Lena Stoehrfaktor über Zuversicht: „Mag keine einfachen Antworten“

Die Berliner Rapperin Lena Stoehrfaktor bleibt radikal zuversichtlich. Ein Gespräch über Musik, die Wichtigkeit sie zu machen, über Radikalität und Empathie.

Lena Störfaktor steht auf einer Baustelle

Lena Stoehrfaktor will die Welt ein Stückchen besser machen. Dafür kommt sie auch auf's taz lab Foto: d.Nietze

taz lab, 19.01.2023 | Von ALISA ISABELLA NEUGEBAUER DA SILVA SARMENTO

taz lab: Lena Stoehrfaktor, Krieg in der Ukraine, die Klimakrise und jetzt die Räumung in Lützerath. Was löst das in Ihnen aus?

Lena Stoehrfaktor: Überforderung. Weil das alles schlechte Nachrichten sind, aber mein Einfluss darauf nicht besonders groß ist. Wenn ich mich damit auseinandersetzte, denke ich: „Scheiße, wie soll das enden?“ Ich versuche dann wahlweise mich noch mehr damit zu beschäftigen oder es zu verdrängen. Ich habe schon Zukunftsängste.

Dazu kommen die Ängste, die ich sowieso schon habe. Als neoliberale Menschen im Spätkapitalismus müssen wir zusehen, wie wir unsere Existenzgeschichten sichern. Sich dann noch politisch zu aktivieren, löst in mir meist eine große Überforderung aus. Aber es ist schade, dass es in Lützerath nicht funktioniert hat, beim Hambacher Forst hat es ja auch geklappt.

Wie blicken Sie in die Zukunft?

Auch mit Angst und Überforderung. Ich habe das Gefühl, dass sich alles immer weiter zuspitzt. Das hat es auch schon vor zehn oder zwanzig Jahren und ich möchte nicht denken, dass alles immer schlimmer wird, aber es wirkt schon so.

Was bedeutet Zuversicht für Sie?

Lena Stoehrfaktor mit weißem Hoodie

Lena Stoehrfaktor, Jahrgang 1984, ist Rapperin aus Berlin. Sie "lebt Alternativität und Untergrund" (laut.de), und rappt unabhängig, system- und gesellschaftskritisch. Auf dem taz lab spricht sie mit uns u.a. über Radikalität. Foto: Andreas Domma

Es ist schwierig, zuversichtlich zu sein, wenn die Leute alle durchdrehen, wenn sich irgendwo immer schlimme Szenarien abspielen und dann kommt noch das weltpolitische Denken dazu. Manchmal möchte ich nur denken: „Rette sich, wer kann“. Aber für mich ist wichtig, dass Menschen sich supporten. Das gibt mir Hoffnung.

Wenn ich sehe, dass es viele aktivistische Menschen gibt, die sich solidarisieren. Ich zähle auf keinen Fall auf irgendwelche Regierungen, die irgendwelche Lobbys unterstützen oder einzelne Politiker*innen, die auch nur ihre Macht sichern wollen. Ich zähle auf „normale Menschen“, die keine Machtfantasien verfolgen. Warum wollen die Menschen so expandieren? Das ist das Übel dabei.

Wenn Menschen noch mehr Macht haben und diese statt sie zu verkleinern noch mehr ausweiten und nicht darauf achten, dass es den Menschen gut geht. So bekommen die Arschlöcher immer mehr und die bescheidenen Menschen müssen schauen, wo sie bleiben.

Ihre Texte sind sehr direkt und haben eine Radikalität, die Sie bewusst wählen. Was möchten Sie damit bewirken?

Ich möchte, dass sich Menschen nicht mit zu wenig zufrieden geben. Ich wünsche mir, dass sie anfangen, sich Gedanken zu machen. Ich mag keine einfache Lösungen und Antworten. Das bedeutet, dass sie lernen sich in andere Menschen reinzuversetzen und nicht immer nur an sich selber denken. Empathisch sein gehört für mich einfach dazu. Ich werde immer radikal sein, bis dies erreicht ist. Ich möchte den Leuten richtig auf dem Kopf rumhämmern, dass sie sich nicht zufriedengeben mit Konsum und kleinen Statements.

Ich denke radikal und will, dass andere Menschen auch damit anfangen. Oft fehlen mir Gesprächspartner*innen, weil sie mir zu wenig radikal erscheinen. Trotzdem ist mir der Austausch mit Anderen mit am wichtigsten. Ich unterhalte mich auch gerne mit Menschen, die eine andere politische Meinung haben. Ich möchte, dass Leute anfangen weiterzudenken und das geht nur, wenn du Leute provozierst und nicht, wenn du sie zufrieden stellst mit dem, was sie erwarten.

Haben Sie vor Kurzem ein Moment erlebt, der Ihnen Zuversicht in Bezug auf die Zukunft gegeben hat?

Ja. Ich habe Leute getroffen, die im direkten Umgang solidarisch sind und die spannende Projekte und coole Sachen machen. Wenn ich mich alleine fühle oder Zukunftsängste habe, treffe ich Leute, die empathisch sind. Diese Menschen wollen die Welt mitgestalten. Das gibt mir dann immer Zuversicht für die Zukunft.

"Ich möchte, dass Leute anfangen weiterzudenken. Das geht nur, wenn du Leute provozierst – und nicht, wenn du sie zufrieden stellst mit dem, was sie erwarten."

Auch sehr cool, dass junge Leute sich ganz neue Gedanken zu Genderthemen machen und sogar mich überholen mit ihrer revolutionären Sicht auf Geschlechterthemen. Wenn Leute herzlich sind, aktivistisch sind und das machen, was sie für wichtig halten, wenn sie miteinander korrekt umgehen, nicht nur um sich selbst kreisen und mit dem Finger auf andere Menschen zeigen, sondern versuchen, die Welt besser zu machen, dann finde ich das super.

Was ist Ihnen wichtig, wenn Sie an die Zukunft denken?

Wir müssen den Kapitalismus überwinden, versuchen global und solidarisch zu denken und zu schauen, dass wir das System stürzen, beziehungsweise verändern können: Es selbst zu gestalten, wie wir es haben wollen. Nicht nur für eine Schicht zu denken oder aus der Perspektive der westlichen Welt, sondern zu schauen, wie es für alle funktionieren kann.