Lebensmittelrettung bei der Produktion: Spaghetti in U-Form

Das Start-up „Rettergut“ rettet genießbare Lebensmittel schon bei der Produktion. So entsteht „Mixschokolade“ und Limo aus krummen Gurken.

Jemand schmiert eine Paste auf ein Vollkornbrot

Lebensmittel retten, indem man sie sich aufs Brot schmiert Foto: Jacqueline Schulz/Rittergut

Da sind krumme Gurken, schorfige Birnen, verwachsene Tomaten. Die kennt man inzwischen und man hat auch davon gehört, dass nicht nach der Norm gewachsenes, als unschön erachtetes Gemüse und Obst nicht in den Handel kommt.

Doch das die nur Spitze eines riesigen Berges aus verschwendeten Lebensmitteln. Achtzehn Millionen Tonnen genießbares Essen werden jedes Jahr in Deutschland vernichtet. Zehn Millionen Tonnen davon wären laut WWF vermeidbar. Eine Riesenmenge. Rettergut, ein Berliner Food-Start-up, will etwas dagegen tun. Sie wollen das Essen retten, es zurück in den Lebensmittelkreislauf bringen, bevor es im Müll landet.

Verschwendung finden sie überall, nicht nur auf den Äckern. So war das erste Produkt, das die Lebensmittelretter herausbrachten, dann auch nichts mit Gemüse, sondern Schokolade. Eine, die geschmacklich ein Mix aus zwei Sorten ist. Schokoladenproduzenten haben nämlich nicht für jede Sorte separate Abfüllanlagen. Steht ein Wechsel etwa von Vollmilch- zu Bitterschokolade an, wird die Maschine nicht aufwändig auseinandergeschraubt und gereinigt. Die neue Sorte verdrängt einfach die vorherige, mischt sich anfänglich aber mit ihr. Diese Mischung landete bisher bestenfalls in den Futtertrögen von Schweinen, schlechtestenfalls in der Müllverbrennung.

Nun aber wird sie von Rettergut aufgefangen und zu einem Schokoladenhybrid verarbeitet, zu einer schmelzig-bitter-süßen Mischung. „Mixschokolade“ heißt das dann. Wie sonst könnte es heißen?

In jedem Segment im Supermarkt

Philip Koloczek ist bei Rettergut für die Pressearbeit zuständig. Schokolade ist nur ein Beispiel, an dem er zeigt, wie bei dem Start-up gedacht wird. Die Ziele des Unternehmens sind in mehr als einer Hinsicht ehrgeizig. „Wir wollen in jedem Segment im Supermarkt mit unseren Produkten vertreten sein“, sagt Koloczek. In jedem Segment heißt: bei Getränken, Teigwaren, Obst- und Gemüsezubereitungen, Süßwaren, Snacks.

Seit einem Jahr ist das Start-up auf dem Markt. Gerade hätten sie einen guten Lauf, jeden Monat sei der Abschluss besser als im Monat davor. Nächstes Jahr wollen sie in die Gewinnzone kommen. Immerhin 150 Tonnen Nahrungsmittel, die sonst weggeworfen werden, würden sie derzeit jährlich schon verwerten. Das ist eine Kolonne mit ungefähr 20 voll beladenen LKWs, rechnet Koloczek vor. Auch in einigen Rewe- und Rossmann-Filialen sind ihre Produkte zu haben.

„Rettergut“ hat eine Vorgeschichte, die „Dörrwerk“ heißt. Zwei Studenten, Jonas Bieber und Zubin Farahani, sahen die Mengen an verschwendetem Obst und dachten sich, damit müssten sie was machen: In ihrer WG-Küche noch entwickeln sie um das Jahr 2014 etwas, das sie „Fruchtpapier“ nennen. Hauchdünne Scheiben getrockneten Obstmuses. Das Fruchtpapier kommt gut an. Dörrwerk wurde immer größer, das Studium blieb liegen. Es machte die beiden Gründer, den Medizin- und den BWL-Studenten, zu Unternehmern, die sie auf Dauer nicht sein wollten. Heute ist der eine Arzt; was der andere jetzt macht, weiß Koloczek nicht genau.

Die Zwillinge Philipp und Stefan Prechtner, die bereits zu Dörrwerk gestoßen waren, übernahmen. Und dachten größer. Weil eben überall Nahrungsmittel weggeworfen werden. Es sei wie ein Suchspiel. Je mehr gefunden werde, desto mehr finde sich noch. Diese Geschichte mit den Spaghetti ist ein weiteres Beispiel: Spaghetti werden zum Trocknen über eine Stange gehängt. Sind sie trocken, werden sie abgeschnitten. Zurück bleibt das u-förmige Ende. Was passiert damit? Es könnte zu Suppennudeln verarbeitet werden. Das passiert aber nicht, da die Reste, die über der Stange hängen, nicht sortenrein sind. Rettergutnudeln sind in eine neue Form gepresster, geretteter Nudelabfall.

Ein Bier aus altem Brot und Aprikosen

Abfall? Schon das Wort zeigt für Koloczek eine falsche Richtung an. „Wer Lebensmittelrettung hört, denkt meist zuallererst ans Containern“, sagt Philip Koloczek. Sachen landen in den Müllcontainern, weil etwa ihr Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist, und werden von Ak­ti­vis­t:in­nen verbotenerweise wieder rausgefischt. Mittlerweile geben Händler aussortierte Waren auch an Initiativen, die sie dann verteilen oder anderweitig vermarkten. Start-ups und Initiativen wie Too Good To Go, Sattmacher und Sirplus vernetzen Handel und Abnehmer:innen.

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Dies sei Lebensmittelrettung, die am Ende der Nahrungsmittelverarbeitung ansetzt, sagt Koloczek. Rettergut ist am Anfang dieses Prozesses tätig, nämlich bei den Produzenten und den Grundstoffen.

Sie müssen dabei, wenn sie etwas erreichen wollen, den Status quo in der Lebensmittelherstellung infrage stellen. „Wenn ich bei einem Betrieb anrufe und frage, ob Lebensmittelverschwendung stattfindet, werden die nicht sagen: Au ja, wir werfen tonnenweise Zeug weg“, sagt Koloczek. „Wir müssen ihnen klarmachen, dass wir sie nicht verunglimpfen, sondern ihnen eine Lösung anbieten wollen.“

Noch wird bei Rettergut auch viel experimentiert. Ein Bier wurde entwickelt – aus altem Brot und geretteten Aprikosen. Es schmeckte wie Radler und ist ausverkauft. Jetzt wird an neuen Sorten getüftelt. Pestos, Aufstriche, Soßen und Suppen gibt es auch schon. Und Limos, die nicht Limonaden heißen dürfen, weil nicht die für Limonaden vorgeschriebene Menge Zucker drin ist. Zwei Sorten sind derzeit zu haben, eine aus krummen Gurken, eine aus Beeren.

Sie beschränken sich aufs Vegetarische

Rettergut ist der Vernetzer, der Entwickler, der Logistiker in all diesen Prozessen. Niemand rührt mehr im Kessel Fruchtmus an, obwohl die Trockenanlagen noch in ihren Geschäftsräumen im ehemaligen Gaswerk in Berlin-Mariendorf stehen. Stattdessen arbeitet das Unternehmen mit Herstellern zusammen, die in ihrem Auftrag die Produkte fertigen. Eigentlich achte Rettergut dabei auch darauf, dass Kriterien wie bio und fair bedient werden. Das ist jedoch nicht immer zu garantieren, da in den Unternehmen mitunter auch konventionell Angebautes verwendet wird. Eine harte Grenze ziehen sie jedoch: Sie beschränken sich aufs Vegetarische.

Ob auch andere Produzenten schon auf die Idee gekommen seien, nicht nur normgerechte Produkte für ihre Suppen und Soßen zu verwenden? Denn Weggeworfen signalisiert ja: umsonst. Und wenn die Rohstoffe umsonst sind, ist die Gewinnspanne größer. „Kann gut sein“, antwortet Philip Koloczek, aber Rettergut zahlt den Produzenten für das aussortierte Gemüse und Obst faire Preise. „Es geht um soziale Nachhaltigkeit.“

Denn das ambitionierteste von allen Rettergut-Zielen ist nicht weniger als ein Paradigmenwechsel. Nahrungsmittel einfach entsorgen, wenn sie Normgrößen und Normformen nicht entsprechen – das soll ein Relikt der Wegwerfgesellschaft werden.

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