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Laute Frauen in der BahnDer Sekt-Vierer

Ostern in der Bahn: Ein Mann findet die älteren Frauen mit Piccolo zu laut. Klar, die kümmern sich ja auch einmal nur um sich selbst statt um andere.

Ob durch Sekt, Bier, Luft – alkoholisierte Mitreisende können nerven Foto: Action Pictures/imago

S chrecklich war die Fahrt mit dem ICE – sagt Marius, Ende zwanzig, am Bahnsteig zu seinen Freunden. Es sei die unangenehmste Gruppe aller typischen Reisegruppen überhaupt an Bord gewesen. Direkt neben seinem reservierten Platz saß angetrunken, ruhestörend und einfach belastend: eine Gruppe älterer Frauen mit Prosecco. Seine Freunde schauen ihn mitleidig an.

Really?! Das ist sie? Die unangenehmste Gruppe Zugfahrender sind Frauen, die Prosecco trinken? Nicht Fußballfans mit Bier, kein grölender Junggesellenabschied, keine nervigen Geschäftsmänner oder FDP-Fraktionsfahrt? Gut, FDP-Fraktionen sind wohl eher etwas aus der Vergangenheit, aber alle anderen Gruppen sind lebendiger wiederkehrender Gast im Deutsche-Bahn-Universum.

Was den Typ genau gestört hat, war die Lautstärke. Verständlich. Ich bin Reisetyp „Kopfhörer im Ruhebereich“, und wenn das nicht klappt, bin ich auch mal genervt. Zwischen einer nervigen und einer unangenehmen Situation gibt es allerdings wichtige Unterschiede. Nervig können auch schreiende Kleinkinder sein, wenn man gerade versucht, ein Nickerchen zu machen.

Unangenehm sind vor allem solche Mitreisenden, die ganz schnell zu einer Bedrohung werden können. Das sind – in unterschiedlichen Gefährdungsgraden – für alle Geschlechter: Männergruppen. Besonders dann, wenn Alkohol im Spiel ist. Laute Frauengruppen sind meist einfach nur laut. Aber genau das ist so ungewohnt, dass es Marius unangenehm ist. Laute Frauen in der Öffentlichkeit.

Ostern ist das erste verlängerte Wochenende des Jahres mit dem Potenzial auf gutes Wetter: ideale Bedingungen für einen Kurztrip für alle, die weder Eier verstecken noch suchen müssen. Und so bin ich sicher, dass auch dieses Wochenende zwischen Frankfurt und München oder Berlin und Hamburg wieder Frauen an Vierern sitzen, quatschen und dabei die ein oder andere Flasche köpfen. Es könnte sogar sein, dass sie dabei laut lachen. Ich hoffe, es ist so. Ladys, lasst krachen! Freun­d*in­nen­schaft ist gesund.

Und wer auch immer ihr seid, was auch immer ihr tut: Ich sehe euch da sitzen und höre den Korken knallen in der Sekunde, in der der Zug den Bahnhof verlässt, und denke mir: Das habt ihr euch verdient. Wer so froh ist, wo wegzukommen, musste dringend los. Wer eine Fahrt mit der Deutschen Bahn als Grund zum Feiern sieht, hatte es bitter nötig.

Ich merke in dem Moment, in dem ihr einsteigt, dass ihr entkommt. Keine Ahnung, ob das eure Jobs sind, Ehemänner, Kinder oder Enkelkinder, die euch veranlassen, die Stadt zu verlassen – vermutlich alles zusammen, und wisst ihr was: Ihr hättet schon früher fahren sollen und noch ’ne Flasche mehr einpacken. Gönnt euch!

Was für Marius die unangenehmste Gruppe aller stereotypen Reisegruppen ist, sind Frauen, die einfach mal ’nen Scheiß darauf geben, wie er sich gerade fühlt. Dann sind das aus seiner Perspektive auch noch ältere Frauen. Die könnten seine Mutter oder Großmutter sein, verhalten sich aber so gar nicht mütterlich oder großmütterlich. Sie kümmern sich um ihren eigenen Spaß und nicht um das Wohl anderer.

Ich bin aktuell nicht in der Lebensphase für den Sekt-Vierer. Aber ich hoffe, das kommt noch. Dann wird Marius ältere Frauen und Queers of Color die unangenehmste Gruppe nennen.

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Simone Dede Ayivi
Simone Dede Ayivi ist Autorin und Theatermacherin. Sie studierte Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis in Hildesheim. Aktuell arbeitet sie zu den Themen Feminismus, Antirassismus, Protest- und Subkultur.
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