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Sieht alles und schweigt (und wäre so eine gute Diskokugel): Berlins Fernsehturm mit morgendlichem Läufer Foto: Christoph Soeder/dpa

Warum die „City of Stars“ aufhört zu scheinen, möchte Ryan Gosling ­herausfinden, 3.353 Tage nach „La La Land“. „Fist my bump“, sagt sein steinerner Weltraumbuddy Rocky und stiehlt mein Herz. Die Finger ­kleben vom Popcorn. Es ist Karfreitag: der Tag, an dem sich die Säkularisierung eine Auszeit gönnt. Und der, an dem mich der Stein aus „Der Astronaut“ zum Weinen bringt – wer hätte das gedacht? Wenigstens weiß ich endlich, warum meine Eltern „E.T.“ so ­lieben.

Zwei Millennials haben den Kinosaal nicht einmal verlassen, da streiten sie bereits darüber, ob der Film denn nun vier oder vier Komma fünf Sterne verdient habe – als würde es sie einzig und allein deswegen ins Kino ziehen, um Letterboxd mit ihrer unfundierten Meinung behelligen können. Alles muss eingeordnet und bewertet werden. Nichts steht für sich. Mit mir strömen Gelächter, der Duft von süßem Popcorn und gelöste Stimmung aus dem Haus.

Unter der Obhut des Fernsehturms, der alles sieht, immer schweigt, reihen sich die Schau- um die Lustigen. Den einen, denen das Schamgefühl irgendwann mal abhandengekommen ist, entschwindet mit krächzender Stimme das musische Handwerk. Den anderen entgleisen die Gesichtszüge zu schelmischen Fratzen, während sie mit so viel ironischer Distanz lautlos mitgrölen, dass es gerade noch so für den nächsten viralen Clip auf TikTok reicht.

Ich schaue nach oben und frage mich, warum man den Berliner Fernsehturm für eine Kunstinstallation nicht mit abertausenden Spiegelkacheln zu einer riesigen Discokugel umbaut. Durch die Blendwirkung würde sicherlich niemand mehr ins Auto steigen. Laut ChatGPT hat meine Idee keinen „klaren funktionalen Mehrwert“. Ich nehme es als Beweis für die menschliche Überlegenheit gegenüber der KI und bahne mir meinen Weg zur U-Bahn.

Die Lichter der Laternen reißen blasse Gesichter aus der Dunkelheit, die so schnell gehen, wie sie kommen. Vor mir eine Gruppe Studenten, die sich ihre Kiefer ausrenken müssen, um der überquellenden Masse Döner beizukommen. Auf den Unterlippen sitzt schaumiger Speichel. Wenn der Mund vom Schlingen doch mal eine Auszeit bekommt, quillt eine sinnlose Wortkette aus ihm hervor. Alles klebt, nichts steht.

Ich setze mich in den freien Vierer daneben und ertappe mich, wie ich dem Gespräch lausche. Nicht, weil ich hoffe, ein Zitat für die Kolumne abgreifen zu können, sondern weil ich in ihm etwas Vertrautes wiederfinde, das ich in den vergangenen Wochen vermisst habe. Acht Wochen in Berlin: Außerhalb des Praktikums bin ich allein. Nicht, dass ich nicht allein könnte. Dennoch konzentriere ich mich darauf, dass die Vorfreude auf all das, was ich vermisse, nicht die Oberhand verliert im Grabenkampf gegen die tückische Einsamkeit: Die befällt erst schleichend und verschlingt einen dann im Ganzen.

Der Morgen danach: Der Schleier der Müdigkeit weicht dem Adrenalin. Mein Blick irrt durch Gesichter, darauf hoffend, irgendwo im Blickkontakt zu verfangen. „Up for adoption“, steht unsichtbar auf meiner Stirn. „Five minutes per kilometer!“, plärrt eine junge Frau den Running Club an, zu dem ich nun auch zähle. Wie von allen Fesseln befreit, kommt ein für die Temperaturen viel zu leicht bekleideter Pulk aus Läu­fe­r:in­nen ins Traben.

Foto: privat

Als würde der Lauf sonst nicht wirklich passieren, starten ihn die Übermotivierten hektisch auf der präferierten Running-App. Statt an eine gleichaltrige Gruppe zu geraten, quetsche ich eine 40-jährige Diplomatin mit Fragen aus. Der unsichtbare Schriftzug auf meiner Stirn verläuft in herunter kullernden Schweißperlen. Alles klebt, nichts steht.

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