Libanesische Musikerin Yasmine Hamdan

„Ich bin eine politische Sängerin“

Yasmine Hamdan ist eine Ikone des arabischen Pop-Undergrounds. Ein Gespräch über Schönheit, Schubladen – und Donald Trump

Eine Frau, Yasmine Hamdan

Inzwischen in Paris zuhause: Yasmine Hamdan in ihrer alten Heimat Beirut auf dem Balkon Foto: Tania Feghali

taz: Frau Hamdan, Ihr neues Album klingt verträumt und versponnen. Wollten Sie bewusst einen Kontrapunkt setzen zu den Härten unserer Gegenwart?

Yasmine Hamdan: Ja, der Sound ist sehr ätherisch, es ist etwas Zartes an vielen der Songs. Ich habe das Gefühl, dass wir alle etwas mehr Zärtlichkeit brauchen auf dieser Welt. Die Dinge entwickeln sich in einer verrückten Geschwindigkeit, die Welt verändert sich sehr schnell.

Der Titelsong „Al Jamilat“ („die Schönen“) geht auf ein Poem des palästinensischen Dichters Mahmoud Darwish zurück. Warum haben Sie gerade dieses Gedicht vertont?

Weil ich seine Gedichte liebe. Und dieses Gedicht handelt von Schönheit und von Weiblichkeit, von Unvollkommenheit, von Widersprüchen und von Vielfalt. All diese Dinge sind bedroht – von Menschen, die Eindeutigkeit und Einförmigkeit suchen

Warum ist das so?

Ich weiß es nicht. Diese Leute verleugnen die Realität. Wir sind alle unvollkommen. Es gibt keine Perfektion, alles ist ständig im Wandel. Ich denke, wir sind uns oft nicht über die Tatsache bewusst, dass alles vergänglich ist. Wir wissen nicht mal, wer wir selbst in zehn Jahren sein werden.

Im Libanon wurde Yasmine Hamdan mit dem 1997 gegründeten TripHop-Duo Soap Kills bekannt. In Beirut geboren, ist sie aufgrund des Bürgerkriegs in Kuwait, Abu Dhabi und Griechenland aufgewachsen. Mit ihrem Mann, dem palästinensischen Filmemacher Elia Suleiman, lebt sie heute in Paris. 2012 erschien ihr Solo-Album „Ya Nass“, und sie trat in Jim Jarmushs Vampir-Film „Only Lovers Left Alive“ auf.

Malen Sie sich deshalb in Ihren Songs gerne andere Welten und Realitäten aus?

Ja, ich stelle mir gerne mysteriöse Figuren in bestimmten Situationen vor. Die Protagonisten meiner Songs besitzen stets eine eigene Geschichte, die in meinem Kopf sehr lebendig wird. Es hat mir immer gefallen, Charaktere zu entwerfen, die obskur oder widersprüchlich sind. Sie sind ein Teil von mir, den ich ins Extrem treibe. Damit ist immer eine Haltung verbunden, ob ironisch oder dramatisch.

Sie singen viel über Gefühle. Würden Sie sich als eine politische Sängerin bezeichnen?

Ich denke schon, dass ich eine politische Sängerin bin. Kunst ist politisch, und als Künstler bewegst du dich in einem politischen Umfeld. Man hat eine Stimme, und die Leute hören dir zu, und entweder man spricht die Dinge direkt an oder man macht es subtiler.

Ist es schon ein Politikum, eine arabische Sängerin zu sein?

Ich habe eine Menge Fragen, was meine Herkunft angeht, und was ich angesichts der gegenwärtigen Situation empfinde. Das ist Teil meiner Arbeit und ein Grund, warum ich Musik mache. In meinen Songs spreche ich, zumindest indirekt, über meine Beziehung zu dieser Region, aus der ich stamme.

Ihre Musik entzieht sich gängigen Schubladen. War das ein Problem, sich damit künstlerisch durchzusetzen?

Als ich mit meiner Band Soap Kills anfing, hat es mich wirklich schockiert, mit den Vorstellungen konfrontiert zu werden, die sich andere Leute davon machten, was arabische Musik sein soll oder was eine arabische Frau tut. Ich dachte, ich könnte ich selbst sein. Aber ich musste feststellen, dass ich Erwartungen entsprechen musste – im Libanon wie in Frankreich. Zum Glück hatte ich viele Verbündete auf meinem Weg. Aber es war nicht immer leicht.

Sie leben seit einigen Jahren in Frankreich. Wie empfinden sie die Situation dort?

Frankreich trägt schwer an seiner kolonialen Vergangenheit, aber es geht diesem Thema lieber aus dem Weg. Wie in vielen Ländern machen sich die Leute vor, dass sie damit nichts mehr zu tun haben. Die Europäer vergessen gerne, dass sie Waffen nach Saudi-Arabien verkaufen und dieses Land seinen Wahhabismus in alle Welt exportiert. Und man kann nicht die Augen davor verschließen, dass es Generationen von Kindern gibt, denen es an Chancen mangelt, weil sie den falschen Namen tragen oder aus dem falschen Viertel stammen. Das hängt alles miteinander zusammen.

In den Vorstädten gab es im Februar aufgrund von Polizeigewalt tagelange Unruhen. Wie explosiv ist die Stimmung?

Ich habe nichts gegen die Polizei. Aber ich habe Freunde, die sind schwarz oder arabischer Herkunft, und sobald sie aus der Tür treten, werden sie von der Polizei belästigt. Mir ist das auch vertraut. Wann immer ich mit meinem libanesischen Pass eine Grenze passiere oder ein Visum beantrage – immer hat man das Gefühl, als sei man ein potenzieller Verdächtiger. Wenn es für die jungen Leute aus den Vorstädten mehr Jobs gäbe, dann würde das die Spannungen sicher lindern.

In Städten wie Paris bestimmt das Geld und die Herkunft, in welchem Viertel man lebt.

Klar, diese Segregation provoziert ein Gefühl der Ungerechtigkeit. Und das Leben wird immer teurer. Also arbeiten die Leute mehr und mehr, und haben immer weniger Zeit, mit sich selbst in Kontakt zu treten, nachzudenken und sich eine Meinung zu bilden. Darum lassen sie sich von anderen sagen, was sie denken sollen. Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir zu reinen Konsumenten herab gesunken sind. Aber auf der geistigen und spirituellen Seite herrscht ein Vakuum – und das ist gefährlich.

Ist Donald Trump ein Symptom für diese Krise?

Es ist völlig klar, dass dieser Typ Probleme bereiten wird. Er stachelt den Hass an und gibt anderen schlechten Typen damit einen Grund, sein Land noch mehr zu hassen. Die Leben von so vielen Menschen werden ruiniert, das ist so traurig.

Positiv gesprochen könnte man sagen: Auch das wird vorübergehen, oder?

Es ist immer ein Zyklus. Aber das heißt nicht, dass in der Zwischenzeit nicht viel kaputtgehen kann. Und alles hat Folgen. Was jetzt passiert, hat Auswirkungen auf das, was in fünf oder zehn Jahren sein wird.

Sie glauben nicht an gesellschaftlichen Fortschritt?

Ich komme aus einer Weltgegend, wo man sich nicht allzu viele Illusionen macht. Ich habe Hoffnung, aber ich weiß, dass sie enttäuscht wird. Ein Freund, der im Januar verstorbene Schriftsteller John Berger, sagte einmal: Ich habe Hoffnung, aber mit einem verwundeten Auge. Das beschreibt meine Empfindung. Die Menschheit hat etwas Selbstzerstörerisches an sich.

Was gibt Ihnen Hoffnung?

Liebe, Schönheit, die Natur.

Gibt Kunst Ihnen Hoffnung?

Kunst vollbringt keine Wunder. Aber sie ist ein Same, sie bringt Hoffnung und Licht. Wenn ich Musik höre, hat das eine heilende Wirkung auf mich. Ich denke, dass Kunst die Menschen herausfordern und inspirieren kann, bessere Menschen zu werden und mit anderen Menschen in Verbindung zu treten. Ob Kunst, Musik, Literatur – letztlich geht es um Liebe.

.

Jeden Monat die beste Playlist der Welt! Ausgewählt von der taz-Musikredaktion

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de