Lehmanns Bildungs-Lüge: Keine Nachteile an Grundschulen

Bildungsforscher Lehmann hat ganz schön geschummelt: Gymnasium ab Klasse 5 macht nicht schlauer - Grundschulen schneiden im Schnitt besser ab.

icht das Gymnasium ab der fünften Klasse macht die Kinder schlauer - sondern die Eltern, die sie dorthin geschickt haben. Bild: ap

BERLIN taz Als Held der erfolgreichen Attacke wird Prof. Dr. Dr. Dr. h.c Rainer Lehmann nicht in die Geschichte eingehen. Seit beinahe zwei Wochen reitet der Mann eine Attacke nach der anderen auf die sechsjährige Grundschule in Berlin. Im Gymnasium erarbeiteten sich die Schüler der Klassen fünf und sechs eine Vorsprung von zwei Lernjahren gegenüber den Grundschulen, sagte Lehmann. Ja, er ging sogar noch weiter: Pisa habe die Deutschen hinters Licht geführt, denn die Schule sei gar nicht so ungerecht. So die steile These.

Die "Element"-Studie vergleicht die Leistungen der Berliner Grundschüler in der fünften und sechsten Klasse mit den Leistungen derjenigen Schüler, die bereits nach der vierten Klasse an ein Gymnasium wechseln. Die Studie hat der Berliner Senat bei Bildungsforscher Rainer Lehmann in Auftrag gegeben, der von 2003 an drei Jahre lang am Ende des Schuljahrs die Kompetenzen von rund 4.700 Schülern in Mathematik und Lesen testete. Eine vierte Erhebungswelle findet unter Federführung des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung statt. Bisher gibt es die sechsjährige Grundschule außer in Berlin nur in Brandenburg. In Hamburg haben CDU und Grüne gerade in ihren Koalitionsverhandlungen eine Verlängerung der Grundschule auf sechs Jahre beschlossen.

Und nun das. Lehmann wird als Münchhausen und Scharlatan in die Geschichte eingehen. In der sogenannten Element-Studie (siehe Kasten) stehen teils ganz andere Befunde, als der Professor sie verbreitete. So verringert sich der Abstand zwischen den Gymnasiasten und Grundschülern sogar, wenn man die durchschnittliche Lesekompetenz heranzieht. So hatte es der Berliner Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) leicht mit seiner Parade: "Eine Schere zwischen Grundschulen und grundständigen Gymnasien öffnet sich nicht", ließ Zöllner offiziell mitteilen. Und er machte im Gespräch mit der taz klar: Eine weitere Öffnung der sogenannten grundständigen Gymnasien - das sind jene Gymis, die ab der Klasse fünf beginnen - wird es nicht geben: "Hier ist kein Wandel der Politik notwendig."

Damit ist Lehmanns Interviewkanonade aber nur beim Berliner Senat verpufft. Für viele hat er den ultimativen Beweis dafür erbracht, dass die sechsjährige Grundschule Mist ist. Die Studie bestätige andere Untersuchungen, sagte etwa der Vorsitzende der Philologen, Heinz-Peter Meidinger: "Je länger gemeinsam gelernt wird, desto mehr Lernnachteile sind vorhanden." Dass Meidinger als Interessenvertreter der Gymnasien das sagen muss, ist klar. Dennoch trifft er einen Nerv der Schulreformer nach der ersten Pisa-Schülerstudie im Jahr 2000. Sie argumentierten stets, dass das längere gemeinsame Lernen und die individuelle Förderung das Nonplusultra moderner Schulen seien. Und dass die frühe Aufteilung der Schüler in Deutschland schlecht sei. Nun kam Lehmann und sagte in den Interviews: Genau das ist falsch. Wie kommt Lehmann eigentlich darauf?

Die Schüler an haben Gymnasien laut seiner Studie einen riesigen Lernvorsprung gegenüber denen an Grundschulen. Beim Rechnen etwa erreichen die Berliner Gymnasiasten bereits in Mitte der fünften Klasse die Kompetenzen, auf welche die Grundschüler bis zum Ende der sechsten hinbüffeln müssen. Und beim Lesen ist es gar so, schreibt Lehmann, dass die Grundschüler "bis zum Ende der Klassenstufe 6 im Durchschnitt nicht die Kompetenzniveaus erreichen, die die vorzeitigen Abgänger bereits zum Ende der Klassenstufe 4 erreicht und überschritten hatten." Das sieht in der Tat so aus, als wären die Grundschulen Container für Idioten - und Gymnasien Torpedoschulen.

Allerdings macht ein Detail stutzig: "… die die vorzeitigen Abgänger bereits zum Ende der Klassenstufe 4 erreicht hatten", lautet es. Beginnen denn Gymnasien in Berlin bereits in der vierten Klasse?, fragt sich der Leser. Nein, natürlich nicht. Was Lehmann da erbringt, ist nicht der schlagende Beweis dafür, wie toll das Gymnasium ist, sondern welche tollen Schüler das Gymnasium bekommt. Sie sind ihren Altersgenossen schon um zwei Lernjahre voraus, wenn sie noch neben ihnen in der Schulbank sitzen - in der Grundschule.

Und so klingt es wie eine sich selbst bewahrheitende Prophezeiung, die Lehmann treibt. Er nimmt an, wie er selbst schreibt, dass die Gymnasiasten besser sein werden - und er bestätigt es dann eindrucksvoll. Aber das Warum dafür bleibt offen. "Für alle untersuchten Fächer war festzustellen, dass der mutmaßlich anspruchsvollere Gymnasialunterricht in den Klassenstufen 5 und 6 in allen dort vorhandenen Leistungsgruppen höhere Lernerfolge zeitigt." Und dann kommt der Offenbarungseid: "Noch zu klären bleibt, wie diese deutlichen Effekte zustande kommen." In seinen Interviews war Lehmann von solchen Zweifeln nicht angekränkelt. Dabei steht in der Studie, woran der Vorsprung liegt. Er heißt erfolgreiche Selbstauslese. Nur sieben Prozent der Schüler gehen vorzeitig aufs Gymnasium. Eine kleine feine Auslese mit besonderen Begabungen.

Lehmanns Studie ist voller interessanter Punkte. Er stellt fest, dass Mädchen eindeutig beim vorzeitigen Wechsel aufs Gymnasium bevorzugt werden; dass die städtischen Milieus einen gigantischen Einfluss auf die Lernerfolge haben; dass der Westteil und der Ostteil der Stadt sich in Sachen Leistung "bis auf die dritte Stelle" hinter dem Komma voll angeglichen haben; dass die Besten der Besten zwei volle Schuljahre praktisch nichts mehr dazulernen - weder in der Grundschule noch im Gymnasium. Aber öffentlich ist an Lehmann nur ein Punkt spannend, nämlich der, den er nicht beweisen kann: dass die Gymnasien besser seien als die Grundschulen.

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