Lebensbedrohliche Schwangerschaft: Hölle und Hilfe

Alina Ebadi und Jana Tietz verloren ihre ungeborenen Kinder. Beide hatten das Hellp-Syndrom, auch Schwangerschaftsvergiftung genannt.

Eine Frau zeigt ihre Kaiserschnitt-Narbe

Bilder von Narben – die sichtbaren Male dessen, was die beiden Frauen durchlebt haben (Symbolbild) Foto: Westend61/imago

Als Alina Ebadi ihr Handy klingeln hört, weiß sie sofort, dass ihre Freundin dran ist, ihre Leidensgenossin. Die beiden Frauen nennen nur ihre Namen und fangen an zu weinen. Das Gespräch dauert nicht lange, aber es ist für beide gut. Die Erleichterung, die es verschafft, den Trost. Dann schicken sie sich noch Bilder ihrer Bauchnarben – die sichtbaren Male dessen, was sie durchlebt haben.

Die Namen der beiden Frauen sind geändert. Sie haben sich unter traurigen Umständen gefunden, aber ihre Verbundenheit, sagen sie, reicht über die erlebten Qualen hinaus.

Beide haben ihr Kind vor der Geburt verloren. Dass sie am Hellp-Syndrom, das umgangssprachlich auch Schwangerschaftsvergiftung heißt, litten, wurde zu spät diagnostiziert. Das Wort Hellp kommt aus dem Englischen und ist aus den Anfangsbuchstaben der Symptome zusammengesetzt: Hämolyse, erhöhte Leberwerte und niedrige Thrombozyten. Im Akronym stecken aber auch die englischen Worte „hell“ und „help“ – Hölle und Hilfe.

Alina Ebadi ist 32 Jahre alt, als sie ihre Tochter in der 35. Woche verliert und selbst dem Tod nur knapp entrinnt. Mehr als vier Jahre ist das nun her.

Dabei fing alles harmlos an, ihre Schwangerschaft, sagt sie, sei „bilderbuchhaft“ verlaufen. Und nicht nur die, auch ihre Beziehung mit ihrem Partner, den sie erst an Weihnachten im Jahr zuvor in einem Club kennengelernt hatte und bei dem sie gleich „eine große Sicherheit“ verspürt habe. Eine Woche lang wichen sie sich nicht von der Seite und verbrachten einen romantischen Silvesterabend in den Schweizer Bergen. Einen Monat später ist sie bereits schwanger. Beide sind verliebt, beide wollen eine Familie gründen. Aber die Diagnose der Präeklampsie und die Eskalation zum Hellp-Syndrom verändern alles.

Die Symptome

Im siebten Monat bekommt Ebadi angeschwollene Extremitäten und Ödeme im Gesicht. Ihre Frauenärztin schickt sie mit Verdacht auf Präeklampsie ins Krankenhaus, ohne Erhärtung des Verdachts. Wenige Wochen später wird die Präeklampsie aber doch diagnostiziert, der Blutdruck ist gestiegen und im Urin werden erhöhte Eiweißwerte gefunden – alles Symptome eines Syndroms, das man früher auch als Schwangerschaftsvergiftung bezeichnete. Wenn es sich verschlimmert und zum Hellp-Syndrom wird, besteht akute Gefahr, das Kind und das eigene Leben zu verlieren. Nur die Geburt des Kindes durch einen Kaiserschnitt kann das verhindern.

Der Gynäkologe Jürgen Wacker, ärztlicher Direktor der Frauenklinik Bruchsal, ist Experte auf diesem Gebiet und bezeichnet Präeklampsie und vor allem das Hellp-Syndrom als eine „seltene, aber große Gefahr für Mutter und Kind“ in der Schwangerschaft.

Alina Ebadi wird nach ihrer Diagnose in ein anderes Krankenhaus zur besseren Überwachung überstellt. Dort klagt sie am Abend über starke Oberbauchschmerzen, ein weiteres Indiz für das Hellp-Syndrom. Verzweifelt krallt sie sich am Bettgestänge fest. Ihr Partner, müde von einer Nachtschicht, ist auch anwesend und versucht sie zu beruhigen.

Er habe, sagt er, die Situation überhaupt „nicht einordnen“ können und sich „ausgeliefert“ gefühlt; dann, spät nachts, sei die Lage „plötzlich gekippt“. Obwohl sich die Laborwerte verschlechtern, die Patientin unter starken Schmerzen leidet und sich die Indizien für das Hellp-Syndrom häufen, kommt die Ärztin nicht zur Einschätzung einer Lebensgefahr für Kind und Mutter. Als sie erneut die Herzschläge des Kindes abhört, stellt sie fest, dass es gestorben ist.

Dann geht alles blitzschnell: Das Bett wird mit fliegenden Rädern in den OP geschoben, um wenigstens das Leben von Alina Ebadi zu retten. Notkaiserschnitt, Multiorganversagen, Hirnblutungen – drei Operationen sind notwendig, um sie zu stabilisieren. Vierzehn Tage liegt Ebadi im künstlichen Koma, acht Wochen im Krankenhaus, ihr Überleben steht auf Messers Schneide. Ihr Partner und ihre Familie weichen nicht von ihrer Seite.

Es dauert lange

Aus dem Krankenhaus entlassen, zieht sie mit ihrem Partner in das Haus seiner Eltern. Die physische Genesung dauert Monate, das Verarbeiten des Verlusts Jahre, vielleicht ein Leben lang. Erst jetzt, nach vier Jahren, sagt Ebadi, spüre sie wieder etwas von ihrer „alten Identität“. Durch den Verlust ihres Kindes sei sie „in Scherben zerfallen“ und die Dinge, die ihr danach noch wichtig waren, habe sie mühevoll „zu einem Mosaik zusammengefügt“. Sie habe lange Zeit niemanden treffen wollen, manche Freundschaften seien „zerbröckelt“, neue, unverhoffte, fanden sich.

Die Beziehung zu ihrem Partner wird durch den gemeinsamen Verlust enger und gleichzeitig fällt es den beiden schwer, sich in dieser traumatischen Situation besser kennenzulernen, alles ist ein Minenfeld. Sie machen eine Paartherapie, die ihre Gefühle einander begreiflicher machen soll. Er stellt seine Bedürfnisse zurück und kümmert sich um ihre Genesung, regt sie zum Essen an, holt einen Hund ins Haus, der für Bewegung, Abwechslung und Lebendigkeit sorgt.

Ihre Beziehung, die mit einem großen Knall begonnen hat, aber so gut wie keine normale Zeit erfährt, gerät in schwieriges Fahrwasser, jeder kämpft mit seiner eigenen Trauer, seinen eigenen verworrenen Gefühlen. Am Ende jedes Streits raufen sie sich aber zusammen. Alina Ebadi kämpft in den Jahren nach dem Verlust mit ihrem Inneren, stellt sich der Angst, erneut die Kontrolle zu verlieren. Manchmal, sagt sie, habe sie das Gefühl gehabt, „in die Klapse gehen zu müssen“.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Sie stellt sich auch dem Hass auf die Ärztin, der sie totales Versagen vorwirft, und den Neidgefühlen auf andere Mütter, die es geschafft haben, ein gesundes Baby zur Welt zu bringen. Sie liest und recherchiert – über das Hellp-Syndrom, über Mütter, denen das Gleiche widerfahren ist wie ihr. Aber sie wird nicht fündig. Bis sie eines Tages Jana Tietz über einen Onlineartikel findet.

Eine Seelenverwandte

Die Parallelen zwischen Jana Tietz und Alina Ebadi sind vielfältig. Auch Tietz verlor ihr Kind wenige Wochen vor der Geburt und starb dabei fast selbst, Multiorganversagen, Riss in der Leber, drei Operationen, zehn Tage Koma, in dem sie ein Nahtoderlebnis hatte und von alleine erwachte.

Einen Tag vor dem Verlust ihres Babys geht Tietz mit ihrem Mann ins Krankenhaus. Sie klagt über Rücken- und Oberbauchschmerzen; auch sie hat Bluthochdruck und erhöhte Eiweißwerte im Urin. Die Ärztin erkennt die Gefahr jedoch nicht und renkt Tietz ein, was, wie nachträglich festgestellt wird, zu einem Riss in der Leberkapsel führt. Dann schickt die Ärztin sie noch zum Tapen in ein anderes Krankenhaus, wo aber zu viel los ist.

Am nächsten Morgen ist Jana Tietz gelb angelaufen, für das Baby kommt jede Hilfe zu spät. Als Tietz’ Mann mitgeteilt wird, dass sie das Kind verloren hat, habe sich „ein schwarzer Umhang um ihn gelegt“. Ihm wird gesagt, dass seine Frau sich durch den Leberriss womöglich nicht erholen werde und auf eine Spenderleber hoffen müsse. In Gedanken plant er nicht nur das Begräbnis seines Sohnes, sondern auch das seiner Frau. Sein Arbeitgeber stellt ihn für zwei Monate frei, die er im Krankenhaus an der Seite von Jana Tietz verbringt; die Krankenhausleitung hat ihm eine Bleibe in der Besenkammer eingerichtet. Jana Tietz erholt sich unerwartet wieder.

Auch die beiden holen sich nach kurzer Zeit einen Hund, dazu Enten und Hühner. Anders als Alina Ebadi fängt Jana Tietz wieder früh an zu arbeiten, wühlt nicht so tief in ihrem Inneren und versucht, nach vorne zu schauen. Ihre seit dreizehn Jahren andauernde Beziehung zu ihrem Mann und eine Selbsthilfegruppe helfen ihr, die Katastrophe zu bewältigen. Aber auch sie hat ihre Gefühle nicht immer unter Kontrolle. Der Hass auf die Ärztin, die sie eingerenkt hat und dies später vehement bestreitet. Der Neid und der widerspenstige Wunsch, „alle Schwangeren am liebsten umzubringen“. Die Trauer, als auch noch ihr Vater wenige Monate später stirbt. Wie Alina Ebadi will auch Jana Tietz damals „nichts Oberflächliches mehr um sich herum“ haben.

Die neue Schwangerschaft versöhnt

Gut anderthalb Jahre nach dieser Erfahrung wird Tietz wieder schwanger. Diesmal kommt ein gesunder Junge zur Welt und versöhnt sie mit ihrer Trauer. Seitdem will sie andere Frauen über das Hellp-Syndrom aufklären, sie lässt ihre Geschichte anonymisiert online veröffentlichen.

Durch diesen Text wird Alina Ebadi auf das Schicksal von Jana Tietz aufmerksam. Sie meldet sich bei der Onlineplattform, Tietz ruft sie noch am selben Tag zurück. „Es war so eine große Erleichterung, diesen Menschen gefunden zu haben, der einen versteht“, sagt Alina Ebadi. Sie seien gleich auf einer Wellenlänge gewesen, hätten sich sofort ins Herz geschlossen. Da sei eine „ganz große Vertrautheit“ zu spüren gewesen.

Auch Jana Tietz empfindet es so. Sie habe „sofort ein warmes Herz und einen warmen Bauch gehabt“. Wenn sie einen Satz begonnen habe, konnte ihn Alina Ebadi zu Ende bringen. Fortan schreiben sich die beiden Frauen oft oder telefonieren, sie tauschen sich über das Erlebte aus, aber auch über ihre Beziehungen und ganz Alltägliches. „Wir sind sehr komplementär, und das hilft uns beiden“, fasst Alina Ebadi ihr Verhältnis zusammen. Die eine schaut tief nach innen, hadert mit ihrem Schicksal; die andere schreitet forsch voran, in der Hoffnung, dass das Verschüttete nicht eines Tages wieder aufbricht. So helfen sie sich gegenseitig mit ihren unterschiedlichen Perspektiven und Verarbeitungsstrategien.

Ein halbes Jahr nach dem ersten Gespräch fahren Alina Ebadi und ihr Mann von Süd nach Nord durch Deutschland, um Jana Tietz und ihre Familie zu besuchen. Es ist ihre erste persönliche Begegnung. Ihre Freundschaft wird noch enger.

Dass Jana Tietz ein gesundes Kind zur Welt gebracht hat, schmerzt Alina Ebadi nicht, im Gegenteil, es freut sie, was keine Selbstverständlichkeit ist. Vielleicht ist es diese Offenheit und Klarheit zwischen den beiden Frauen, die es Jana Tietz erlaubt, das schwer Vorstellbare anzusprechen: Alina Ebadi solle keine Angst haben und es noch mal versuchen.

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