Lernkultur & Optimierungsdruck

„Es gibt mehr Angst als früher“

Sollen sich Eltern um die beste Schule für ihr Kind bemühen? Ja, sollen sie, sagt der Bildungsaktivist Reinhard Kahl - aber nicht nur auf die Noten schauen.

"Eltern sind die unterschätzten Akteure in der Bildung", sagt Reinhard Kahl. Bild: David Ausserhofer

taz: Herr Kahl, wenn Eltern eine Schule für ihr Kind auswählen – worauf sollten sie achten?

Reinhard Kahl: Auf ihr Kind sollten sie achten. Zum Beispiel, ob es eine Schule ist, in der auch die anderen Kinder aus der Kita gehen. Kinder sollten ihre Freundschaften fortsetzen können.

Das ist bei der weiterführenden Schule vielleicht schwierig.

Das ist auch nur ein Aspekt. Eltern sollten darauf achten, wo Kinder willkommen sind, wo es gute Räume gibt, wo die Erwachsenen die Kinder auch mögen. Dass es nicht eine Schule ist, in der nur das „Durchkommen“ wichtig ist, in der Lehrer den Stoff nicht nur durchnehmen und die Kinder den auswendig lernen, um ihn gleich wieder zu vergessen. Sondern Schulen, in denen es um die Anverwandlung der Welt geht. Eigentlich gibt es eine wunderbare Parole von Heraklit, die François Rabelais in der Renaissance wieder aufgenommen hat: „Kinder wollen nicht wie Fässer gefüllt, sondern wie Flammen entzündet werden.“

Wie können Mütter und Väter das bei einem Info-Tag feststellen? Damit sind sie doch überfordert.

Eltern müssen sich klar machen, was der Schulwechsel für ihr Kind bedeutet. Das ist eine Mindestanforderung. Es ist ein guter Anlass darüber nachzudenken, was für eine Umgebung schaffe ich für mein Kind? Sie sollten auf ihr Gefühl achten, auf den berühmten ersten Eindruck der ersten 30 Sekunden. Ist das alles klinisch, steht da, wenn es hochkommt, ein Kakus auf dem Tisch. An vielen Schulen herrscht immer noch ein stiller Bürgerkrieg.

Was meinen Sie mit „Bürgerkrieg“?

Dass eine Tradition fortgeführt wird, in der Lehrer die Kinder nicht willkommen heißen, sondern den Kindern mit der Haltung begegnen: Auf dich hab ich grad noch gewartet. Das ist der alte deutsche Bildungskrieg. An englischen oder amerikanischen Schulen wird man das nicht finden. So haben die meisten Eltern zwei Seelen in ihrer Brust. Sie haben Schule eher unglücklich erfahren und wollen nicht, dass ihr Kind das gleiche durchleidet. Auf der anderen Seite sagen sie auch: mein Kind soll gut durchkommen. Aber vor allem haben sie Angst, aus ihren Kindern könnte nichts werden. Dann glauben sie im Zweifelsfall, geschadet hat es uns ja auch nicht.

66, gründete 1967 in Göttingen eine antiautoritäre Schülergruppe und war später Vorsitzender des Aktionszentrums unabhängiger und sozialistischer Schüler. Der Erziehungswissenschaftler gewann als Journalist und Filmemacher zahlreiche Preise (Grimme, Civis, Human Award und Vision Award). Er gründete das Archiv der Zukunft (www.archiv-der-zukunft.de) aus dem das gleichnamige Netzwerk hervorging. Lebt in Hamburg, wo er regelmäßig das "Philosophische Café" moderiert, sowie in Höhbeck (Kreis Lüchow-Dannenberg).

Das klingt schwierig. Sind Eltern dann nicht völlig hilflos?

Nein. Eltern sind die unterschätzten Akteure in der Bildung. Nicht nur, dass nach manchen Studien das, was sie für ihre Kinder bewirken, stärker durchschlägt als die Schule. Sie sind inzwischen der stärkste bildungspolitische Akteur. Sie können sich mit anderen Eltern besprechen und dann die Schulen wählen, die institutionellen Eigensinn bewahren.

Und das bedeutet?

Sie können eine Schule suchen, in der das Hauptfach nicht Durchkommen heißt, sondern Kultur. Solche gibt es ja – wenn auch zu wenige. Natürlich werden damit die Probleme unseres zuweilen perversen Schulsystems nicht gelöst. Aber von Eltern könnte ein anderer Sog ausgehen als ihrerseits nur aufs Irgendwie-Durchkommen zu setzen und damit die Abwärtsspirale einer Schule, in der am Ende den meisten Schülern alles egal geworden ist, noch zu unterstützen.

Am Ende wollen dann alle auf die eine tolle Reformschule. Ist es nicht grundsätzlich falsch, wenn Eltern die beste Schule für ihr Kind suchen? Sollte nicht auch jede Schule um die Ecke gut genug sein?

Es wär besser, wenn wir ein System hätten, in der jede Schule „good enough“ ist, wie die Engländer sagen. Das ist etwas, was man in Finnland findet oder in Schweden. Jemand wie Andreas Schleicher (Erfinder der Pisa-Studie, Anm. d. Red.) sagt, in Finnland ist jede Schule ganz gut. Dafür lässt er Daten sprechen. In Deutschland sind die Schulen aus Pisa-Sicht extrem unterschiedlich.

In Finnland und Schweden wurden ja auch die Weichen anders gestellt. Dort gibt es seit den 70er-Jahren die Gemeinschaftsschule.

Das stimmt. In Deutschland wurde diese Chance verpasst. Mit dem Elternwahlrecht haben sie dieses hoch merkwürdige deutsche gegliederte Schulsystem noch mal pervertiert. Die ehemalige Eliteschule, das Gymnasium, ist zur Schule der Mehrheit geworden. Es ist quasi die Gesamtschule für die bessere Hälfte, die bald auf zwei Drittel anwachsen könnte. Diese Grenze ist in manchen Quartieren längst schon überschritten. Und die Gemeinschaftsschule, die überall auf der Welt die Regel ist, droht die Restschule zu werden für die, die es aufs Gymnasium nicht schaffen.

Und zugleich sollen Eltern immer wieder losziehen und für ihr Kind die beste Schule suchen, die ihr Kind optimal individuell fördert. Ist das nicht ein Dilemma?

Es ist ein Dilemma. Aber Eltern sollten sich nicht schuldig fühlen. Sie müssen sich diese Gedanken machen.

Besteht hier nicht ein Optimierungsdruck? Motto: Eltern, macht das Beste aus eurem Kind!

Es kommt darauf an, was ich unter fördern verstehe. Es ist doch richtig zu gucken, was bringt ein einzelner Mensch mit, was ist seine Passion.

Ein Studienberater sagte jüngst bei einem Vortrag vor Eltern, die Kinder seien ja heute alle so breit musisch und künstlerisch gefördert. Manches sollte besser Hobby bleiben. Wird die elterliche Mühe nicht gewürdigt?

Auch auf die Eltern wird Marktdruck ausgeübt. Die Angst der Eltern, dass aus ihren Kindern nichts wird, ist gestiegen. Aus der Vogelperspektive gesehen, wird der Gesellschaft Produktivität entzogen, weil die Menschen in dem, was ihnen wichtig ist, nicht besser werden, sondern danach vorgehen, was muss ich machen, um durchzukommen. Das geht so weit das Studierende einem Professor sagten, reden Sie nicht lange, sagen Sie gleich, was Sie prüfen. Das lernen wir.

Es gibt auch Schulleiter die klagen: „Früher kamen die Kinder einfach so. Heute müssen wir PR machen.“

Ausweichen in PR ist eine schwache Lösung. Geringe Anmeldezahlen sind auch eine Chance dafür, dass Schulen sich verändern. Zum Beispiel wenn die Schule sagt, wir verabschieden uns von dem, was ich als „Bulimie-Lernen“ bezeichne. Der Hirnforscher Gerhard Roth hat festgestellt, dass die meisten fünf Jahre nach der Schule das meiste dort Gelernte vergessen haben. Schulen könnten sagen: Wir haben nicht 14 Fächer in der 9. Klasse und konzentrieren uns nicht darauf, den ganzen Stoff durchzunehmen.

Sondern?

Sondern wir sorgen dafür, dass etwas hängen bleibt und prüfen, was die Schüler ein Vierteljahr später noch wissen.

Wie macht eine Schule das?

Indem sie keine nachgeordnete Behörde mehr ist, die bloß den Lehrplan erfüllt. Endlich Abschied von der Lehrplanwirtschaft nehmen. Ich erinnere nur daran: In Finnland begann die Bildungserneuerung damit, dass die dicken, mehrbändigen Lehrpläne, die niemand las, durch eine Broschüre ersetzt wurde, die heute alle kennen.

Sie beobachten und kommentieren seit vielen Jahren die Bildungslandschaft. Hat sich Schule schon verändert?

Ja und nein. Es gibt immer mehr, die aus ihrem Unterricht etwas machen. Auf der anderen Seite gibt es heute mehr Angst als früher. Und am Ende steht auf jeden Fall das Abitur. Es nicht zu machen, ist ein Makel. Das ist fatal für die Minderheit, die kein Abitur hat. Der Druck lastet aber auch auf den 60 Prozent, die es schaffen. Man muss eine Eins vor dem Komma haben, um Psychologie zu studieren.

Aber haben nicht auch normale Staatsschulen neue Lernformen eingeführt?

Das stimmt, aber teilweise wird dies auch pervertiert. Wer zum Beispiel Kompetenzen in Kompetenzrastern erfasst, ist schon bald wieder beim Lückentest. Teilweise wurden die Begriffe ausgetauscht, aber nicht die Haltung geändert. Es geht darum, ob Schulen Gasthäuser des Lernens sind – oder Exerzierplätze. Dass Schüler nicht schon in der 6. Klasse sagen, hoffentlich hört das bald auf. Da fordern Mütter G 9 für ihre Kinder, und die Kinder sagen: Um Gottes Willen, nicht noch ein Jahr länger.

Was kann Politik besser machen?

Den Druck raus nehmen, nicht bloß auf äußere Performance starren. Wenn es zum Beispiel heißt, dass Hamburgs Stadtteilschüler teils schwach in Mathe sind, dann wird jetzt darauf geachtet, dass die Testergebnisse besser sind. Nicht darauf, dass sie besser Mathe können und dies auch nach fünf Jahren noch wissen. Aber darauf kommt es bei guter Schule an.

Den ganzen Schwerpunkt zum Thema Schule lesen Sie in der taz.am Wochenende oder hier.

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