Märkisches Museum: Hundert Jahre Provinz

Der 100. Geburtstag des Märkischen Museums wird mit einem Jubiläumsjahr gefeiert. Den Auftakt macht eine Reise in die Museumskultur von damals - als das Haus noch Schatzkästchen war.

Von der Wand hängt eine Haifischmumie, die Vitrinen quellen über vor Münzen, Suppenterrinen und historischen Schreibgeräten. Hinter Glas glotzt eine ausgestopfte Großtrappe die Besucher an. Der hohe Ausstellungsraum im Märkischen Museum ist vom Parkett bis zur Gewölbedecke voll mit Exponaten aus dem Alltagsleben in Berlin und Brandenburg. Einen roten Faden sucht man vergebens. Die Ausstellung "Gefühlte Geschichte", mit der das imposante Backsteinhaus am Köllnischen Park sein 100-jähriges Bestehen feiert, wirkt auf den ersten Blick etwas zusammengewürfelt.

Alles Absicht, sagt Kurator Kurt Winkler, der auch Sammlungsdirektor des Märkischen Museums ist. Die Präsentationsform habe er gewählt, um an die ursprüngliche Bedeutung des Hauses zu erinnern. Bei der Eröffnung am 3. Juni 1908 in Anwesenheit des Kaiserpaars galt das von Stadtbaurat Ludwig Hoffmann entworfene Haus als Sensation. Als bürgerliches Pendant zur Hochkultur auf der Museumsinsel boten die Räume ein "Stimmungs- und Erlebnismuseum" für jedermann. Über den Raum verteilte historische Fotografien zeigen die Originaleinrichtung: ein Spreewälder Bauernzimmer, eine Fischerhütte und andere "Themenzimmer".

"Hiermit hat alles angefangen." Winkler zeigt auf ein monumentales Ölgemälde im neobarocken Stil, das den Einzug Wilhelms II. durchs Brandenburger Tor darstellt. Die Reichsgründung 1871 war ein Schub in Richtung Metropole: Berlin, damals noch Teil der preußischen Provinz Brandenburg, wurde zum Zentrum der Institutionen. Für die neuen Gründerzeitquartiere wurden massenhaft Alt-Berliner Bauten abgerissen. Geschichtsbewusste Bürger sammelten und archivierten die Bauteile.

"Ab 1850 kam es zu einer regelrechten Museumsgründungswelle", erläutert Winkler. Die aus Geschichts- und Gelehrtenvereinen hervorgegangen bürgerlichen Museen zeigten keine elitäre Kunst, sondern Volkskunde. Im Märkischen Museum gehörte dazu alles, was die heimische Kulturlandschaft prägte: Trachten, Fertigungstechniken und die Flora und Fauna. Die BerlinerInnen stifteten fleißig für die Sammlung, die um 1900 bereits 30.000 Exponate umfasste.

Winkler holt einen Mammutknochen aus der Vitrine, auf dem mit dickem Stift geschrieben steht: "Gefunden in der Wernsdorfer Schleuse 1888". Diese grobe Beschriftungstechnik ist ebenso ausgestorben wie die Funktion des Märkischen Museums als regionale Schatzkammer: Seit den 1950ern ist es nur noch Stadtmuseum. Das ist auch die Crux des Hauses, das vor 100 Jahren ein Publikumsmagnet war: Als Stammhaus der 1995 gegründeten Stiftung Stadtmuseum ist es vom Willen der Kulturpolitik abhängig, die es seit zehn Jahren am ausgestreckten Arm verhungern lässt. Stückweise Renovierungen und strukturelle Fehlentscheidungen machten aus dem einstigen Schatzkästlein ein armes Heimatmuseum.

Das Schicksal des Märkischen Museums ist paradigmatisch für die aus 13 Häusern bestehende kommunale Museumslandschaft, in die weder wechselnde Direktoren noch das Konstrukt einer Stiftung bisher Ordnung bringen konnten. Sammlungsdirektor Winkler ist der Frust anzumerken, zum Jubiläumsauftakt nur eine winzige Schau in einem Raum anbieten zu können - der Rest ist Baustelle oder durch die Dauerausstellung belegt. Diese aufwändiger und überraschender zu gestalten kann er sich finanziell nicht erlauben - bei fast 4 Millionen Objekten im Archiv.

Nach 33 Jahren wird Winkler nun nach Braunschweig wechseln, wo ihn bessere Konditionen erwarten. Dabei hätte er nur noch etwas warten müssen, um zu erleben, wie sich sein Museum zu neuer Größe aufschwingt. Die Kulturverwaltung schaltete 36,5 Millionen Euro für die Fertigsanierung bis 2012 frei. Als zweite Ausstellungsfläche steht ab 2012 das benachbarte Marinehaus zur Verfügung, ein Architektenwettbewerb dazu wird derzeit ausgearbeitet.

Stadtmuseumsdirektorin Franziska Nentwig spricht von einer "kühnen Entscheidung". Es scheint, als ob der seit zwei Jahren amtierenden Dresdenerin ein Befreiungsschlag gelungen ist. Neben dem Umbau des Stammhauses zum "Metropolenmuseum" will sie auch den dringend benötigten Konzentrationsprozess einleiten und sich von wenig beachteten Häusern wie dem Galgenhaus, dem Nicolaihaus oder dem Schloss Friedrichsfelde trennen.

Die in einem alten Plattenbau untergebrachte "Sammlung Kindheit und Jugend" will sie mit der Naturwissenschaftlichen Sammlung zum "Juniormuseum" fusionieren. Und darin die Migrationsgeschichte der Stadt neu erzählen.

Ehrgeizige Ziele. Doch bei der im Juni startenden Jubiläumsschau "Berlin im Licht" wird sich das Museum noch wie gewohnt präsentieren: verwinkelt, leicht marode - und voller zehn Jahre altem Baustellenstaub.

"Gefühlte Geschichte" bis 1. 2. 09,

"Berlin im Licht" ab 24. 6. 08.

Infos: www.stadtmuseum.de

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