Literaturtheoretiker Terry Eagleton: Tod, Tragik, Opfer

Der marxistische Literaturtheoretiker Terry Eagleton denkt über religiöse Opfer nach – und landet schließlich bei der Revolution.

Italien, Pavia: Ärzte arbeiten auf der Intensivstation des San Matteo Krankenhauses, auf der ein Patient stationiert ist, der positiv auf das Coronavirus getestet wurde.

Opfer, Quasimärtyrer: Ärzte arbeiten auf der Intensivstation des San Matteo Krankenhauses in Pavia Foto: dpa

In unsicheren Zeiten verlässt man sich gern auf Autoren, bei denen man weiß, was man bekommt. Das gilt auch für den marxistischen Literaturtheoretiker Terry Eagleton, der inzwischen über 40 Bücher publiziert hat und sein neues Buch dem Opfer widmet. Er nimmt sich damit eines Themas an, das nicht sonderlich weit oben auf der Liste linker Theoriebildung steht.

Eagleton selbst beschäftigt sich nicht zum ersten Mal mit Themen wie Tod oder Tragik. Was recht ungewöhnlich sein mag für einen Marxisten: Er widmet sich in „Opfer“ ausführlich dessen judäo-christlichem Verständnis. Sein Ziel ist es, den „radikalen Kern“ der Praxis aus ihrer „mystischen Hülle“ zu schälen. Opfer, das ist Geschenk, Gebet, Gemeinschaft, die Tilgung von Schulden. „Das Opfer beginnt als Versuch, einen wilden Gott zu besänftigen, und gipfelt im Ruf des faschistischen Vaterlandes mit seinen nekrophilen Riten und Zeremonien der Selbstaufopferung.“

Von den religiösen Texten wandert Eagleton ins Feld der Philosophie und der Literaturwissenschaft, wo er alle erdenklichen Varianten des Nachdenkens über das Opfer zitiert. Das ist ein lockeres, assoziatives Treiben von einem Denker zum nächsten. Und liest sich unterhaltsam, vor allem in den Nebensätzen: „Jacques Derrida zum Beispiel vertritt die seltsame Ansicht, dass der Akt des Gebens durch Gegenseitigkeit ruiniert wird. […] Weihnachten hätte man nicht gerne im Derrida-Haushalt verbracht.“

Trotzdem hat man den Eindruck, nicht ganz zu verstehen, worauf der Autor nun eigentlich hinauswill. Wir haben es daher mit dem eigentümlichen Fall eines Buches zu tun, das gelungen und nicht gelungen ist. Gelungen in dem Sinne, dass es die wichtige Frage nach der Logik des Opfers stellt.

Opfer im Sinne von Quasimärtyrer

Völlig unverhofft hat Eagleton ein Buch über das Opfer just in dem Moment geschrieben, in dem permanent die Rede davon ist. Und zwar im Sinne des Quasimärtyrers in Form der unermüdlichen Pflegekräfte und Ärzte, die ihre Gesundheit, ja ihr Leben aufs Spiel setzen, weil sie in nicht adäquater Schutzkleidung arbeiten.

Terry Eagleton: „Opfer“. Aus dem Englischen von Stefan Kraft. Promedia Verlag, Wien 2020, 176 Seiten, 19,90 Euro

Eagleton jedenfalls löst die Idee des Opfers aus dem religiösen Raum, wo es entweder Sündenbock oder Märtyrer meint, und überblendet es mithilfe psychoanalytischer Theorie: „Wenn die Götter Opfer verlangen, machen sie sich lustig über uns. Denn sie wissen, dass wir sie nicht besänftigen können, weil das Über-Ich sich in seinem Sadismus bewusst ist, dass das Ich nie mit seinen erbarmungslosen Diktaten mithalten kann.“

Das führt durchaus zu interessanten Perspektiven. Warum muss man dann also von einem Text sprechen, der ebenso nicht gelungen ist? Man fragt sich eben, wie sich all die klugen Gedanken mit marxistischer Theoriebildung überblenden lassen. Denn, das ahnt man, darum geht es ihm. Die Frage stellt man sich über knapp 150 Seiten hinweg.

Revolution als moderne Version des Opfers

Viel mehr als ein oder zwei Marx-Zitate werden auf diesem Wege nicht eingeflochten. Aufgeklärt wird man dann erst auf der letzten Seite, im letzten Satz. Und darin beweist Eagleton echte Chuzpe. Der Satz nämlich, Spoiler-Alarm, lautet: „So gesehen ist die Revolution eine moderne Version dessen, was in der Antike als Opfer galt.“

Das kommt dann doch so unvermittelt, hinterlässt so viele Fragen, dass man an dieser Stelle weiterlesen, weiterdenken möchte. Nun, das Nachdenken verbietet sich dem Leser natürlich nicht. Trotzdem bricht das Buch an der falschen Stelle ab.

Jesus, den Eagleton zuvor bereits als radikalen Revolutionär deutete, richtete seine Botschaft an die Armen. Sie, die am Rande stehen, werden zum Zentrum seiner Wahrheit. Ihre Armut ist Anklage des bestehenden Systems, dessen Kern sie (interessante Aporie) zugleich bilden.

Was hilft? Eine Revolution nach Jesu Vorbild? Eine Vertreibung aus dem Tempel! Aber Jesus starb eben am Kreuz; er wurde geopfert. Nicht von Gott, sondern von jenen, die den Fortbestand des Systems, das seine Kreuzigung befahl, sichern wollten. Was das nun für eine marxistische Revolution bedeutet?

Vielleicht sollte Eagleton es in ­seinem nächsten Buch, dem 42., erläutern.

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