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Livealbum von Punkband Bad BrainsDie Spucke klatscht aufs Mikro

Am Rand des Weltuntergangs: Die US-Punkband Bad Brains veröffentlicht mit dem irren Livealbum „Building Babylon at the Bayou“ Aufnahmen von 1980.

Die Bad Brains 1990 in New York Foto: Steve Eichner/wire/getty images

Drängend pocht das Schlagzeug, ebbt ab, nimmt zu, eine Basssaite fetzt, der Puls wird schneller. Die Töne riechen wie verschwitzte Körper. Verzerrte Versatzstücke einer Gitarre, der komplett übersteuerte Verstärker fiept. Nach 1,44 Minuten die Erlösung: ein Schrei, gefolgt von kaum verständlichen, hektisch gebrülltem Gesang. Worte überschlagen sich.

„Bad Brains: Building Babylon Live At The Bayou“ heißt das Livealbum der legendären US-Punkband, welches vor Kurzem veröffentlicht wurde. Eine musikarchäologische Meisterleistung, denn seine Aufnahmen galten als verschollen. Und ein Debüt, denn es ist das überhaupt erste Non-Jazz-Produkt des US-Labels Time Traveler, das sich ansonsten auf die Veröffentlichung historischer Jazzaufnahmen spezialisiert hat.

Gemastert wurden die historischen Klangdokumente vom Produzenten Don Zientara, bekannt für sein Wirken im Studio Inner Ear, in dem er die Punkszene von Washington, etwa Fugazi und Minor Threat, aufnahm. Und so erklingen auf dem Doppelalbum zwei der frühsten Liveauftritte der Hardcore-Punkband aus Washington DC, die als eine der wenigen Schwarzen Gruppen die Szene in den 1980er und 90er Jahren entscheidend prägte.

Die Aufnahmen entstanden zu einer Zeit, kurz bevor die Band wegen eines Auftrittsverbots aufgrund von Ausschreitungen bei einem Konzert von ihrer Heimatstadt 1980 nach New York umziehen sollte – also noch vor der Veröffentlichung ihres Debütalbums 1981.

Das rohe Gefühl

Nun schrabbeln die Sounds tatsächlich wie frisch aus der Zeitkapsel gepult aus den Lautsprechern. Gleich beim zweiten Song „P.M.A“, der da noch „Attitude“ betitelt ist, bricht die Aufnahme ab, kurze Aussetzer verstärken das rohe Gefühl, als würde die Plattennadel springen. „Don't care what they may say/ We got that attitude!/ Don't care what you may do/ We got that attitude“, hechelt Sänger H.R. ins Mikrofon. Alles ist schnell, produktiv-aggressiv. Da ist sie, die Attitüde. Das Publikum pfeift und johlt.

Erst beim fünften Track „The Man Won’t Annoy Ya“, klingt der durchhängende Off-Beat von Reggae durch, für dessen Einflüsse die Band und ihr Rastafari-geprägter Sänger Paul Hudson alias H.R. auch bekannt wurden.

Nun ist früher eben nicht alles besser gewesen und der Rastafarianismus bekanntermaßen in seinen konservativen Auslegungen misogyn und homophob: zwei Vorwürfe, mit denen die Band Zeit ihres Bestehens immer wieder konfrontiert wurde. Ersterer klingt bei „Live at the Bayou“ jedoch eher harmlos im Kontext der Zeit, wenn H.R. mit mackeriger Langeweile „No, the man yah, he won’t annoy ya. But a little Betty will“ intoniert.

Bad Brains: „Building Babylon at the Bayou – Live“ (Time Traveler Recordings)

Öffentliche Entschuldigung

Von der Homophobie der Band, die Ende der 80er im Song „Don't Blow Bubbles“ gipfelte, der weithin als Beleidigungen bezüglich schwuler Sexpraktiken, Aids und Drogenkonsum interpretiert wurde, und für den Bassist Darryl Jenifer und Gitarrist Dr. Know sich später öffentlich entschuldigten, ist auf den frühen Aufnahmen glücklicherweise nichts zu hören.

Den zwei Konzertaufnahmen ist es zu verdanken, dass sich einige der Songs in doppelter Fassung finden, so auch der Klassiker „Right Brigade“, in der 1981-Version mit deutlich längerem Gitarrensolo. Wie die irrsinnige Performance der Band dazu auch im „Bayou“ ungefähr ausgesehen haben muss, ist gut nachvollziehbar in der ebenfalls 1980 erschienenen knapp 25-minütigen Doku „Bad Brains at CBGB: My Picture in your Movie Baby“, gefilmt von der französischen Künstlerin Nicola L.

Es bereitet große Freude, die Konzerte 45 Jahre später im eigenen Wohnzimmer zu besuchen: Der so schnell gespielten Coverversion von Black Sabbath' Signatursong „Paranoid“ zuzuhören, wirkt, als hätte man den Plattenspieler versehentlich auf 45 Umdrehungen gedreht. Den mit dumpf-halligem Dubbeat vorgetragenem Song „Many Changes In Life“ zu entdecken – bis jetzt unveröffentlicht –, ist eine Offenbarung.

Und in dem anderthalb minütigen „free-fire guitar rage“ zu versinken, als das das US-Musikmagazin Trouser Press einst „Pay To Cum“ bezeichnete, allererste Single der Bad Brains überhaupt, bereitet diebisches Vergnügen.

Die polemische Frustration der Songtexte

Überhaupt den Songtexten zu lauschen. Und mit kleiner Wut festzustellen, wie aktuell sie heute wieder sind, wenn H.R. bei „The Big Takeover“ voll polemischer Frustration folgende Zeilen ins Mikrofon schleudert: „ All throughout this so-called nation/ Prepare yourself for the final quest/ The world is doomed/ with the desegregation/ Just another Nazi test/ So understand me when I say, There’s no hope for this USA/ your world is doomed with our own interrogation, Just another Nazi test“.

Immer härter drischt Earl Hudson auf sein Schlagzeug ein, immer erbitterter hört man die Spucke aufs Mikro klatschen. Immer erschöpfter klingt der Gesang und auf dem Cover schlägt der Blitz ins Capitol.

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