, PD-Abgeordneter aus dem linken Lager
Mal wird Schlein in den Medien als Diktatorin beschrieben, die die PD bloß mit dem engsten Kreis ihrer Vertrauten führt, mal dagegen als machtlose Geisel der Granden aus den verschiedenen Parteiströmungen. „Das sind zwei Bilder, die jeder Grundlage entbehren“, findet Scotto.
Interessant sei doch, dass es unter Schlein keinerlei Abspaltung gegeben habe. Sie sei eine Vorsitzende, „die allen zuhört, auch den alten Parteigranden“, dann aber Kurs halte. Und so sei es ihr, mit Schleins immer vorgetragenen Mantra „hartnäckig für die Einheit“, auch gelungen, links der Mitte eine geeinte Opposition gegen Melonis Rechte aufzustellen. „Mittlerweile kandidieren PD, Fünf Sterne und die radikal linke Liste bei so gut wie allen Regional- und Kommunalwahlen als Allianz“, sagt Arturo Scotto.
Und das mit einigen Erfolgen. Die Opposition konnte der Rechten in den letzten drei Jahren die Regionen Sardinien und Umbrien entreißen, die PD kam bei den Europawahlen 2024 auf beachtliche 24 Prozent, und beim Verfassungsreferendum über ihre umstrittene Justizreform im März 2026 musste Ministerpräsidentin Giorgia Meloni eine herbe Schlappe einstecken.
Dennoch zeigt sich Scotto überzeugt, dass es „immer noch die gibt, in der PD ebenso wie außerhalb, die Elly Schlein absägen wollen“. Mal heißt es, sie sei zu woke. Schließlich macht sie sich regelmäßig auch für LGBTIQ+-Themen stark und ist offen bisexuell. Schließlich hat sie drei Pässe, den italienischen, den US-amerikanischen und den der Schweiz. Dann wieder lautet der Vorwurf, sie sei „zu radikal“, wegen ihrer Positionierung in sozialpolitischen Fragen.
„Ist Pedro Sánchez etwa zu radikal?“, fragt Arturo Scotto zurück. „Dass Elly Schlein eine junge Frau ist, die keine orthodoxe Parteierfahrung hinter sich hat, bringt viele um den Schlaf“, sagt er. Er selbst kann sich Schlein sehr gut als Spitzenkandidatin der Opposition bei den nächsten Parlamentswahlen im Jahr 2027 vorstellen. „Aber das wird kein einfacher Weg, davon bin ich seit dem Tag ihrer Wahl zur Parteichefin überzeugt.“
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