Land unter in Irland: Die Nacht des großen Windes

Fünf Orkane haben jüngst die Grafschaft Clare heimgesucht – neue sind angekündigt. „Für uns Bauern sind die Schäden immens“, sagt Pat McNamara.

Die Küste bei Doolin, wo der letzte Orkan einen ganzen Parkplatz unter Stein begrub. Bild: ralf sotscheck

LAHINCH taz | Kein Stein liegt mehr an seinem Platz. Die Stürme der vergangenen Wochen haben die Küste der westirischen Grafschaft Clare völlig durcheinandergebracht. „Steine, so groß wie ein Tisch, sind einfach in die Luft gewirbelt worden“, sagt Pat McNamara. Der 55-Jährige ist Bauer in Fanore, einem Ort, der für seinen Sandstrand berühmt war. Den Strand gibt es nicht mehr, das Meer hat sich den Sand geholt und die Felsen darunter freigelegt.

Felsen gibt es genug in dieser Gegend, sie heißt Burren. Das stammt vom gälischen boireann ab, was felsiger Ort bedeutet. Es ist ein Naturschutzgebiet. Das heißt in der Regel, dass die Natur vor den Menschen geschützt wird, nicht umgekehrt. „Aber so wild wie vorige Woche war es hier noch nie“, erzählt Pat McNamara. Die Windgeschwindigkeit habe 160 Stundenkilometer betragen.

Der internationale Flughafen Shannon am südlichen Ende der Grafschaft musste geschlossen werden, Hunderte von Dächern wurden komplett abgedeckt und Bahnlinien gesperrt, weil Felsbrocken auf den Gleisen lagen. 100.000 Häuser entlang der irischen Westküste blieben tagelang ohne Strom oder Telefon.

Die USA wurde diesen Winter von einer Kältewelle heimgesucht, in Japan schneite es heftig, während in Großbritannien, Frankreich, Belgien und Irland Dauerregen und Winterstürme enorme Schäden an den Küsten anrichteten. In Deutschland dagegen war der Winter besonders mild.

Laut Meteorologen war die Kältewelle in den Vereinigten Staaten mit ein Grund für die angenehmen Temperaturen hierzulande. Die kalte Luft dort habe dafür gesorgt, dass milde Luft nach Mitteleuropa gelenkt wurde. Die Atlantik-Strömung blieb den Winter über stabil. Die Stadt Köln blieb sogar den ganzen Winter über frostfrei.

Viele Meteorologen und Klimaexperten gehen davon aus, dass es in Zukunft häufiger feuchtere Winter, trockenere Sommer, einen höheren Meeresspiegel und stärkere Regengüsse geben wird.

In Deutschland hat der Vorfrühling Einzug gehalten. (taz)

„Kaum hatte man die Schäden ausgebessert, machte der nächste Sturm alles wieder zunichte“, berichtet Bauer McNamara. „Und dann in einem Moment, als es vollkommen windstill war, hob sich der Atlantik binnen Sekunden um zwei Meter. Es war gespenstisch.“

Die Strandpromenade weggespült

Fünf Orkane sind seit dem zweiten Weihnachtstag auf die Küste geprallt und über die Grafschaft Clare hinweggefegt, und jede Nacht musste Pat McNamara hinaus aufs Feld, weil fünf seiner Kühe hochschwanger waren. Er hatte Glück, die Kälber kamen zur Welt und überlebten, aber eine Kuh hat McNamara im Sturm verloren. „Wir hier in Fanore sind noch recht glimpflich davongekommen“, sagt er. „Lahinch hat es viel schlimmer erwischt.“

Der Badeort, knapp 30 Kilometer südlich gelegen, war tagelang von der Außenwelt abgeschnitten. Zahlreiche Familien mussten aus ihren Häusern evakuiert werden. Viele der Wohnwagen, die im Sommer an Touristen vermietet werden, sind zu Kleinholz geworden. Der Ort mit 700 Einwohnern lebt vom Tourismus. Neben seinem berühmten Golfplatz soll Lahinch den nach Hawaii besten Surfstrand der Welt haben, behaupten die Einheimischen.

Es gibt vier Surfschulen, deren Läden auf der Promenade lagen. Seit dem Sturm im Januar gibt es die Promenade nicht mehr. „Das Meer drang 500 Meter weit ins Land ein und riss alles mit sich“, sagt Anton O’Looney. „Die schweren Abdecksteine auf der Kaimauer flogen fünfzig Meter weit, als wären sie aus Papier. Es war wie Armageddon. Mein Restaurant auf der Promenade ist abgesoffen.“

Das war auf den Tag genau 175 Jahre nach „oíche na gaoithe móire“, der „Nacht des großen Windes“, in der am 6. Januar 1839 ein Viertel aller Häuser in Nord-Dublin zerstört, 42 Schiffe versenkt und mehrere Hundert Menschen getötet wurden.

Alter Müll

Laut Michael Vaughan, Hotelbesitzer in Lahinch und zugleich Präsident des irischen Hotelier-Verbands, wird der Schaden für die Küste von Clare auf 23,5 Millionen Euro geschätzt. „Aber das war vor dem Sturm in der vergangenen Woche“, erklärt der Hotelier. „Jetzt sind es mindestens 30 Millionen. Und weitere Stürme sind für den 1. März angekündigt.“

Der Orkan habe Tonnen von Müll zutage gefördert, als er die Felsen unter der Promenade hochwirbelte. Besucher hatten seit Jahrzehnten Picknickabfälle und schmutzige Windeln zwischen die Felsen gestopft. 50 Freiwillige sammelten binnen einer Woche mehr als 600 Säcke voller Müll.

Die Menschen an der Westküste sind Regen und Stürme gewohnt. Doch sie werden häufiger und heftiger. Vor zwei Jahren hatten die Behörden eine Liste mit gefährdeten Orten herausgegeben – Lahinch war nicht darunter. Der zuständige Staatssekretär im Finanzministerium, Brian Hayes, fordert nun eine landesweite Debatte darüber, wie man mit Überschwemmungen umgehen solle. Das Budget für die Vermeidung von Flutschäden sei trotz Rezession nicht gekürzt worden, erklärte er. In den kommenden fünf Jahren würden 250 Millionen Euro zur Verfügung stehen.

Soll man Land aufgeben?

Das Geld wird nicht reichen, um alle flutgefährdeten Gegenden zu schützen. Wissenschaftler vom Klima-Institut der Universität Maynooth gehen davon aus, dass aufgrund des Klimawandels Sturm, Springflut, ansteigender Meeresspiegel, starker Regen und Tiefdruckgebiete in Zukunft häufiger zusammentreffen werden.

Der Geophysiker Robert Devoy von der University College Cork stellte zur Diskussion, man müsse darüber nachdenken, welche Küstenstreifen gerettet werden sollen und welche man aufgeben müsse. „Eine schwere Entscheidung“, sagt er. „Wir haben uns daran gewöhnt, dass die Küste seit rund 2.000 Jahren an Ort und Stelle geblieben ist. Wir wollen an den Küstenlandstrichen festhalten, obwohl es manchmal weiser wäre, sie gehen zu lassen.“

Auch die irische Umweltschutzbehörde stellt ähnliche Überlegungen an. In manchen Fällen könnte sich ein „geplanter Rückzug“ von der Küste als wirtschaftlichste Lösung erweisen, heißt es in einer Studie. Für Städte ist das natürlich keine Option. Die Behörde hat festgelegt, dass Häuser künftig mit mindestens 100 Meter Abstand vom Meer gebaut werden müssen, und im Mündungsgebiet von Flüssen darf kein Land neu gewonnen werden.

„Klar ist der Klimawandel schuld“, sagt Farmer Pat McNamara in Fanore, „solche Orkane gab es so noch nie.“ Er ist 57 und kann sich nicht vorstellen, neu anzufangen. Sein ganzes Leben hat er an der irischen Westküste zugebracht. „Er wird krank, wenn er das Meer nicht sehen kann“, sagt seine Frau Gill über ihn. „Bei uns ist es ja Gott sei dank nicht so schlimm wie in Großbritannien.“

Cameron in Gummistiefeln

Dort haben die Stürme weite Teile Südenglands verwüstet. Die Themse ist über die Ufer getreten, zeitweilig waren sogar Windsor Castle und die umliegenden Wohnviertel der Reichen vom Wasser bedroht. Die Bevölkerung in Cornwall und Wales fühlt sich von der Regierung im Stich gelassen, und Premierminister David Cameron wird vorgeworfen, seine Haushaltskürzungen hätten dazu geführt, dass die Umweltbehörde 25 Prozent ihres Personals eingebüßt hat. Cameron begab sich blitzschnell in Gummistiefeln in die überschwemmten Gebiete und beschwor den Widerstandsgeist der Briten während des Zweiten Weltkriegs. „An Geld für die Katastrophenhilfe wird es nicht mangeln“, erklärte er.

Wer in Irland für die Schäden aufkommen wird, ist dagegen ungewiss. Die Regierung hat den Bezirksverwaltungen 70 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, um die Schäden an öffentlichen Gebäuden und Straßen zu beheben. Was aber ist mit den Privathaushalten? Den Surfshop- und Restaurantbesitzern in Lahinch, den Bauern in Fanore?

Versicherungsmakler Seán Burke ist in Lahinch unterwegs, um Schäden zu begutachten. „Viele sind gar nicht gegen Überschwemmung versichert“, weiß er. „Außerdem kann man die Versicherung in einem solchen Fall nur einmal in Anspruch nehmen. Danach wird dich niemand mehr gegen Überschwemmungen versichern.“

Versalztes Land

Michael McNamara lebt am Atlantik in Doolin, die Küstenstraße von Lahinch hinauf, vorbei an den Klippen von Moher, dem Wahrzeichen der Grafschaft. Der kleine Mann, Ende 60, hatte vor 30 Jahren einen Wohnwagen neben dem großen Parkplatz aufgestellt. Die Bezirksverwaltung hat ihn später dort nicht mehr wegbekommen, weil er Gewohnheitsrecht hatte. Das hat der letzte Orkan nun erledigt.

„Mitten in der Nacht hob sich sein Wohnwagen vom Fundament und versetzte ihn um einige Meter, so dass er in der Mitte auseinanderbrach“, erzählt Pat McNamara, Michaels Neffe. „Er musste während des Sturms Zuflucht bei seinem Bruder im Dorf suchen.“ Das war sein Glück, denn der Parkplatz und die benachbarten Felder sind unter Tonnen von Steinen begraben.

„Viele Mauern sind einfach zusammengebrochen“, sagt Pat McNamara. „Es ist eine Kunst, die Trockenmauern so zu bauen, dass sie winddurchlässig sind, aber gegen diese Orkane hatten sie keine Chance.“ Die Straße zum Hafen ist nicht mehr befahrbar, manche Löcher sind einen Meter tief. Die Büros der Fährgesellschaften sind schwer beschädigt. Die Reedereien betreiben Fähren nach Inisheer, der kleinsten der Aran-Inseln, die jetzt noch kleiner ist, weil Teile im Meer verschwunden sind. Selbst die „Plassy“, ein riesiges Frachtschiff, das mit einer Ladung Whiskey an Bord bei einem Sturm 1960 Leck geschlagen war und dann auf die Insel gespült wurde, ist vom zweiten Orkan im Januar ein Stück versetzt worden.

„Für uns Bauern sind die Schäden immens“, sagt McNamara, „auch wenn man sie noch nicht sieht. Die Felder sind vom Meer überschwemmt worden, und wenn sich das Wasser zurückzieht, stirbt das Gras wegen des Salzes ab. Es dauert mindestens sechs Monate, bis das Land wieder zu gebrauchen ist. Es ist unglaublich, was für eine Zerstörungskraft Wasser hat.“

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